09.12.12

Telefonstreich

Scotland Yard ermittelt im Fall der toten Krankenschwester

Juristen des Krankenhauses sprechen von einer vorsätzlichen Demütigung. Die australischen Radiomoderatoren geraten weiter unter Druck.

Von Thomas Kielinger
Foto: AFP

Trauer: Vor der Schwesternunterkunft des Krankenhauses King Edward VII. stecken Blumen im Zaun. Hier lebte Jacintha Saldanha
Trauer: Vor der Schwesternunterkunft des Krankenhauses King Edward VII. stecken Blumen im Zaun. Hier lebte Jacintha Saldanha

Der Tod der aus Indien stammenden britischen Krankenschwester Jacintha Saldanha (46) zieht immer weitere Kreise. Inzwischen hat sich auch Scotland Yard eingeschaltet und die Kollegen des australischen Bundesstaates New South Wales in Sydney gebeten, die zwei Radio-Moderatoren zu befragen, die die Tragödie in London vermutlich mit verursacht haben.

Mel Greig, ein ehemaliges Mannequin, und ihr Kollege Michael Christian, vom Sender 2Day FM, hatten sich am 4. Dezember frühmorgens unter Vortäuschung, sie seien die Queen und Prinz Charles, beim Empfang des Londoner Edward-VII.-Privatkrankenhauses gemeldet und um Auskunft über die schwangere Herzogin von Cambridge gebeten, die am Tag zuvor wegen akuter Morgenübelkeit eingeliefert worden war.

Das Gespräch hatte die Krankenschwester Saldanha angenommen, weil die Rezeption noch nicht besetzt war. Ohne den Trick zu durchschauen, stellte sie zur zuständigen Stationsschwester durch, die zwei Minuten lang Rede und Antwort stand über den Gesundheitszustand von Prinz Williams Ehefrau.

Schlecht imitierter Akzent von Queen und Prinz Charles

Als Inderin, muttersprachlich Hindi, war Jacintha Saldanha wahrscheinlich auch sprachlich nicht in der Lage, den schlecht imitierten Akzent der beiden Australier sofort zu durchschauen. Überhaupt, so heißt es in den englischen Medien: Wer würde gegenüber einer Frau, die sich als Queen ausgibt, den Schneid haben, zurückzufragen: "Können Sie sich bitte ausweisen?", oder eine sonst wie ausweichende Antwort geben.

Während die Äußerungen der Erschütterung über den Tod der allseits beliebten Krankenschwester täglich zunehmen, richtet sich das Augenmerk inzwischen vermehrt auch auf die beiden jungen Radio-Journalisten Greig und Christian. Sie sind seit dem Wochenende untergetaucht und erhalten, wie es heißt, medizinisch-psychologische Betreuung, da sie mit dem Druck, der mit der internationalen Empörung über sie einhergeht, nicht fertig zu werden scheinen. Besonders die Frau, Mel Greig, sei "labil" und "äußerst verletzlich". Es wird befürchtet, sie könne sich "etwas antun", heißt es in Australien.

Damit ergibt sich geradezu ein Spiegelbild der seelischen Verstörung, in der sich Saldanha befand, als sie von der globalen Aufregung erfuhr, die ihr kleiner, verständlicher Irrtum ihrem Arbeitgeber beschert hatte. Die Frau muss sich in den Tagen nach dem gegen sie verübten Telefonstreich "einsam und verwirrt" gefühlt haben, wie zu erfahren war. Ihr Ehemann, Benedict Barboza (49), hatte am Freitagvormittag das Krankenhaus alarmiert, weil er auf verschiedene Telefonate hin keine Antwort von seiner Frau erhalten hatte.

Jacintha bewohnte ein krankenhauseigenes Apartment und lebte während ihrer dienstfreien Tage bei der Familie in Bristol. Das Ehepaar hat zwei Kinder – einen Sohn, Junal (16), und die 14-jährige Tochter Lisha. Auf seiner Facebook-Seite teilte der Mann jetzt mit: "Ich bin zerstört über den Verlust meiner geliebten Jacintha unter so tragischen Umständen." Tochter Lisha, ebenfalls via Facebook, schrieb: "I miss you. I loveeee you".

Ein Telefonstreich, der sehr schwer auf ihr lastete

Saldanha war geschätzt als gewissenhafte, leistungsbewusste Kraft, mit einer Pflichtauffassung, zu der sich strenge Selbstüberprüfung gesellen konnte. Jeff Sellick, in dessen Fahrschule sie vor wenigen Jahren den Führerschein gemacht hatte, gab jetzt bekannt, auf seiner Website, wo sich alle angehenden Schüler mit einer kurzen Selbstdarstellung vorzustellen pflegten, habe Jacintha sich als "eine sehr nervöse Person" bezeichnet. Sie habe manchmal eine Dosis Selbstvertrauen benötigt, fügte er hinzu: Der Streich, dessen unfreiwilliges Opfer sie wurde, "muss sehr schwer auf ihr gelastet haben".

Die katholische Familie stammt aus der indischen Hafenstadt Mangalore, wo Jacintha sich als Krankenschwester ausbilden ließ – eine Karriere, die viele in den ehemaligen britischen Kolonien einschlagen, ehe sie den Weg nach England finden. Jacintha und ihr Mann, als Buchhalter in einem Bristoler Krankenhaus beschäftigt, verbrachten zunächst mehre Jahre in Oman sowie in Kuwait, ehe sie 2002 nach England übersiedelten. Die weitläufige indische Verwandtschaft hofft nun, Jacintha in ihrem Geburtsdorf Shirva bei Mangalore bestatten zu können.

Australischer Radiosender machte sich strafbar

Vor dem Hintergrund der Tragödie gerät der verantwortliche australische Radiosender in Schwierigleiten. Die Anzeigenkunden haben sich aufs Erste zurückgezogen, und der Vorstand des Londoner Krankenhauses, Lord Glenarthur, beschwerte sich bei der Firma Southern Cross Austereo, der der Radiosender gehört.

Glenarthur moniert besonders, dass das nicht live gesendete Telefongespräch der beiden Moderatoren vor seiner Ausstrahlung von den Rechtsexperten des Senders geprüft und ausdrücklich freigegeben worden sei – "das ist wirklich schrecklich". Der Brief fährt fort: "Unmittelbare Folge dieses vorsätzlichen und unüberlegten Streichs war die Demütigung von zwei engagierten und pflichtbewussten Krankenschwestern. Die länger wirkende Folge war die weltweite Berichterstattung über den Vorfall, mit einem Ergebnis, dessen Tragik Worte nicht beschreiben können."

Der Geschäftsführer von Southern Cross Austereo, Rhys Holleran, hatte die beiden Radiojournalisten entschuldigt: Solche Späße würden weltweit praktiziert. Er wies allerdings nicht darauf hin, dass sich sein Sender in Australien mit dem Telefonat strafbar gemacht hatte – die Redaktion hätte um Erlaubnis zur Verwendung des Gesprächs bitten müssen.

William und Kate hatten sich am Wochenende erschüttert über den Tod der Krankenschwester geäußert. Auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung erschien William ohne die Herzogin. Die Krankheit seiner Frau, so ließ er wissen, sollte man nicht als "Morgenübelkeit" bezeichnen, da sie "Tag und Nacht" andauere.

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