07.12.12

Überleben

Wie man einer heranrasenden U-Bahn entkommt

Nach dem New Yorker U-Bahn-Drama fragen viele: Kann man sich retten, wenn man auf Gleise gefallen ist und ein Zug naht? Ja, sagen Sicherheitsexperten. Es braucht allerdings gewisse Voraussetzungen.

Foto: dapd

Ist man auf den Gleisen und ein ein Zug naht, gibt es immer noch Überlebens-Chancen
Ist man auf den Gleisen und ein ein Zug naht, gibt es immer noch Überlebens-Chancen

Wer auf U-Bahngleise geraten ist und aus eigener Kraft nicht wieder auf die Plattform klettern oder vor dem Zug davonlaufen kann, soll sich flach ins Gleisbett legen und überrollen lassen.

Das raten Sicherheitsexperten nach dem Tod eines Mannes, der am Montag in New York vor eine Metro geschubst und von einem herannahenden Zug tödlich verletzt worden war. Aber sie weisen auch darauf hin, dass diese Strategie nicht immer das Leben rettet.

Der dramatische Fall am Times Square in Manhattan hatte Entsetzen ausgelöst, weil kein Passant dem 58-jährigen Ki-Suck Han zu Hilfe eilte. Besonders heftige Kritik erntete der Fotograf R. Umar Abbasi, der zahlreiche Fotos machte, während das alkoholisierte Opfer vergeblich versuchte, auf die Plattform zu klettern.

Ein besonders dramatisches Bild Abbasis erschien am Dienstag auf der Titelseite der Boulevardzeitung "New York Post" unter der Zeile "Verloren: Auf die U-Bahngleise gestoßen, wird dieser Mann sterben."

Zahlreiche U-Bahn-Opfer

147 Menschen wurden nach Auskunft der Behörden im vorigen Jahr in New York von U-Bahnen angefahren oder überfahren. 50 von ihnen starben dabei. Das ist prozentual eine verschwindende Zahl angesichts von 1,6 Milliarden Metro-Kunden pro Jahr.

In den meisten derartigen Fällen handelte es sich um Selbstmorde, in anderen um Unfälle. Gewalttaten, bei denen jemand auf die Gleise gestoßen wird, ereignen sich extrem selten.

Doch "jede Woche mehrfach" fallen Menschen auf die Gleise, sagt Jim Gannon, Pressesprecher der Gewerkschaft der Zugarbeiter der Nachrichtenagentur AP. Oft handelt es sich um Unvorsichtigkeiten, um Gedrängel, um Folgen von Schwächeanfällen. In den meisten Fällen schaffen es die Menschen, alleine oder mit der Hilfe von Passanten aus dem vier Fuß (1,22 Meter) tiefen Schacht herauszuklettern.

Dennoch löste der Tod von Han auf Facebook Debatten darüber aus, dass für Großstädter Überlebensstrategien in den Metro-Tunneln ebenso wichtig seien wie für Alaska-Besucher das richtige Verhalten bei der Begegnung mit einem Grizzly.

Größere Gefahr für Übergewichtige

Dabei bietet das flache Legen auf die Gleise keine Gewähr für den Schutz von Leib und Leben. Insbesondere übergewichtige Menschen könnten von einer Bahn, die sie überfährt, mit möglicherweise tödlichen Folgen gestreift werden.

Auch sind die U-Bahnhöfe nicht nur von Stadt zu Stadt, sondern mitunter gar innerhalb ein und desselben Systems unterschiedlich konstruiert. Insbesondere die Höhe des Schotters im Gleisbett kann differieren und damit der Raum, der zur Zugunterseite bleibt.

Schließlich drohen in manchen U-Bahnstationen Gefahren von sogenannten Stromschienen auf dem Boden. Wer auf dem Gleisbett geht, muss zwischen sie treten und jede Berührung vermeiden. In New Yorker U-Bahnen etwa beträgt die Spannung der Stromschienen 600 Volt – einen solchen Schlag würde wohl kein Mensch überleben.

Weglaufen ist eine Option

Vor dem Zug weglaufen kann durchaus eine Option sein – solange man vor einem einfahrenden Zug flieht, der im Begriff ist zu bremsen, und weit genug entfernt ist vom Beginn der Plattform.

Denn beim Einfahren in den Bahnhof donnert eine U-Bahn laut Gannon mit etwa 40 Stundenkilometer an. Der Hundertmeter-Weltrekordler Usain Bolt kommt auf etwa 44 km/h. Und einem durchfahrenden Zug, der seine Fahrt nicht verlangsamt, entkäme auch der jamaikanische Sprinter nicht.

Während im Fall des gebürtigen Koreaners Han niemand half, kam es in anderen Situationen zu mutigen Rettungsaktionen. So wurde im Januar 2007 in New York Wesley Autrey zum "Subway Superman".

Retter werden zu Helden

Der damals 50-jährige Afroamerikaner bemerkte auf der Metro-Station 137th Street / City College einen Studenten, der einen epileptischen Anfall durchlitt. Autrey, der mit seinen beiden kleinen Töchtern unterwegs war, borgte sich zunächst von einem Passanten einen Kugelschreiber, um den Rachen des Studenten aufzusperren und einen Erstickungstod zu verhindern.

Der 20-Jährige kam wieder zu sich, stand auf und stolperte in den Schienenschacht. Autrey sprang hinterher, um ihn auf die Plattform zu hieven. Aber weil in diesem Moment eine U-Bahn heranraste, entschied sich Autrey stattdessen, den jungen Mann flach auf die Gleise zu pressen und sich dicht neben und über ihn zu legen. Autrey und der Student überlebten unverletzt.

In diesem Juni wurde auch Delroy Simmonds zu einem Helden. Der arbeitslose Schwarze betrat gerade den U-Bahnhof Van Siclen Ave. in Brooklyn/New York, als ein Kinderwagen mit einem neun Monate alten Baby kurz vor einem einfahrenden Zug auf die Gleise fiel. Der 30-jährige Simmonds sprang geistesgegenwärtig hinterher, packte den Jungen, warf ihn zurück auf die Plattform und konnte sich selbst knapp in Sicherheit bringen, bevor die Bahn ihn erreicht hätte.

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