14.12.12

Sterbebett

Bestatter Fritz Roth lachte dem Tod ins Gesicht

Fritz Roth hat vielen Hilfe angeboten, die um Verstorbene trauerten. Gemeinsam mit dem ebenfalls erkrankten Politiker Wolfgang Bosbach erzählte er vom Leben mit dem Tod. Nun ist er selbst gestorben.

Von Antje Hildebrandt
Foto: picture alliance / Eventpress Mu

Fritz Roth ist im Alter von 63 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben
Fritz Roth ist im Alter von 63 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben

Erst am Sonntag hat Wolfgang Bosbach seine Frau in der Kirche getroffen. "Sie freuten sich auf das gemeinsame Weihnachtsfest", erzählt Bosbach. "Die Familie hat nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde."

Fritz Roth war seit 30 Jahren einer seiner besten Freunde. "Wir haben sehr viele frohe, glückliche Stundenmiteinander verlebt und haben viel miteinander gefeiert und gelacht", sagt der 60-Jährige. Aber zuletzt hätten sie viele ernste Gespräche miteinander geführt.

Angenommen, er müsste seinen Koffer für die letzte Reise packen. Was er, Fritz Roth, Deutschlands bekanntester Bestatter, dann alles einstecken würde? Es ist erst sieben Wochen her, als man ihm diese Frage gestellt hat. Es war ein offenes Geheimnis, dass er unheilbar an Leberkrebs erkrankt war. Erst einige Tage zuvor hatten ihm die Ärzte eröffnet, dass Metastasen in der Lunge saßen. Die Zeit, die ihm noch blieb, er schätzte sie realistisch ein. Noch sechs Monate, sagte er, wenn er Glück hätte. Fritz Roth schaute einen aus blass-blauen Augen an. Es war eine ungewöhnliche Situation. Ein Interview im Angesicht des eigenen Todes. Er ist doch erst 63. Er hatte noch viele Pläne. Er freute sich auf sein Enkelkind. Seine Tochter Hanna, 24, erwartet es Ende Dezember, einen Jungen. Er soll Fritz heißen, wie ihr Vater.

Viele auf dem letzten Weg begleitet

Fritz Roth hat viel gelacht in diesem Gespräch. Er redete über sich wie über einen Dritten. Er dachte gar nicht daran, seine Rolle als Sterbebegleiter und Trostspender auch nur für einen Augenblick abzustreifen. Nein, versicherte er tapfer, er würde es akzeptieren, wenn ihn der liebe Gott noch am selben Abend zu sich rufen würde.

Der Mann, der schon so viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet hatte, verbreitete eine Zuversicht, die einen tröstete, aber auch befremdete. Er selbst hatte dieselbe Frage schon oft gestellt, für seine Wander-Ausstellung "Ein Koffer für die letzte Reise". Er musste nicht lange überlegen. Fotos von seiner Frau und von David und Hanna, seinen beiden Kindern, sagte Fritz Roth da. Und Musik, auf jeden Fall Musik. Die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler. Was von Hubert von Goisern, dem Alpenjodler.

"Dein Koffer ist doch schon längst voll", feixte Inge, seine Frau. Sie haben das Beerdigungsunternehmen Anfang der 80er-Jahre zusammen in Bergisch Gladbach aufgebaut, 30 Angestellte. Wenn dann noch Platz in seinem Koffer sei, wolle er eine Flasche Wein einstecken, und zwar einen roten, edel und schwer, das war ihm wichtig. "Der hat so was Warmes", sagte Roth, "das macht es einem leicht, sich fallen zu lassen." Wer wollte, konnte das Fragezeichen hören, das am Ende beinahe unhörbar mitschwang.

Kein Mann der leisen Töne

Nun hat Fritz Roth für immer die Augen geschlossen. Wie seine Familie erst jetzt mitteilte, starb er in der Nacht zum Donnerstag in einer Klinik in Essen. So steht es in einer Meldung auf der Homepage des Familienunternehmens. Sie liest sich, als hätte er sie den Hinterbliebenen noch persönlich diktiert. "Als es Zeit war, loszulassen, saß seine Familie an seinem Sterbebett", heißt es da. "Sein im Tode ruhendes Gesicht strahlte Zuversicht aus. Zufriedenheit über ein intensives, sinnliches, glückliches und großartiges Leben."

Roth war kein Mann der leisen Töne. Das unterschied ihn von anderen Kollegen seiner Zunft. Und das erklärte, warum er einen wichtigen Beitrag dazu leistete, die Branche zu revolutionieren, als er, der verhinderte Priester und der gelernte Unternehmensberater, vor knapp dreißig Jahren mit einem eigenen Bestattungsunternehmen in Bergisch-Gladbach noch einmal neu durchstartete.

Trauerbegleitung, das war seine Marktlücke. Sein Weg, um sich in einer Branche zu behaupten, die kriselte, weil die Sterbezahlen infolge zweier Kriege jahrelang sanken und immer mehr Bestatter auf den Markt drängten. Rund 4500 sind es heute in Deutschland. Fritz Roth war einer der erfolgreichsten. 900 Beerdigungen organisierte er pro Jahr, dreimal so viele wie noch vor zehn Jahren. Er sagte, er als Quereinsteiger schockiert über Zustände gewesen, an die sich etablierte Kollegen längst gewöhnt hätten – zum Beispiel daran, dass man die Hinterbliebenen einfach sich selber überlassen habe. Mit sonorer Bass-Stimme zitierte Roth einen Satz der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko. "Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben!"

Richtete wieder Sterbezimmer ein

Fritz Roth eröffnete eine "Trauerakademie". Da lernte man nicht nur zu weinen. Er lud Musiker oder Kabarettisten ein, die sich dem Thema auf ihre Weise näherten, gerne auch mit Humor

Er richtete Sterbezimmer ein, in denen die Toten aufgebahrt wurden, so, wie er es als Kind noch selber auf dem Bauernhof erlebt hatte. Er sagt, so habe er selber gelernt, den Tod zu akzeptieren. Indem man den Verstorbenen berühre, indem man ihn "be-greife."

Er ermutigte Hinterbliebene, Särge und Gräber selber zu gestalten und die Regie der Trauerfeier zu übernehmen, statt sie anderen zu überlassen. 2006 gelang es ihm sogar, eine Genehmigung für einen privaten Urnenfriedhof zu bekommen. Er entstand auf einem bewaldeten Hügel, vor den Toren der Stadt. Anstelle von Grabsteinen durften Hinterbliebene Skulpturen und Windspiele aufstellen. Sie konnten kommen und gehen, wann sie wollten.

Zwei Tage, bevor Roth ins Krankenhaus kam, hatte er seinen letzten Fernsehauftritt. Zusammen mit Wolfgang Bosbach, sah man ihn in der Talkshow von Günther Jauch. Dem Tod ins Gesicht zu lachen, ihn anzunehmen, auch wenn man ihn nicht eingeladen hatte, das war ihre Botschaft.

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