11.12.12

Autobiografie

Als der SEK-Mann das erste Mal töten musste

Emil Pallay absolvierte beim SEK rund 1000 Einsätze. Über seine Arbeit bei der Elitetruppe hat er nun ein Buch geschrieben. Er erzählt von spektakulären Einsätzen und lebensgefährlichen Situationen.

Von Bettina Ullrich
Foto: Emil Palley

Nichts für Menschen mit Höhenangst: Abseilen vom Helikopter. Aus dem Fotoalbum von Emil Pallay
Nichts für Menschen mit Höhenangst: Abseilen vom Helikopter. Aus dem Fotoalbum von Emil Pallay

Der Todesschuss fiel in der Wohnung des Fremden. In seinem eigenen Wohnzimmer kniet Emil Pallay nun vor der Schrankwand mit den gerahmten Familienfotos, eine imaginäre Waffe im Anschlag, und stellt den Augenblick nach, der ihm "noch immer in den Knochen steckt".

Dabei ist jener Montag im Dezember über 30 Jahre her, es ist Pallays Geburtstag, der 28. Direkt vor ihm steht damals der andere: gut zwei Meter groß, drei Zentner schwer, ein wütender Riese, der über dem knienden Pallay mit beiden Händen ein Beil schwingt. Emil Pallay sagt: "Es war das erste Mal, dass ich den Tod eines Menschen verursachte."

Der Münchner Emil Pallay war 43 Jahre lang Polizist, davon mehr als 20 Jahre beim Spezialeinsatzkommando Südbayern, dem SEK. Seit einem Jahr ist der ehemalige Polizeioberrat im Ruhestand, gerade hat er über seine Zeit bei der Elitetruppe ein Buch geschrieben. In "Zugriff" erzählt er, der lange Zeit zum Führungsstab gehörte und somit an vorderster Front dabei war, von spektakulären Einsätzen, lebensgefährlichen Situationen, trickreichen Manövern.

Aber auch, wie es dazu kam, dass er einen Menschen erschießen musste. Wie den psychisch kranken Zweimetermann – aus Notwehr. "Es war er oder ich", sagt der 61-Jährige im Wohnzimmer seines Hauses in Altperlach im Münchner Osten. "Der hätte mir den Schädel gespalten."

"Man löscht nicht einfach so ein Menschenleben aus"

Zu dem Einsatz waren Pallay und drei seiner Kollegen gerufen worden, weil der Mann mit dem Beil herumgefuchtelt hatte, als ein Gerichtsvollzieher die Einweisung in die Psychiatrie überbringen sollte. Die Männer vom SEK wollten ihn vor Selbstmord bewahren.

Als Pallay später der alten Mutter des Mannes die Todesnachricht überbringt, kämpft er mit den Tränen. "Man löscht nicht einfach so ein Menschenleben aus", schreibt er in seinem Buch.

Auch wenn der SEK-Mann, wie in einem anderen Fall, das tat, was in einer solchen Situation von ihm erwartet wurde: das Leben eines unschuldigen Menschen zu schützen. Denn genau aus dem Grund waren die SEK – es gibt sie in jedem Bundesland – Anfang der 70er-Jahre gegründet worden. Als eine Art Länder-Version der GSG 9 und wie diese eine Reaktion auf die Geiselnahme palästinensischer Terroristen während der Olympischen Spiele in München 1972 mit 17 Toten.

Die taktisch geschulten und wegen ihrer Fitness gerühmten Polizisten kommen immer dann zum Einsatz, wenn bewaffnete Täter eine Bedrohung darstellen. Bei Geiselnahmen, Erpressungen, Entführungen, Terrorgefahr, ganz allgemein: der Festnahme von Gewaltverbrechern. Kennt man ja, aus dem Fernsehen: schwarz gekleidete, vermummte Maskenmänner mit Maschinengewehren, die wie gedrillte Riesenameisen anmarschieren.

Geiselnahme, Showdown. Da hilft nur noch das SEK

Neulich im "Tatort" zum Beispiel. Geiselnahme, Showdown. Da hilft nur noch das SEK. "Aber stellen Sie sicher", sagt die Kommissarin streng zu ihrem Kollegen, "dass die hier nicht wie die Kavallerie auftreten."

Der ehemalige SEK-Mann Pallay hat den "Tatort" nicht gesehen, der Jahresrückblick mit den Klitschko-Brüdern zur selben Zeit war ihm lieber. Zu viel unrealistisches Drumherum für seinen Geschmack, wie das mit der Kavallerie. Völliger Blödsinn, sagt Pallay lächelnd: "Das SEK fährt immer konspirativ zu einem solchen Einsatz."

Die Männer, noch in Zivil, würden sich zunächst hinter einem Häuserblock verstecken und erst dort aufrüsten, also Sturmhaube, Waffen und die dunkle Kampfausrüstung anlegen. Man muss beim SEK gar nicht unbedingt ein tougher, abgebrühter Kerl sein (ein Mann aber zumeist schon: In Bayern ist – anders als in Norddeutschland – keine einzige Frau dabei).

Emil Pallay zum Beispiel ist eher der Typ netter Nachbar, ein freundliches Gesicht, gutmütige blaue Augen. Beim Münchner Polizeisportverein SV Funkstreife, dessen Vorsitzender er ist, gibt er jedes Jahr den Nikolaus. Sein Buch hat er akkurat mit der Hand geschrieben, 400 Seiten, auf Berghütten, im Wohnmobil und in einer holzvertäfelten Gartenlaube. Idyllisches Kontrastprogramm zum harten Alltag, der seiner einmal war.

Unter rund 1000 Einsätzen waren allein 30 Geiselnahmen, einige rekapituliert er im Buch. Wie den "hoch komplizierten Zugriff" (Pallay) im Münchner Gefängnis Stadelheim, wo ein Häftling einen Anwalt als Geisel nahm und diesem eine selbst gebastelte Bombe um den Hals kettete. Oder die Entführung eines Arztes, inklusive "einer der spektakulärsten Verfolgungsfahrten in der Geschichte der Münchner Polizei".

Die Anforderungen an Bewerber sind hoch

Klingt nach 007, ist es aber nicht. "Einzelkämpfer wie James Bond sind beim SEK nicht zu gebrauchen", sagt er. Überlebenswichtig sei das Team, in dem sich jeder auf jeden verlassen müsse. Die Anforderungen an Bewerber sind hoch. Polizisten, die zum SEK wollen, müssen gesund und topfit sein. Allein die Sportprüfung ist berüchtigt. Der Test sei "sicher sehr anstrengend", gibt Pallay zu, "für einen durchschnittlichen Sportler aber machbar".

Aber was heißt schon durchschnittlich. Er selbst hat so ziemlich alles gemacht, was den Puls in die Höhe treibt: Fußball, Klettern, Skifahren, Schwimmen, Radeln, Drachenfliegen, mehrmals das Sportabzeichen in Gold. Beim SEK-Test müssen Bewerber drei Kilometer in 12,5 Minuten laufen. Später, beim jährlichen Belastungs- und Orientierungsmarsch, werden erneut Kondition und Geschicklichkeit unter Beweis gestellt.

Dafür hat Pallay immer wieder mal einen 30 Kilometer langen und "mordsanstrengenden" Parcours in freier Wildbahn konzipiert. Über Felswände klettern, Flüsse per Seil überqueren, komplizierte Hubschraubermanöver und das Abseilen von hohen Hindernissen waren damals einige seiner Übungen. Übermenschen gebe es beim SEK aber nicht, sagt Pallay. "Wir kochen auch nur mit Wasser."

Das Geheimnis dieser geheimnisumwitterten Spezialkräfte? "Unser großer Vorteil", sagt Pallay, "ist der Überraschungsmoment." Die SEK-Beamten, darunter Präzisionsschützen, sind darauf spezialisiert, sich anzuschleichen. Dann, wenn die Verhandlungen der Polizeipsychologen nicht weiterführen: Zugriff. Die Täter sollen möglichst überrumpelt werden.

Einmal war ein Geiselnehmer so verdattert, dass er seine Waffe und die Tüte mit dem gerade erpressten Geld fallen und sich die Handschellen anlegen ließ. Geldscheine flatterten über den Asphalt, eine halbe Million Mark. Später bei der Vernehmung gab der Täter zu Protokoll, die Polizisten seien vom Himmel gefallen. Das habe er in dem Moment tatsächlich geglaubt.

Plötzlich der Anruf: Einsatz!

Kein Zufall, sondern das Ergebnis einer komplizierten Planung durch das Einsatzkommando. Oft erst direkt am Tatort ausgetüftelt. Wie beim Schachspiel müssen die Polizisten stets mehrere Züge vorausdenken. Und wissen dabei manchmal erst selbst seit kurzer Zeit, worum es geht. Sitzen in der Dienststelle über Akten, denken womöglich schon an den Feierabend und das Essen zu Hause, da kommt plötzlich der Anruf: Einsatz!

"Es ist nicht einfach, ständig unter Strom zu stehen und nie zu wissen, was der Tag bringt", sagt Pallay und gesteht, dass auch ihm Angst nicht fremd ist, Kribbeln im Bauch. Der Puls steigt, das Adrenalin im Blut auch. Doch wenn der Zugriff losgehe, weiche die Anspannung absoluter Ruhe. "Selbst Schüsse nehmen wir dann nur gedämpft wahr", hat Pallay an sich und seinen Kollegen beobachtet. "Vermutlich ist der Körper so konzentriert, dass er alle anderen Wahrnehmungen ausblendet."

"Mich hat die schwere Kriminalität gereizt"

Für ihren Einsatz bekommen SEK-Beamte monatlich einen Zuschlag, etwa 150 Euro waren es zu Pallays Zeiten. Deswegen hat er den Job nicht gemacht. "Mich hat die schwere Kriminalität gereizt." Nach Erfolgserlebnissen im Kleinen, auf der Straße.

Als junger Polizist fuhr Pallay nachts mit einem Kollegen Streife. Es war die Zeit, als Autoknacker noch mit dem Schraubenzieher hantierten und durch Kratzgeräusche zu erkennen waren. Anschleichen, austricksen, das konnten die beiden. "Über 100 Kriminelle haben wir so in einem Jahr festgenommen." Dafür gab es eine Belobigung und wenig später das Angebot, beim noch jungen SEK mitzumachen.

Eine wichtige Stütze war seine erste Frau Renate. Bei ihr hat er sich schwierige Einsätze von der Seele geredet. "Mit seiner Partnerin kann man den Druck am besten bewältigen." Vor zwei Jahren ist sie an Krebs gestorben, ihr hat Pallay sein Buch gewidmet. Nur seinen Kindern, die Tochter ist heute 34, der Sohn 28, hat er wenig von seiner Arbeit erzählt. Er wollte sie nicht belasten. "Die beiden wissen bis heute nicht so genau, was ich gemacht habe."

Wie das mit dem ersten tödlichen Schuss, der Pallay nicht aus dem Kopf geht. Kommenden Montag wird er wieder daran denken müssen, es ist sein Geburtstag. Und der Todestag des Zweimetermannes.

Emil Pallay: "Zugriff – Aus dem Leben eines SEK-Manns" (Heyne), 8,99 Euro

Foto: Sergej Glanze

Martitimes Training, Wannsee in Berlin: Die Männer üben das Befreien von gekaperten Ausflugsdampfern. Chris nimmt ganz rechts die Reling. Unzählige Male wird das an diese Morgen geübt, bis die Männer klatschnass sind.

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