14.12.12

Gierige Schädlinge

Wieso Großbritannien in Südgeorgien Ratten jagt

270 Tonnen Giftköder und Hubschraubereinsätze: Am Südpolarkreis leidet die Natur unter gierigen Ratten. Im zu Großbritannien gehörenden Südgeorgien wird den Schädlingen deshalb der Kampf angesagt.

Foto: picture alliance / WILDLIFE

Natürliche Feinde hatten die Nager auf Südgeorgien nicht, jetzt kommen die Briten
Natürliche Feinde hatten die Nager in Südgeorgien nicht, jetzt kommen die Briten

Wir können sie uns mit eigenen Augen anschauen, die gottverlassene Insel am unteren Ende der Welt. Tief im Süden des Atlantiks.

Ein Land im Hochsommer zeigt uns die Webcam dieser Tage über das Internet, auch um Mitternacht taghell, wenn auch grau, wolkig, voller Schnee. Geografisch gehört Südgeorgien bereits zur Antarktis, 2000 Kilometer östlich von Kap Horn und den Falklandinseln, wie diese auch britische Kolonie. Menschen zeigt die Kamera fast nie.

Gerade mal zwei leben ständig in der Hauptstadt Grytviken im Rücken des Betrachters, das Ehepaar Pat und Sarah Lurcock, die britischen Statthalter. Dabei ist die Insel 3756 Quadratkilometer groß, Berlin würde gut vier Mal darauf passen, allerdings ist nur ein Drittel begehbar, der Rest liegt unter ewigem Eis.

Ab und zu marschiert ein größerer Trupp stattlicher Königspinguine durchs Bild. Immer mal wieder liegt auch ein großer Koloss am Strand, vielleicht ein See-Elefant oder ein Seebär, auf jeden Fall vom Größten, was die Robbenwelt zu bieten hat. Wer hier als Art überleben will, muss robust sein. Nicht nur wegen des Wetters.

Ein aggressives Völkchen hat die Herrschaft über die Insel übernommen. Seine Vertreter, vor langer Zeit als blinde Passagiere wohl eines Walfängers eingewandert, breiten sich beängstigend aus, Millionen von ihnen sind schon da, verdrängen jedes andere Leben. Ratten. Bis zu 15.000 Abkömmlinge von einem einzigen Ratten-Elternpaar können pro Jahr auf die Welt kommen.

Die "Ratteninsel"

Eier, Küken, auch erwachsenes Federvieh – nichts ist sicher vor der gierigen Art Rattus rattus, manch andere Spezies ist deshalb schon auf und davon. Natürliche Feinde hatten die Nager nie zu fürchten in ihrer neuen Heimat. Rattenplagen gehören noch vor dem Alkoholismus zu den klassischen Epidemien vieler abgelegener kleiner Inseln, in der Karibik zum Beispiel, im Indischen Ozean, auf einer Reihe polynesischer Atolle wie auf den Aleuten vor Alaska, wo eine Insel sogar "Ratteninsel" heißt.

Ein weltweites Phänomen, doch noch nirgends wurden die Nager zu einem derart existenziellen Problem für eine komplette Inselfauna wie jetzt in Südgeorgien. Noch niemals rüsteten die Menschen mit solcher Truppenstärke und so schwerem Gerät zum Krieg gegen die Art Rattus rattus wie jetzt auf jener antarktischen Insel, auf Initiative des South Georgia Heritage Trust (SGHT).

Es wird lebhaft werden in der Hauptstadt Grytviken, manch längst aufgegebenes Haus der alten Walfanginsel dürfte aus dem Winterschlaf erwachen. 25 Ingenieure, Biologen, Hubschrauberpiloten mit drei Helikoptern und anderes Personal rücken an zu Beginn des neuen Jahres, mit 270 Tonnen vergifteter Köder. Dabei ist allein schon die Anreise der Experten aus dem Mutterland Großbritannien aufwendig genug.

Transportmaschinen bedürfen einer Sonderbegleitung durch Tankflugzeuge, um unterwegs in der Luft Sprit nachfüllen zu können. Da Argentinien die Hoheit über die Falklands und Südgeorgien beansprucht, wäre jede Anfrage zum Tankstopp in dem südamerikanischen Land zwecklos.

Bestand der Seevögel wiederbeleben

Ein knappes halbes Jahr veranschlagen die Briten für ihren Krieg gegen die Ratten. Sinn macht die Unternehmung allein dann, wenn keine einzige Ratte überlebt. "Gelingt dies nur zu 99,9 Prozent, dann sind wir gescheitert", sagt Projektleiter Tony Martin von der Universität Dundee, "zwischen Erfolg und Versagen liegt nur das Überleben zweier Ratten".

Um flächendeckende Wirkung zu erzielen, hat man die Köder für den Helikopterabwurf mit speziellen Segeleigenschaften zur optimalen Verteilung ausgestattet, für die horizontale Ausbringung in Felsspalten sind aufwendige Sprüheinrichtungen an Bord. Kein Quadratmeter soll unbeachtet bleiben.

Die Tiere müssen nicht nur vergiftet, sie müssen zuvor auch überlistet werden. Niemand macht sich etwas vor darüber, wie grausam die Aktion für die Tiere ist. Tödlich wirkt das Gift in den Ködern, das die Gefäße porös macht und gleichzeitig die Blutgerinnung hemmt, erst nach vielen Stunden, außerdem macht es die Ratten lichtscheu, sodass sie sich vor dem Sterben in dunkle Höhlen zurückziehen.

Lägen tote Ratten sichtbar gleich neben den Ködern, würde deren Verlockungen kein Artgenosse mehr erliegen. Das sei kein schöner Tod, räumt Martin ein, "aber die Küken der Seevögel haben auch keinen angenehmen Tod, wenn sie von den Ratten gefressen werden".

Wenn die Nager versteckt sterben, hat dies zudem den Vorteil, dass die Seevögel, deren Bestand die Aktion ja wiederbeleben soll, sich nicht über das Aas der vergifteten Tiere hermachen und anschließend daran selbst sterben. Kollateralschäden an anderen Arten werden sich indes nicht komplett vermeiden lassen, räumt Martin ein.

Die Rattenkrieger

Um bei ihrem großen Feldzug jetzt Fehler zu vermeiden, starteten die Experten im vergangenen Jahr einen Pilotversuch. Ein Gebiet von 128 Quadratkilometern, das durch Gletscher von der übrigen Insel abgetrennt ist, ist bereits rattenfrei – so weit bis heute bekannt. "Kurz nachdem die letzte Ratte tot war, kamen die Spitzschwanzenten auf die Insel zurück", sagt Martin, "und zwar in solchen Massen, wie sich hier niemand erinnern kann."

Insgesamt erhoffen sich die Rattenkrieger die Rückkehr von 100 Millionen Seevögeln, aber auch bodenbrütende Singvögel wie die Pieper, deren Gelege und Brut für die gefräßigen Nager eine leichte Beute waren.

Vieles Leben dürfte wieder zurückkommen und sich vermehren, wenn erst die Ratten weg sind. Eine Art wird selten bleiben: der Mensch. Ein Walfangzentrum braucht keiner mehr im Südatlantik. Die Station der Meeresforschungsstation am King-Edwards-Point an der gegenüberliegenden, südwestlichen Küste ist nur sporadisch besetzt. Die paar Touristen, die auf Kreuzfahrtschiffen vorbeischauten, waren irgendwann auch zu wenig für Tim und Pauline Carr, die in Grytviken das Museum mit Souvenirshop führten, 2006 aber aufgaben. Dabei kann das Museum großartige Geschichten erzählen, von den großen alten Südpolfahrern etwa und ihren erregenden Dramen.

Ernest Shackleton vollbrachte hier eine der größten Heldentaten der Entdeckungsgeschichte: Sein Schiff "Endurance" war 1916 weit im Süden vom antarktischen Eis zerquetscht worden. Die Mannschaft musste drei Monate auf einer driftenden Eisscholle ausharren.

Erst als Shackleton mit einem Ruderboot und fünf Kameraden im polaren Südwinter über 1500 Kilometer nach Südgeorgien fuhr, die unbewohnte Südküste erreichte, über die Gletscher zur Walfangstation im Norden marschierte und endlich Hilfsexpeditionen startete, wurden sie befreit. Shackleton wurde, nachdem er bei einer späteren Expedition 1922 dort verstorben war, auf der Insel bestattet. Ab dem Frühjahr wird sein Grab vor den Ratten geschützt sein.

Quelle: DWTV
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