08.12.12

Mode

Wenn die Schotten für Coco Chanel stricken

Einmal im Jahr widmet das französische Couturehaus Chanel dem textilen Handwerk eine Sonder-Kollektion. In Linlithgow wurde nun dem Schottenmuster gehuldigt.

Von Inga Griese
Foto: chanel

Die berühmte Ruine des einstigen Feriensitzes der Stuarts, Linlithgow Palace, 1424 erbaut, 1745 durch ein Feuer zerstört und gut eine halbe Stunde von Edinburgh entfernt.

9 Bilder

Womöglich ist es an diesem Abend kälter als damals vor 470 Jahren, als genau hier Maria Stuart geboren wurde. Der Regen schnürt in schrägen Bändern vom Himmel, die Temperatur kann sich nicht recht entscheiden, ob es vielleicht doch Schnee werden soll. Es ist so ungemütlich, wie man sich einen Dezemberabend in Schottland (ungerechterweise) vorstellt.

Doch im Innenhof der Ruine von Linlithgow Palace prasseln dicke Holzscheite in Eisenkörben und verströmen erstaunliche Wärme. Und womöglich war das genauso mit den riesigen Kaminen, die in den gut erhaltenen Mauern des 1424 erbauten und 1745 durch ein Feuer zerstörten Schlosses eingelassen sind, ganze Baumstämme konnte man dort wohl verheizen.

Und Fenster gab es auch in diesem "Palast" der Stuarts, der eben keine Festung war, sondern ausschließlich für Ferien und Feste diente, und so dürfte es relativ wohlig drinnen gewesen sein, als am 8. Dezember 1542 die kleine Maria auf die Welt kam - die schon sechs Tage später nach dem Tod ihres Vaters, Jakob V., zur Königin von Schottland ernannt wurde.

Wo Maria Stuart das Kerzenlicht der Welt erblickte

Und nun stehen wir mit einer netten Führerin, die sich die klammen Hände reibt, in der Großen Halle, in die der nasse Wind hineintreibt, denn Dach und Decken fielen ja einst dem Feuer zum Opfer, und sie weist auf ein Fenster im oberen Geschoss: "Dort".

Dort erblickte Maria Stuart das Kerzenlicht der Welt. Und da ganz oben im Turm, da hatte Großmutter Margaret Tudor, die Schwester von Heinrich VIII, ihren Rückzugsraum. Der Hauch der Geschichte beflügelt die Fantasie. Denn an diesem Abend ist Licht hinter der Fensteröffnung, sind Turm und Wände magisch angestrahlt.

Seit dem 19. November war das Denkmal für Publikumsverkehr geschlossen, um es herzurichten für eine spektakuläre Modenschau von Chanel. Das französische Couturehaus legt offensichtlich genauso viel Wert auf Eventpräzision wie auf schneiderische Perfektion. Rund um den Innenhof mit dem ältesten funktionierendem Brunnen Schottlands (aus dem zu Königs Zeiten Wein geflossen sein soll) wurde eigens ein hölzerner Rundgang errichtet.

Mit Whisky und Wolldecken vor dem Feuer

Dass er neu ist, verrät eigentlich nur das Podest für die Fotografen aus demselben Eichenholz. Später werden die rund 500 Gäste aus wohlhabenden Ländern der Welt auf den groben Bänken Platz nehmen, sich in die Wolldecken kuscheln - wenn ihnen von den Feuern, dem offerierten Whisky, der ganzen vibrierenden Aufregung auch angesichts der anwesenden Stuart-Nachfahren, nicht eh schon ganz warm ums Herz geworden war - und den Models in geschneiderter Hommage an schottische Traditionen und Geschichte zuschauen.

Einmal im Jahr ehren Karl Lagerfeld und das Haus Chanel die textilen Handwerkskünste mit einer besonderen Kollektion, Metiers d'Art genannt. Prächtige Broschen des Juweliers Desrues verzieren sogar die halb toupierten, halb geflochtenen Hochsteckfrisuren, der Federmacher Lemarie hat in Zusammenarbeit mit dem Hutmacher Maison Michel kostbare Hüte geliefert, in der Form wie das kleine Strohrad, das Mademoiselle so schätzte, aber eben mit einem Mandala aus Rebhuhnfedern belegt. Schuhmacher Massaro hat flache Stiefel über und über mit Lederblümchen, Strick, Fell bezogen.

Auf die Spitzenkaskaden an Ärmeln und Kragen wäre Elisabeth I. neidisch gewesen, die Sticker von Montex haben filigrane Tartanoptik auf seidige Gaze gebracht. Und die Strickwaren des schottischen Barrie Knitwear sind so Kaschmirweich wie ihre Muster landestypisch sind.

Grund der Kollektion liegt in der Geschichte

Seit über 25 Jahren stricken die Schotten für Chanel, diese Schau dürfte abgesehen vom lokalpatriotischen Aspekt für sie von besonderer Bedeutung gewesen sein. Denn im Oktober haben die Franzosen die (wegen steigender Pensionszahlungen) von Insolvenz bedrohte Firma in Hawick gekauft, sie damit wie bereits mehrere quasi vom Aussterben bedrohte Spezialistenwerkstätten gerettet, und so auch klug den Nachschub für ihre Couture gesichert.

Die herbstliche Acquise des Strickunternehmens war allerdings nicht der Grund für das Kollektions-Thema Paris-Edinburgh. Der liegt etwa neunzig Jahre zurück. Ganz abgesehen davon, dass Maria Stuart in Paris aufwuchs, kurz auch Königin der Franzosen war und ihr dramaeskes Schicksal seinen Anfang nahm, als Heinrich VIII vergeblich die Schotten überreden wollte, ihre "Auld Alliance" mit den Franzosen zu kündigen.

Ende 1923 jedenfalls lernte Coco Chanel in Monte Carlo den Duke of Westminster kennen, Spitzname Bendor, guter Freund von Winston Churchill, Frauenheld, freundlich, der reichste Mann Großbritanniens zu der Zeit. Und Großgrundbesitzer in Schottland. Mit ihm und auch mit Kumpel Churchill verbrachte Mademoiselle in den zwanziger Jahren viel Zeit an der Westküste und entwickelte sich dabei nicht nur zur passionierten Anglerin, sondern entdeckte eben auch ihr Faible für Tweed und Strick - ließ sich grundsätzlich von der selbstverständlichen Eleganz des Duke inspirieren.

Männliche Schnitte für weibliche Physiognomie

Wie er trug sie Wollpullis, Hosen, Tweedjackets und Jersey-Outfits. Sie übernahm die männlichen Schnitte und Proportionen und übersetzte sie für die weibliche Physiognomie - der komfortable Chic blieb fortan ihre Signatur. Shetlandwolle hatte sie zwar schon für ihre Entwürfe benutzt, bevor sie "Bendor" traf und bevor irgendjemand anderes es tat, aber erst in Schottland lernte sie die geometrischen Fair-Isle-Strickmuster und die Tartans schätzen.

Immer wieder tauchten sie fortan in ihren Kollektionen auf, zum festen Bestandteil ihres stilistischen Vokabulars wurde von 1924 an aber vor allem der Stoff der stolzen Highländer: Tweed. Ebenso wie die Strickjacken Ausdruck der von ihr propagierten körperlichen Freiheit der Frauenmode wurden.

Churchill schrieb, so steht es in der Biografie von Justine Picardie über Chanel, im Oktober 1927 aus Lochmore an seine Frau Clemmie: "Coco fischt von morgens bis abends und hat innerhalb von zwei Monaten fünfzig Lachse erlegt. Sie ist sehr umgänglich – wirklich ein gutes starkes Geschöpf, fähig über einen Mann oder ein Reich zu herrschen. Bennie ist, denke ich, überaus glücklich, mit jemand Ebenbürtigem verbunden zu sein – ihr Talent und seine Macht halten sich die Waage. Wir sind nur zu dritt am Fluss und haben alles, was man sich wünschen kann."

Churchill schrieb über die lachsfischende Coco

Später, zum Essen nach der Schau an schweren ringförmigen Holztischen im großen, gläsernen Zelt, üppig gedeckt und geschmückt mit Zinngeschirr, Leuchtern, Heidekraut, Efeu und Früchten, gab es: natürlich Lachs. Ich saß neben Stella Tennant, dem schottischen Top-Model hochadeliger Abstammung.

Die Mutter von vier Kindern hatte das Defilee mit einem Highlander-Outfit eröffnet und am Arm von Karl Lagerfeld beendet. Sie trug einen Pullover mit Streifen und Romben. Als Kind hatte ich einen ähnlichen. Made in Scottland. Sehr kratzig. Dieser war ultraflauschig. Ein Stück aus der Schau. "Ich habe ihn einfach angelassen", erzählt Mrs. Tennant grinsend. "Ich hoffe, ich kann ihn behalten." Wohl auch als stolze Erinnerung.

Nebel wabert über knorrige Bäume und den angestrahlten See. Theaternebel. Vom weiten Nachthimmel zwinkern helle Sterne. Coco?

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