12.12.12

Piltdown-Schädel

Die unglaubliche Geschichte eines perfiden Betrugs

Der Schädel des "Piltdown-Menschen" sollte Bindeglied zwischen Mensch und Affe sein – doch er war eine Fälschung. 100 Jahre nach seiner Entdeckung zieht ein Forscher Bilanz: Täter und Motiv unbekannt.

Foto: Getty Images

1953 flog der Schwindel auf: Alan Marston konnte beweisen, dass der „Piltdown-Schädel“ aus einem mittelalterlichen Menschenschädel, einem 500 Jahre alten Unterkiefer eines Orang-Utans und fossilen Schimpansenzähnen besteht
1953 flog der Schwindel auf: Alan Marston konnte beweisen, dass der "Piltdown-Schädel" aus einem mittelalterlichen Menschenschädel, einem 500 Jahre alten Unterkiefer eines Orang-Utans und fossilen Schimpansenzähnen besteht

Der Schädel des "Piltdown-Menschen" ist einer der größten Betrugsfälle der Wissenschaftsgeschichte. Aufgedeckt wurde die Fälschung bereits vor 60 Jahren. Doch auch hundert Jahre nach der ersten Präsentation des Schädels ist unklar, wer hinter der Fälschung steckte – und warum sie überhaupt begangen wurde.

Ein ganzes Land war begeistert, als der Rechtsanwalt Charles Dawson und der Paläontologe Arthur Smith Woodward im Dezember 1912 einen Knochenfund als Schädel des Urmenschen vorstellte. Sie präsentierten ihren Fund als das lange gesuchte Bindeglied zwischen dem modernen Menschen und seinen Vorfahren. Gefunden hatte Dawson die Knochen bereits drei Jahre zuvor im südenglischen Städtchen Piltdown. Der Mythos des Piltdown-Menschen war geboren.

Das lange gesuchte Bindeglied?

Der Fund machte nicht nur die beiden Wissenschaftler und die Stadt berühmt, er schien auch eines der größten Rätsel der damaligen Zeit zu lösen. Der Schädel stellte das lange vermisste Bindeglied in der gemeinsamen Entwicklungsgeschichte von Affen und Menschen dar.

Denn während das gewölbte Schädeldach ausnehmend menschlich erschien, wies der Unterkiefer eher affenähnliche Merkmale auf. Als "Eoanthropus dawsoni" ging der Urmensch in die Evolutionsgeschichte ein und beeinflusste diese für Jahrzehnte.

"Mehr als eine Generation von Wissenschaftlern in aller Welt untersuchte die Knochen und etablierte so ein neues Bild der Menschheitsgeschichte", sagt Professor Chris Stringer, Leiter der Abteilung zur Erforschung der Herkunft des Menschen am Natural History Museum in London.

Gefälscht – aber warum?

Ein vollkommen falsches Bild, wie sich im November 1953 herausstellte. Knappe 40 Jahre nach den Funden wurden diese von Dr. Kenneth Oakley, Geoarchäologe am Natural History Museum, als Fälschungen entlarvt.

Oakley und seine Kollegen zeigten, dass die fossilen Funde von verschiedenen Orten nach Piltdown gebracht und künstlich an die Umgebung angepasst worden waren. Dort fanden sie auch andere Fälschungen: Eine hatte beispielsweise die Form eines Cricketschlägers und war mit einem Messer aus fossilem Elfenbein geschnitzt worden.

Der Betrug war damit aufgedeckt, vollständig aufgeklärt ist er jedoch bis heute nicht. Die Suche nach dem Täter und seinen Beweggründen geht auch hundert Jahre später weiter. Chris Stringer und seine Kollegen sind dem Täter nun mit neusten wissenschaftlichen Methoden auf der Spur.

Untersuchungen der Materialien

Den Betrug endgültig aufzuklären ist vor allem aus historischen Gründen interessant. Nicht nur widmete eine ganze Reihe britischer und internationaler Forscher ihr Leben einer großen Lüge, die scheinbar bahnbrechende Entdeckung beeinflusste darüber hinaus auch die Interpretation anderer Funde aus dieser Zeit: Zahlreiche Fundstücke in anderen Teilen der Erde wurden nicht ernst genommen, da sie zu stark vom Piltdown-Menschen abwichen. Der bahnbrechende, aber eben gefälschte Fund behinderte also die Aufklärung der echten Entwicklungsgeschichte.

Stringer und seine Kollegen untersuchten den Schädel und andere Fundstücke mit Hilfe von Radiokarbon-Datierung, Erbgutanalysen und Isotopenstudien, um den geographischen Ursprung und die taxonomische Zugehörigkeit der Funde aufzuklären.

Dem Täter auf der Spur

Vor allem ein zweiter Fund Dawsons ganz in der Nähe von Piltdown könnte den Wissenschaftlern dabei helfen. "Sollten die Materialien von beiden Ausgrabungsstätten zusammenpassen, ist Dawson der logische Betrüger, da er der einzige ,Entdecker' an der zweiten Fundstätte war", erklärt Stringer. "Sollte dem nicht so sein, eröffnen sich neue Möglichkeiten".

Alternativ könnten die neuen Forschungsergebnisse Martin Hilton als Täter entlarven. Hilton arbeitete zur Zeit der Fälschungen unter Woodward im National History Museum, wo man nach seinem Tod mehr als ein Dutzend modifizierter und gebeizter Knochen fand. Er kannte sich mit der Fälschung von Knochen aus.

"Allerdings könnte es auch genauso gut sein, dass Hilton gefälscht hat, um auf die größere Fälschung aufmerksam zu machen", sagt Stringer. "Die Fälschungen sind ziemlich dilettantisch, vielleicht dachte er, sie würden sicher entdeckt und wollte so herausfordern, dass man die alten Funde erneut untersucht".

Fund passte zu gut zur Theorie

Sollte es so gewesen sein, gelang ihm das wohl vor allem nicht, weil die Funde den Vorstellungen der damaligen Zeit ziemlich genau entsprachen. "Hätten die Funde den gängigen Thesen widersprochen, so wäre der Betrug sicherlich früher aufgeklärt worden", erklärt Stringer.

Da die führenden Wissenschaftler allerdings fast alle der Überzeugung waren, dass es eine direkte Verbindung zwischen Affen und Menschen gibt, verzichteten sie darauf, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Zu gut passte der Fund zur Theorie über die Evolution des Menschen. "Hinzu kommt, dass die Methoden zur Aufklärung von Fälschungen damals noch nicht so weit entwickelt waren", sagt Stringer.

Zwar verfügen die Wissenschaftler heute über verbesserte Methoden, den Täter haben sie dennoch bisher nicht ermittelt. Und ganz lösen werden sie das Rätsel vermutlich allein mit wissenschaftlichen Methoden wohl nie. Aus diesem Grund suchen die Forscher auch im Archiv des Museums nach Antworten.

Täterkreis einengen

Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit sowie Briefwechsel zwischen Experten und Verdächtigen könnten helfen, den Fall zu lösen. "Vielleicht finden wir ja ein Geständnis", hofft Stringer.

Sollten sie – was wohl anzunehmen ist – in den zahlreichen Briefen kein solches Geständnis finden, so hoffen er und seine Kollegen, dank der neuen Methoden eine ganze Reihe von Verdächtigen ausschließen zu können.

Den Täterkreis deutlich einzuschränken wäre ein erster Schritt, um die Beweggründe für den Betrug besser zu verstehen. Bis es soweit ist, wird aber wohl noch einige Zeit vergehen. "Schließlich wollen wir Fragen beantworten und nicht nur neue aufwerfen", sagt Stringer.

Siegt die Technik über den Betrug?

Zum 100. Jubiläum des Fundes wird es also keine Lösung geben, doch selbst ungelöst bleibt die Geschichte des "Piltdown-Menschen" auch für die heutige Zeit relevant.

"Diese Geschichte kann als Warnung für Wissenschaftler gelten, ihr kritisches Auge nicht zu verlieren und zeigt gleichzeitig, den zugegebenermaßen späten Sieg wissenschaftlicher Methoden über den Betrug", sagt Professor Stringer.

Genau auf diesen Sieg der Technik über die Fälschung hoffen die Londoner Wissenschaftler auch weiterhin bei der Suche nach der Lösung des Rätsels um den "Piltdown-Menschen".

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