07.12.12

Phantom-Eilande

Wie Inseln plötzlich von den Karten verschwinden

Die Phantominsel Sandy Island war eine von vielen, die es nie gab. Noch heute ist man bei manchen Eilanden unsicher, ob sie existieren oder nicht – und auch die modernen Satelliten helfen nicht.

Von Ulli Kulke
Foto: pa
Die Phantominsel Terra Australis Incognita auf einer Landkarte von 1618. Sie sollte die Erde im Gleichgewicht halten
Die Phantominsel Terra Australis Incognita auf einer Landkarte von 1618. Sie sollte die Erde im Gleichgewicht halten

Fast hätte es einmal eine deutsche Kolonie in der Karibik gegeben. Den klangvollen Namen "Kantia" hätte sie tragen sollen, nach dem Philosophen Immanuel Kant. Sie soll sogar bewohnt gewesen sein.

1884 war der Kaufmann Johann Otto Polter mit der Nachricht von ihrer Entdeckung in seine Heimatstadt Leipzig heimgekehrt. Vier mal ist er danach wieder ausgezogen in die Gewässer zwischen Martinique und Barbados, um die Insel für den Kaiser in Besitz zu nehmen.

1909 gab er auf, er fand sie nicht. Kaiser Wilhelm II. hatte ihm die Entdeckung bestätigt, sie tauchte auf Landkarten auf, aber dafür konnte Polter sich auch nichts kaufen. Die Insel war ein Phantom. Es gab sie gar nicht. Wie so viele andere Eilande auch.

Sandy Island wurde erst im November gestrichen

Phantominseln durchziehen die Geschichte der Kartografie seit ihren Anfängen bis heute. Erst im November wurde mit dem an die 100 Quadratkilometer großen melanesischen Sandy Island nahe Australien die – vorläufig – letzte von der Weltkarte gestrichen.

Thule, der Inselmythos im hohen Norden aus römischer Zeit. Die Terra Australis Incognita, die Ptolemäus, der bedeutendste Kartograf der Antike, im tiefen Süden wähnte, damit die Erdkugel keine Unwucht bekäme (noch James Cook war 1772 auf der Suche nach ihr). Das Antilia mitten im Atlantik auf der Karte, mit der Kolumbus unterwegs war.

Aber auch die Insel in arktischen Gewässern, auf denen Unverbesserliche bis in die 1970er-Jahre den leibhaftigen Hitler vermuteten, der dort seine Rückkehr vorbereitete – Phantominseln haben unterschiedlichste Entstehungsgründe zwischen Irrtum und absichtlicher Täuschung, und bei manchen stand sogar die Wahrheit Pate. Erst gab es sie, dann nicht mehr.

Phantominseln bleiben aus Sicherheitsgründen

Bei einer Reihe angeblicher Inseln ist man sich – trotz Satellitenerkundung – bis heute unsicher, ob sie existieren oder nicht. Sicherheitshalber lässt man sie noch auf den Seekarten. Überreste flach unter dem Wasser könnten womöglich Schiffen Schaden zufügen.

Vor Beginn des eigentlichen Entdeckungszeitalters im 15. Jahrhundert gab es gleich mehrere Gründe dafür, dass sich Hunderte Inseln in die Kartenwelt einschlichen, die es nicht gab. Generationen von Zeichnern übernahmen sie und gaben sie weiter.

Reiseberichte hatten längst noch nicht den Anspruch auf die Wahrheit und noch weniger auf "nichts als die Wahrheit". Immer wieder wurde den tatsächlichen Erlebnissen Fantasievolles hinzugedichtet, um die Lektüre kurzweiliger zu gestalten.

Kartenzeichner arbeiteten mit kreativen Reiseberichten

Bestes Beispiel: Marco Polo, der uns von Einhörnern und anderen eindeutigen Fabelwesen berichtete. Kartenzeichner waren in der Regel um Korrektheit bemüht, aber sie mussten mit kreativen Reiseberichten arbeiten. Auch sie selbst hatten wenig Scheu, die großen blauen Flächen mit Seeungeheuern aufzulockern, angebliche Berichte von heiß kochender See in Äquatornähe in ihre Pläne aufzunehmen.

Manche Phantomgebilde auf den Seekarten geben den Entdeckungsgeschichtlern zu denken. Wie war eigentlich Antilia auf die Karte in Kolumbus' Kajüte gekommen? Die Entfernung von Europa entsprach schließlich in etwa der Breite des Atlantik. War doch schon vor ihm jemand hinübergefahren? Bretonische Fischer sollen sich ja immer sehr weit hinausgewagt haben.

Und was ist mit der Karte von Nicolo Zeno, die angeblich aus dem frühen 15. Jahrhundert stammen sollte und dennoch schon unterhalb von Grönland eine Insel namens "Estotiland" zeigt, ungefähr dort, wo das amerikanische Festland beginnt? Vieles von dem wurde von der Wissenschaft als Phantom eingeordnet, obwohl gar nicht so weit entfernt von ihnen tatsächlich Land in Sicht gewesen wäre.

Die Meuterer der Bounty profitierten von den Fehlern

Auch nachdem im Zeitalter der Aufklärung das Bemühen um größere Akkuratesse Einzug hielt, tauchten immer noch Phantome auf den Karten auf. Viele davon waren nun allerdings Fehleinträge. Noch war es schwierig, den Längengrad der Position irgendwo auf den Weltmeeren zu bestimmen. Die sekundengenauen Uhren, die dafür nötig waren, kamen erst im späten 18. Jahrhundert in die Kapitänskajüten.

So tauchten manche Inseln um mehrere hundert Seemeilen nach Ost oder West versetzt auf den Karten auf, für manche Seelen zur Freude. Die polynesische Insel Pitcairn, auf der sich 1790 die Meuterer von der Bounty versteckten, wurde damals nicht gefunden, weil sie um über 200 Meilen falsch eingetragen war.

Eisberge und Wolken wirken wie Inseln

Das Problem mit dem Längengrad war spätestens im 19. Jahrhundert gelöst, die Navigationstechniken wurden ständig verbessert – und dennoch kamen die meisten Phantominseln in der Moderne auf die Karten, besonders im hohen Norden und tiefen Süden, wohin sich nun auch die Forschungsschiffe oder auch Walfänger wagten, wie überhaupt immer mehr Betrieb auf den Meeren war.

Inselähnliche Eisberge, verwirrende Wolkenformationen, hier und da auch ein "drunken sailor", vieles sorgte nun für erhöhtes Phantomaufkommen. Bei der erfundenen Byers-Insel im Nordpazifik war es ein geschäftstüchtiger Verleger, der mit den Geschichten über die Entdeckung Geld verdienen wollte.

Inseln verschwinden und tauchen neu auf

Auch die Tuanakis, die zu den Cook-Inseln gehört haben und von ihrem Namensgeber persönlich entdeckt wurden, sind von der Landkarte verschwunden. Auf ihnen sollen sogar Menschen gewohnt haben, die auf die Hauptinseln des Archipels, Rarotonga, übersiedelten, als ihre Lebensgrundlage bei einem Vulkanausbruch um 1843 im Meer versank.

Wahrscheinlich. 1863 stieß angeblich ein amerikanischen Schoner auf zwei übrig gebliebene Felsen, doch auch sie wurden nie wieder gesehen. Offizielle Dokumente liegen nicht vor über den Fall.

Doch Geologen halten den Fall nicht für ausgeschlossen, Inseln können tatsächlich verschwinden. Dafür tauchen dann auch mal neue auf, wie Surtsey gleich neben Island, durch einen Vulkan aus dem Meeresgrund hinaufgehoben.

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