16.12.12

Studie

Die Ostdeutschen finden sich richtig toll

Was halten die Deutschen voneinander? Eine neue Studie zeigt Überraschendes: Im Westen, nicht im Osten ist man von Selbstzweifeln geplagt. Alles über west- und ostdeutsche Klischees.

Foto: Infografik DIE WELT

Das Selbstbildnis der Ost- und Westdeutschen im Vergleich
Das Selbstbildnis der Ost- und Westdeutschen im Vergleich

Marie Landsberg war sechs Jahre alt, als die Mauer fiel. Bewusst kann sie sich nicht an den 9. November 1989 erinnern. "Aber ich weiß noch, wie in unserer Kita das Bild von Erich Honecker abgenommen wurde", sagt Landsberg. "Das fand ich sehr verstörend." In ihrem ersten Schuljahr bekam sie noch die DDR-Fibel ausgehändigt, die Lehrpläne wurden erst ein paar Monate später geändert.

Landsberg wurde in Ost-Berlin geboren und im vereinten Deutschland groß. Heute ist sie Projektmanagerin der "Dritten Generation Ost", eines Netzwerks von rund 2000 Personen, die alle zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. 2,4 Millionen Menschen betrifft das insgesamt – eine Generation, deren Perspektive bisher wenig berücksichtigt wurde.

Es sind Wendekinder, die in ihrer Kindheit einen Systemwechsel erlebt haben und nun Fragen stellen: wie die DDR die Menschen geprägt hat, wie man heute mit diesem Erbe umgehen kann.

Diese Fragen stellen sie an sich selbst, aber auch an ihre Eltern, an Politiker. Sie wollen verkrustete Bilder vom Besserwessi und Jammerossi aufbrechen. Es geht um Selbstbewusstsein, Tatkraft. Um Eigenschaften also, die den Klischees über die Ostdeutschen widersprechen. Zu Unrecht.

"Wahrnehmung Ost- und Westdeutscher"

Denn Ostdeutsche schreiben sich selbst überwiegend positive Eigenschaften zu – im Gegensatz zu Westdeutschen.

In der repräsentativen Allensbach-Studie "Die gegenseitige Wahrnehmung Ost- und Westdeutscher", die im Auftrag der Hochschulinitiative Neue Bundesländer erstellt wurde, bezeichnen sich Ostdeutsche als bescheiden (69 Prozent), zurückhaltend (63), erfinderisch (58) und hilfsbereit (55 Prozent). Westdeutsche charakterisieren sie als arrogant (71 Prozent), geldgierig (57), selbstbewusst (54) und bürokratisch (45 Prozent).

Westdeutsche bezeichnen sich selbst hingegen als selbstbewusst (47 Prozent), ehrgeizig (38), arrogant (37) und bürokratisch (35 Prozent). Ostdeutsche schildern sie als unzufrieden (51 Prozent), misstrauisch (42), ängstlich (29) und sparsam (29 Prozent).

Osten schreibt Westen nur negative Eigenschaften zu

"Zählt man alle negativen Eigenschaften, die Westdeutsche Ostdeutschen zuschreiben, zusammen, so erhält man einen Durchschnitt von 25,3 Prozent. Der Durchschnittswert aller positiven Eigenschaften liegt bei 18,8 Prozent. Insgesamt wirkt das Bild ausgeglichen", heißt es in der Studie.

"Wesentlich pointierter ist dagegen die Vorstellung der Ostdeutschen von den Westdeutschen: Der durchschnittliche Anteil der negativen Eigenschaften liegt bei 42,7 Prozent. Positive Eigenschaften werden nur zu vier Prozent zugeschrieben."

Anders ausgedrückt: Ostdeutsche schreiben Westdeutschen praktisch nur negative Eigenschaften zu. Das Selbstbild der Ostdeutschen fällt dagegen positiv aus. Der Anteil der positiven Charakterisierung liegt bei 47,1 Prozent – während Westdeutsche auch sich selbst durchaus kritisch sehen (21,5 Prozent positive, 17,1 Prozent negative Selbstzuschreibung).

"Die jungen Leute sind in Europa zu Hause"

Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin in Thüringen (CDU), führt das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen auf ihre Prägung zurück. "Die ständige Selbsthinterfragung, der intensive Diskurs gehörten im Westen zur Kultur. Aus einer Diktatur kommend, kennt man das so nicht", sagt Lieberknecht.

"Ostdeutsche wissen durchaus, was sie können. In Thüringen etwa das alte Handwerk und die Ingenieurskunst. In diesen Dingen sind wir selbstbewusst."

In der jungen Generation spielten Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen kaum noch eine Rolle, sagt Lieberknecht. "Die jungen Leute sind in Europa, in der Welt zu Hause."

Bei den Älteren hänge das Bild der Deutschen aus dem jeweils anderen Teil des Landes stark davon ab, ob man die Chance hätte, gemeinsame Aufgaben wahrzunehmen. "Wer in traditionellen Kreisen aufgewachsen ist, egal ob Ost oder West, lässt sich nicht so schnell eines anderen belehren", sagt Lieberknecht, die als Tochter eines evangelischen Pfarrers in einem kleinen Dorf in Thüringen aufwuchs.

"Der Prototyp West ist stark, individuell"

"Jeder zweite Westdeutsche hat bislang nur selten den Osten besucht – da gibt es natürlich auch keine Chance, Urteile zu revidieren. Da müssen sich mehr Gelegenheiten offenbaren."

Erwin Sellering (SPD), Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, beklagt angesichts dieser Ergebnisse eine moralische Überheblichkeit des Westens gegenüber Ostdeutschen. "Mich stört der mitunter hoch erhobene, sehr moralische Zeigefinger des Westens gegenüber den Menschen in der ehemaligen DDR", sagt Sellering.

Der Regierungschef kritisiert: "Da wird die DDR schnell zum Unrechtsstaat erklärt, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab." Dabei werde übersehen, dass es in der DDR Millionen von Menschen gegeben habe, "die weder Täter noch Opfer waren und die unter oft schwierigen Bedingungen viel geleistet haben", sagt der SPD-Politiker.

Die nach wie vor bestehenden Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen führt Sellering auf den Kalten Krieg zurück. Damals habe es "negative Pauschalurteile" gegeben, "weil man sich ja auch politisch abgrenzen musste".

"Prototyp West ist stark, individuell, selbstbewusst"

Die "Dritte Generation Ost" setzt sich für mehr Kommunikation ein – und das ist manchmal gar nicht so einfach. Mit ihren Eltern habe sie noch heute Schwierigkeiten, über gewisse Sachen zu reden. Etwa darüber, was es in der DDR für menschenunwürdige Ausprägungen gab. "Meine Eltern denken dann, ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Leben werde schlechtgemacht", sagt Projektmanagerin Landsberg.

"Mein Vorschlag, gemeinsam das Stasi-Museum in Berlin-Hohenschönhausen zu besuchen, stößt bis heute auf große Ablehnung."

Was den Habitus angeht, macht Marie Landsberg zwei Extreme aus. "Der Prototyp West ist stark, individuell, selbstbewusst und setzt sich gegen Konkurrenten durch. Der Prototyp Ost ist ein Gruppentyp, bescheiden, guckt auf das Gemeinwohl, tut sich nicht zu sehr hervor, bleibt im Durchschnitt. Zwischen diesen Extremen befinden sich die verschiedenen Generationen."

Vorbereitung zum 25. Jahrestag

Doch die Unterschiede, entstanden durch die kindliche Prägung, werden sich mehr und mehr abschleifen, glaubt Landsberg. Ihre Institution sieht sich als Ideengeber, für das kommende Jahr wird das Thema "Gründen als Denkhaltung" ein Schwerpunkt sein. Zwischen Ostsee und Erzgebirge gibt es kaum Zentralen großer Unternehmen, die Wirtschaftskraft im Westen liegt je Einwohner um ein Fünftel über dem Ost-Niveau.

Da kann man nur hoffen, dass neue Firmen gegründet werden. Ein weiteres Thema der Organisation ist die Vorbereitung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

Bis dahin, ist Landsberg sich sicher, werden noch ein paar Unterschiede in den Köpfen mehr verschwunden sein. Landsberg selbst ist das beste Beispiel. "Ich habe in Frankreich und Norwegen studiert. Ich habe Verwandtschaft in Brasilien und den USA. Ich bin im Internet mit Bekannten aus aller Welt verbunden." Ihre ostdeutsche Herkunft sei nur ein Teil von alledem. Manchmal sogar nur ein kleiner.

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