08.12.12

Tote Schwester

Die schwangere Kate, ein Telefonstreich und seine Folgen

Der Tod der Krankenschwester, die den Scherzanruf eines Radiosenders entgegennahm, erschüttert Großbritannien.

Foto: AFP

Trauer: Zwei Frauen umarmen sich vor dem Krankenhaus
Trauer: Zwei Frauen umarmen sich vor dem Krankenhaus

Jacintha Saldanha war 46 Jahre alt, als man sie am Morgen des 7. Dezember in ihrer Londoner Wohnung nahe dem King-Edward-VII.-Privatkrankenhaus tot auffand. Es wird vermutet, dass siedurch eigene Hand aus dem Leben schied. Wie, wissen wir noch nicht. Warum genau, auch nicht.

Aber wir haben eine Ahnung: Einem Reporter der BBC wurde aus dem Umfeld des Hospitals mitgeteilt, die Krankenschwester habe sich zuletzt "sehr einsam und verwirrt gefühlt" wegen der Vorkommnisse der letzten Tage. Denn am 4.Dezember morgens um 5.30 Uhr waren zwei australische Radio-Journalisten unter der Vorspiegelung, sie seien die Queen und Prinz Charles und wollten sich über den Gesundheitszustand der Herzogin informieren, zum Empfang des Krankenhauses durchgekommen.

Dort nahm Ms. Saldanha, da die Rezeption so früh noch nicht besetzt war, den Anruf entgegen. Nicht in der Lage, die nur schlecht verstellten Stimmen als einen dummen Streich zu durchschauen, stellte sie die Nachfragenden sofort zu einer diensthabenden Kollegin durch.

Diese gab den vermeintlichen königlichen Hoheiten mehrere Minuten lang bereitwillig Auskunft über die Patientin. Die Ehefrau von Prinz William war am Montag wegen erschwerter Schwangerschaftsübelkeit eingeliefert, aber am Donnerstag bereits wieder entlassen worden.

Jacintha Saldanha konnte mit der Peinlichkeit nicht leben

Es war eine Woche der Nachrichten, wie England sie lange nicht mehr erlebt hat. Am Anfang stand die Hysterie um Kates Schwangerschaft, der man seit Langem entgegengefiebert hatte. Am Ende schied eine Frau und Mutter von zwei Kindern aus dem Leben, weil sie, so steht zu vermuten, nicht mit der Peinlichkeit fertig wurde, ihren Arbeitgeber ahnungslos in den internationalen News-Sumpf hereingezogen und sich selber zum Gespött gemacht zu haben.

Das Krankenhaus beeilte sich am Freitag, dem Verdacht entgegenzutreten, die Vorgesetzten hätten Ms. Saldanha nach dem peinlichen Vorfall zurechtgewiesen. Vielmehr habe man die Krankenschwester "in dieser schweren Zeit alle Unterstützung gegeben". Es ist aber nicht auszuschließen, dass die Frau disziplinarische Maßnahmen gegen sich befürchtet haben mochte, eine mögliche Quelle des Gefühls der "Einsamkeit und Verwirrung" bei ihr. Sie lebte in der krankenhauseigenen Wohnung allein; ihr Partner, Benedict Barboza, und sie haben ein Haus im westenglischen Bristol, wo auch die Kinder leben.

Britisches Königshaus empfindet "tiefe Trauer"

In einem offiziellen Statement sprach das Krankenhaus von "Schock und Trauer" über den Tod von Jacintha Saldanha, die dort mehr als vier Jahre lang angestellt war. "Tiefe Trauer" brachten auch Prinz William und seine Frau zum Ausdruck. "Ihre Gedanken und Gebete sind in dieser niederdrückenden Zeit bei Jacintha Saldanhas Familie, Freunden und Kollegen", hieß es in einer Stellungnahme aus dem St. James's Palace.

Mit diesen Äußerungen der Betroffenheit kontrastiert scharf die Flut an Verwünschungen, die seit Bekanntgabe des Todes der Krankenschwester auf die beiden australischen Journalisten niedergeht. Mel Greig und Michael Christian hatten sich noch bis kurz vor der erschütternden Nachricht ihres Schabernacks gebrüstet, ihn "den simpelsten Streich" genannt, der ihnen je gelungen sei. "Ehrlich, wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass man sofort aufhängen würde, so schlecht war allein unser Akzent." Auf der Website ihres Programms, "2Day FM", lief der Mitschnitt des Gesprächs mit dem Krankenhaus noch bis in den frühen Freitag.

Radio-Moderatoren schließen Twitter- und Facebook-Seiten

Danach schritt der Vorsitzende von SCA, der Muttergesellschaft des Radiosenders aus Sydney, entschieden ein, schloss die Website und veranlasste beide Journalisten, auch ihre Twitter- und Facebook-Seiten außer Kraft zu setzen. Ferner wurde das Paar "bis auf Weiteres" von seiner Mitarbeit an dem Sender beurlaubt. Auch Greig und Christian gaben ihre Erschütterung über den Tod der Krankenschwester zum Ausdruck, doch milderte der Ausdruck ihrer Betroffenheit keineswegs den Sturm der Entrüstung über sie.

"Was für eine Sorte Komödie ist das", erregte sich ein Twitter-Benutzer aus England, "die eine arme, ahnungslose Seele wie Jacintha der öffentlichen Erniedrigung preisgibt?" Fast durchgehend wird nach Entlassung der beiden gerufen: "Ihr habt das Blut von Jacintha an euren Händen", kehrt als Refrain oft wieder. Eine Minderheit der Kommentare dagegen warnt vor voreiligen Verdammungen: Solche Scherze wie der Anruf im Krankenhaus fänden schließlich ständig überall auf der Welt statt, und man könne nicht von der unerwarteten Tragödie des Selbstmordes auf die Verruchtheit des Streiches schließen, mag dieser auch geschmacklos und von billigsten Niveau gewesen sein.

Erinnerungen an Lady Diana werden wach

Und doch ändert der Tod alles, er macht alle Kommentare vorher zu Makulatur und richtet wieder einmal den Finger der Anklage auf die Medien und ihre frenetische Beschäftigung mit allem, was mit Royals, spezifisch dem Herzog und der Herzogin von Cambridge zu tun hat.

Aber die Wirkung dieser Woche der sich überstürzenden Nachrichten auf den Umgang mit dem übernächsten englischen Thronfolger und seine schwangeren Frau, die schließlich die Nummer drei der royalen Erbfolge zur Welt zu bringen hofft, greift weiter, reicht tiefer. Man kennt bei Prinz William die tief gelagerte Abscheu vor dem hysterischen Gebaren der Medien, die – nicht nur nach seiner Einschätzung – seine Mutter, Prinzessin Diana, zu Tode gehetzt hatten. Die Nachricht vom Nachwuchs im Hause des Herzogspaares ist kaum eine Woche alt, da überschattet der Tot einer Unschuldigen das Paar, als habe es die Nemesis darauf abgesehen, auch ihnen, wie Williams Mutter, keine Ruhe zu lassen.

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