14.12.12

Maurice Herzog (†)

Der Mann, der im Rausch auf Achttausender stieg

Der Franzose Maurice Herzog ist tot. Er starb mit 93 Jahren. 1950 schaffte er es als Erster auf einen Achttausender, die Annapurna. Eine abenteuerliche Geschichte über Drogen, Frost und Missgunst.

Von Holger Kreitling
Foto: AFP

Der französische Alpinist Maurice Herzog ist tot. Er verstarb im Alter von 93 Jahren.

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Maurice Herzog hat ein langes Leben gehabt, und die meiste Zeit davon musste er auf einige Finger und Zehen verzichten. "Sie sehen, was ich weniger habe, ich aber spüre, was ich mehr habe", sagte er dazu. "Und das ist unendlich viel größer als das, was mir fehlt." Schuld für den Verlust war die Tat, die Maurice Herzog berühmt machte. Der Franzose war 1950 der erste Mensch, der einen der Achttausender im Himalaya bestieg, die Annapurna.

Am Freitag ist Herzog im Alter von 93 Jahren gestorben. Er war lange ein Volksheld in Frankreich, von seinem Bergsteiger-Buch "Annapurna" wurde die heute unvorstellbare Zahl von zwölf Millionen Exemplaren verkauft. Herzog ging als klassischer Abenteurer in die Geschichte ein. Auf dem Cover steht er dick vermummt im Schnee, in seinen Händen reckt er einen Eispickel, an dem die französische Flagge hängt.

Die Schuhe waren zu leicht

Herzogs Geschichte erzählt enorm viel über das frühe Extrem-Bergsteigen. In den 30er-Jahren waren mehrere Versuche gescheitert, die Achttausender zu bezwingen. Die Deutschen hatten sich vor allem am Nanga Parbat vergeblich bemüht. Im Mai 1950 fuhr eine französische Expedition nach Nepal. Sie hatten besseres, leichteres Material bei sich. Allerdings waren die Schuhe zu leicht, was sich später rächen sollte.

Eigentlich wollten die insgesamt acht Männer zum 8167 Meter hohen Dhaulagiri, aber der Fuß der 35 Kilometer weiter gelegenen, 8091 Meter hohen Annapurna war besser erreichbar. Herzog, 31, war der Leiter der Gruppe, nicht der beste Kletterer.

Zunächst ging vieles schief, besonder bei der nötigen Akklimatisierung. Aus Unwissen stiegen die stärksten Bergsteiger einfach so weit, bis sie nicht mehr konnten – statt sich wie heute üblich schrittweise an die Höhe zu gewöhnen. Anfang Juni fielen die ersten Kletterer aus.

Beide nahmen Aufputschmittel

Die Nacht zum 3. Juni muss schlimm gewesen sein. Herzog und der damals 28 Jahre alte Louis Lachenal waren in der "Sichel" genannten Eiswand zum Gipfel weit gekommen, oberhalb der sogenannten "Todeszone". Aber sie waren dehydriert. Künstlichen Sauerstoff hatten sie keinen dabei. Sie nahmen gleich mehrere Aufputschmittel. Das war damals nicht unüblich; auch Hermann Buhl nutzte 1953 Pervitin bei seinem legendären Alleingang auf den Nanga Parbat. Niemand redete von Doping.

Vor allem Herzog war nun aufgeputscht. Er wollte unbedingt zum Gipfel. Lachenal drängte zum Abstieg, vor allem wegen der schlechten Schuhe. Herzog erklärte, er werde auch allein weiter steigen. Das hätte den sicheren Tod bedeutet. Lachenal lenkte ein und ging mit – er war der bessere Kletterer.

Am frühen Nachmittag um 14 Uhr standen die beiden als erste Menschen auf dem Gipfel eines Achttausenders. Das gilt heute als relativ spät, die nötige Zeit zum Abstieg fehlt dann. Lachenals Füße waren erfroren, er wusste um die prekäre Lage. Herzog war euphorisiert und bekam, so heißt es, wenig mit. Beim Abstieg verlor er obendrein seine Handschuhe, hörte kaum noch auf seinen Kameraden. Später stürzte Lachenal in eine Gletscherspalte, vier Bergsteiger wurden in einer Lawine verschüttet, sie alle überlebten.

Streit um die richtige Version

Weltweit galt der Erfolg als Sensation. Und da Herzog und Lachenal mangels Alternative "mit fairen Mitteln", also ohne künstlichen Sauerstoff, aufgestiegen waren, reicht ihre Tat bis in die Gegenwart hinein. Nach der Rückkehr mussten bei beiden Bergsteigern Finger und Zehen amputiert werde. Lachenal starb 1955, als er beim Skifahren bei Chamonix in eine Gletscherspalte stürzte.

Maurice Herzog veröffentlichte sein Buch 1951. Eine idealisierte Version. Er war Dreh- und Angelpunkt der Erzählung. Ein paar Jahre später kam Lachenals Tagebuch heraus, das die Geschichte an der Annapurna anders erzählte und insbesondere den Beitrag der beiden Bergsteiger Gaston Rébuffat und Lionel Terray würdigte. Noch Mitte der 90er-Jahre wurde heftig darüber gestritten, wie die Rollenverteilung der Bergsteiger war. Herzogs Tochter Félicité stellte vor kurzem noch ihren Vater als Lügner dar.

Als erster Mensch auf einem Achttausender machte Herzog Karriere. Unter Staatschef Charles de Gaulle wurde er Ende der 50er-Jahre zunächst Sonderbeauftragter und dann Minister für Sport und Jugend, er war Abgeordneter im Parlament. Von 1968 bis 1977 war Herzog Bürgermeister der Alpenstadt Chamonix, in die die besten Kletterer noch heute strömen, um die großen Wände zu besteigen.

Das Klettern konnte Herzog noch im hohen Alter nicht ganz lassen. 2005 schaffte er es so mit 86 Jahren mit Seil und Rucksack auf den Triumphbogen in Paris. Er ließ sich mit Flagge fotografieren, wie damals in der "Sichel". Allerdings stritt er diesmal für die Olympiastadt Paris. Das hat dann nicht geklappt.

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