11.12.12

Kriminalfall

Lebenslänglich - trotz Mangels an Beweisen

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Mord an einem siebenjährigen Mädchen ist der mutmaßliche Täter zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch die Beweislage ist dürftig.

Von Marisa Strobel
Foto: dapd

Der Verurteilte, Jack McCullough, tritt in diesen Tagen seine lebenslange Freiheitsstrafe an.
Der Verurteilte, Jack McCullough, tritt in diesen Tagen seine lebenslange Freiheitsstrafe an

An einem verschneiten Dezemberabend begann das Drama, das erst jetzt, 55 Jahre später, ein Ende fand: Die siebenjährigen Maria Ridulph verschwand am 3. Dezember 1957 aus dem Vorgarten ihrer Freundin Kathy Chapman, nachdem ein junger Mann die beiden angesprochen hatte.

Ridulphs Verschwinden löste eine stadtweite Suche aus, selbst das FBI wurde in die Polizeiermittlungen miteinbezogen - ohne Erfolg. Wenige Monate später fand man Ridulphs Leiche in einem entlegenen Waldstück 120 Meilen außerhalb von Sycamore. Der Körper wies Stichwunden in Hals und Brust auf. Den Täter aber fand man nicht.

Verurteilter geriet schon einmal ins Netz der Fahnder

Der unaufgeklärte Mordfall hinterließ tiefe Wunden in der Gemeinde, wie die "New York Times" berichtete. "Zeugen haben den Fall mit der Ermordung von Präsident Kennedy 1963 verglichen", so ein Assistent der Staatsanwaltschaft von DeKalb County, Illinois. Ihre Eltern, beide in den 90er-Jahren verstorben, kamen nie über den Verlust ihrer Tochter hinweg.

Im Juli 2011 dann die Wende im längst zu den Akten gelegten Fall: Ein 73-jähriger Ex-Polizist mit Wohnsitz in Seattle, Washington, wird verhaftet und in das Gefängnis von DeKab County überführt.

Jack McCullough, zum Tatzeitpunkt als 17-jähriger John Tessier bekannt, gehörte laut einem Bericht von CBS News schon damals zu den mehr als 100 Verdächtigen. Sein Alibi aber schien glaubwürdig. Er gab an, am Tag der Tat in Chicago gewesen zu sein, um an einem Gesundheitscheck der Air Force teilzunehmen. Seine Mutter bestätigte damals McCulloughs Aussage.

Erst auf ihrem Sterbebett im Jahre 1994 habe sie ihre Aussage revidiert, so McCulloughs Halbschwester Janet Tessier vor Gericht. Sie habe die Polizei angelogen, um ihren Sohn zu decken, soll ihr die Mutter kurz vor ihrem Tod anvertraut haben.

McCullough bestreitet die Tat

Tessier war es auch, die die Polizei von Illinois 2008 zu einer Wiederaufnahme des Falles bewegte. Ihre Aussage gilt als Schlüsselbeweis für die nun erfolgte Verurteilung McCulloughs. Eine weitere zentrale Zeugin vor Gericht war die inzwischen 63-jährige Freundin Ridulphs, Kathy Chapman.

Sie identifizierte anhand einer alten Fotoaufnahme den Angeklagten als den jungen Mann, der sich am Tatabend ihr und dem Opfer Maria Ridulph als "Johnny" vorstellte. Als Chapman zurück aus dem Haus kam, aus dem sie sich ein paar Handschuhe geholt hatte, seien der damals 17-jährige McCullough und Ridulph fort gewesen. Ihre Freundin sollte sie nie wieder sehen.

Die beiden Aussagen führten schließlich zur Verurteilung von Jack McCullough, der die Tat auch am Tag der Urteilsverkündung am Montag dieser Woche noch bestritt. Obwohl die Tat bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt, erregte der Fall nach wie vor große Empörung. "Das glich schon fast einem öffentlichen Hexenprozess von Salem", so McCulloughs Verteidiger zur "New York Times". Er kritisierte, dass weder forensische Beweismittel seinem Klienten die Schuld nachweisen könnten noch die Aussagen der Zeugen stichfest genug seien.

Familie des Opfers zufrieden mit Urteil

Umstritten ist auch das Ausmaß des Urteils. Die Meinungen der Experten gehen auseinander. Douglas A. Berman, Juraprofessor an der Ohio State University, kritisiert: "Wir haben bislang nicht gänzlich geklärt, ob wir eine Verurteilung vor allem als eine zurückschauende Beurteilung dessen sehen, was eine Person verdient, oder als eine vorwärtsgerichtete dessen, was eine Gesellschaft benötigt." Der Bezirksanwalt von Clatsop County, Oregon, Joshua Marquis dagegen ist überzeugt: "Wir bestrafen Leute nicht für das, was sie heute sind. Wir bestrafen sie für die Taten, die sie begangen haben."

Zufrieden mit dem Strafmaß ist auch die Familie des Opfers. "Ich wäre mit nichts anderem als lebenslänglich zufrieden gewesen", zitiert die "Chicago Sun-Times" Marias Bruder Charles Ridulph nach der Urteilsverkündung.

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