14.12.12

Filmmusik

Der Sound des Hobbits – wie Wagner mit Panflöten

Howard Shore war mit seiner Komposition für "Herr der Ringe" äußerst erfolgreich. Auch für Bilbo Beutlins Vorgeschichte schrieb er Musikstücke – und ist damit natürlich wieder Oscar-Favorit.

Von Manuel Brug
Quelle: Warner
08.12.12 2:28 min.
In der Vorgeschichte von "Der Herr der Ringe" muss Hobbit Bilbo Beutlin das verlorene Zwergenkönigreich zurückgewinnen. "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" ist der erste Teil der Prequel-Trilogie.

Schwermütige Blechbläser, vorwärtstreibend im Marschrhythmus. Dann heller werden, triumphal. Ein seltsam insistierendes, dunkel abfallendes, durchaus bekanntes Thema taucht kurz in den Streichern auf, anschließend eine keltisch anmutend, hell folkloristische Melodie in den Flöten. Immer wieder setzt sich das markante Anfangsmotiv durch, das mitreißt, dem Höhepunkt entgegenstürmt.

So ähnlich beginnt schon der "Herr der Ringe" musikalisch, wobei das berühmte, repetitiv verführerisch abfallende, ja hinabziehende Streicherthema die ambivalente Anziehungskraft eben dieses ominösen Reifens symbolisierte. Im Auftakt wie in den beiden Folgeteilen der Peter-Jackson-Verfilmung der Tolkien-Trilogie wird diese Musik unendlich wiederholt und abgewandelt.

Natürlich ist das Ring-Thema jetzt auch im Prequel wieder dabei und führt seine Fangemeine auf eine gar nicht unerwartete Reise in die Vorgeschichte von Mittelerde. Schließlich findet hier Bilbo, der Onkel Frodos, der im "Herrn der Ringe" eben diesen zu seinem glücklichen Ende tragen wird, den fatalen Reifen in der Gollum-Höhle; auch hier klingt es seltsam vertraut, alles freilich noch in helleren Farben – die unheilvolle Macht des Rings wird sich erst noch erweisen.

Musik ist Teil des Marketings

Peter Jackson hatte seine Querelen mit Studio und Tolkien-Erben bis er jetzt, neun Jahre nach der ersten Trilogie, den ebenfalls zum Dreiteiler ausgewalzten "Hobbit" an den Start bringen konnte. Und auch der kanadische Filmkomponist Howard Shore (66) hatte seither sein Bündel mit Jackson zu tragen. Seine Musik zu dessen "King Kong"-Flopp gefiel dem Regisseur nicht und wurde durch eine andere ersetzt.

Shore, der sich mit unheimlich-atmosphärischen Klängen für viele David Cronenberg-Filme einen sehr guten Namen erschrieben hat, aber auch mit den Jonathan-Demme-Partituren für "Das Schweigen der Lämmer" und "Philadelphia", tröstete sich zwischenzeitlich mit diversen Klangbeiträgen für Filme von Martin Scorsese. Doch bei der Tolkien-Fortsetzung ist er natürlich wieder dabei. Der zu erwartenden Geldsegen beseitigte alle Verstimmungen.

Natürlich soll auch bei den Klängen auf Kontinuität gesetzt werden – so wie bei den Schauspielern. Und Shore hatte schon seinen "Herr der Ringe"-Job, der ihn vier Jahre beschäftigte, glänzend versehen. Die Kinopartitur erwies sich als eine der berühmtesten der letzten 20 Jahren: Kunststück, bei der Länge. Deshalb ist – von der Bettwäsche bis zur Playstation, vom Plüschtier bis zum Burgerbrater-Juniortüten-Plastikteilchen – auch die Musik ein nicht unwichtiger Baustein der monströsen Marketing-Maschinerie.

Akustisch hat sich wenig getan

Und es zeigt sich – lustigerweise kurz vor seinem 200. Geburtsjahr – einmal mehr, wie sehr Richard Wagner der Vater aller Fantasy-Epen auch im Kino ist: Der Vater des "Rings" als Ururgroßvater auch aller Film-"Herren der Ringe". Mindestens. Wobei als sein Enkel unbedingt noch John Williams genannt werden muss, der 1977 für den "Krieg der Sterne" mit seiner blechstrotzenden Fanfare und allem folgenden Melodiekampfeinsätzen sinfonisch den Maßstab kanonisiert hat, für das was dann später kam. Howard Shore hat sich an ihm orientiert wie an Wagners "Rheingold", das gibt er offen zu.

Mögen die mit doppelter Geschwindigkeit laufenden 3D-Digitalbilder optisch das Nonplusultra sein, akustisch hat sich seit 1876, dem Uraufführungsjahr des "Rings", wenig getan. Das große, spätromantische Sinfonieorchester, am besten in Klanggestalt des filmmusikgestählten London Symphony Orchestra muss her, verstärkt um Ethno-Instrumente von der Panflöte über keltische Harfe und norwegische Hardangerfiedel bis zu Hackbrett und tibetanischen Gongs für den urzeitlichen Spezialsound, fatalistische Frauenchöre und schwere Percussion für die Schlachten, heitere Tanzmusik für das Auenland, sphärisches Schmachten für das pastellig zerfließende Elfenreich und krudes Brodeln für die dumpfen Ork-Grüfte.

Das klingt alles simpler als Wagner und ist doch höchst raffiniert, muss es doch, wie in der ausgewalztesten "Herr der Ringe"-Spezialfassung, mit der die Tolkies gleichzeitig gefüttert und gemolken werden, für mindestens zwölf Stunden CD-Musik vorhalten. 90 Motive haben Freaks auf diversen Fanseiten in der anderen Tolkien-Trilogie aufgespürt, im "Hobbit" werden es (inklusive der alten) nicht weniger sein. Diesmal sind für die Vokalsparts keine Stars wie Enya, Sissel oder Renée Fleming am Start, den Abschlusssong (eine eigenen Oscar-Kategorie) singt der Neuseeländer Neil Finn.

Shore ist ein Anwärter auf die Oscars

Wie beim Vorgänger ist eigens über die Musik schon ein Buch in der Mache. Sicher wird Shore, der mit seiner sechsteilig abendfüllenden "Herr der Ringe"-Suite international live getourt ist, und die seither mehr als 140 mal auch von anderen berühmten Klangkörpern aufgeführt wurde, auch bei einer "Hobbit"-Sinfonie wieder am Pult stehen. Und für die Oscars ist er ebenfalls ein sicherer Anwärter, gewann doch seine erster Tolkien-Dreier bereits ebenso viele der begehrten Goldjungs.

Man mag beide Filmmusiken ruhig auch als weitgehend wortlose Opern in drei Akten ansehen. Shores echte Oper nach Cronenbergs "Fliege" war freilich 2008 in Paris und Los Angeles ein grandioser Misserfolg. Also werden uns Miniwesen mit übergroß nackten Füßen zumindest im Musiktheater wohl erspart bleiben. Wenn vor ihnen auch sonst gegenwärtig kein Entkommen ist.

Quelle: Warner
08.12.12 2:28 min.
In der Vorgeschichte von "Der Herr der Ringe" muss Hobbit Bilbo Beutlin das verlorene Zwergenkönigreich zurückgewinnen. "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" ist der erste Teil der Prequel-Trilogie.
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