06.12.12

U-Bahn-Fotograf

"Ich wollte den Fahrer mit meinem Blitzlicht warnen"

Ein Mann wird vor eine U-Bahn gestoßen und stirbt. Die "New York Post" zeigt das Bild des Zuges. Die Bürger sind entsetzt über das Verbrechen und den Umgang damit. Der Fotograf verteidigt sich.

Von Ansgar Graw
Quelle: dapd
05.12.12 0:57 min.
Tödliches Ende eines Streits: In New York wurde ein 58-jähriger Mann in das Gleisbett der U-Bahn gestoßen und von einem Zug überrollt. Nun hat sich der U-Bahn-Schubser selbst angezeigt.

Es ist ein schockierendes Bild, das die letzten Paniksekunden eines Mannes zeigt, und der andere Mann, der das so dramatische wie voyeuristische Foto schoss, versichert der Öffentlichkeit, er habe mit seinem Blitzlicht eigentlich ein Menschenleben retten wollen.

Der brutale Tod des Ki-Suck Han, der am Montag in New York vor eine U-Bahn gestoßen wurde, hat Entsetzen in ganz Amerika ausgelöst. Naeem Davis, ein obachloser Afroamerikaner, der den gebürtigen Koreaner auf die Gleise schubste, wurde am Dienstag verhaftet.

Aber die Empörung konzentriert sich inzwischen noch stärker auf den Fotografen, der in dieser Situation zur Kamera griff. Der Freiberufler R. Umar Abbasi hielt den Moment fest, in dem der 58-jährige Han versuchte, von den Gleisen zurück auf die Bahnhofsplattform zu klettern. Kaum noch 20 Meter entfernt, donnert der Zug heran, dem Han entgegen blickt.

Massive Kritik

"Verloren", titelte am nächsten Tag die "New York Post", die ihre ganze Seite 1 mit Abbasis Bild zugepflastert hatte, und dem Leser rief die Boulevardzeitung in mächtigen Lettern die Sensation zu: "Auf die U-Bahngleise gestoßen, wird dieser Mann sterben."

Abbasi mag das dramatischste Foto seines Lebens geschossen haben. Aber der Fotograf sieht sich nun massiver Kritik ausgesetzt. Wie kann man Bilder machen, wenn in geringer Entfernung ein Mensch versucht, sein Leben zu retten? War es Gier, Sensationslust, mangelnde Reaktionsschnelligkeit – oder doch der misslungene Versuch, dem Opfer zu helfen.

Er sei viel zu weit entfernt gewesen, um Han zu erreichen, sagt Abbasi. Der offenkundig betrunkene Asiate hatte Davis bedrängt, bevor der ihn auf die Gleise der U-Bahn-Station am Times Square im Herzen von Manhattan stieß.

Von diesem Streit will Abbasi nicht viel mitbekommen haben. Er sei erst aufmerksam geworden, als Han schon auf den Gleisen war und verzweifelt versuchte, wieder auf die Plattform zu klettern, sagte der Fotograf dem Fernsehsender NBC in der "Today"-Show.

"Fahrer mit Blitzlicht warnen"

"Ich brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, was geschah", so Abbasi. "Ich sah in der Entfernung die Lichter des nahenden Zuges. Das einzige, was mir einfiel, war, den Fahrer mit meinem Blitzlicht zu warnen."

Erst viel später an jenem Abend will Abbasi realisiert haben, dass er verwendbare Fotos gemacht hatte. Über 90 Bilder soll der Profi-Fotograf in diesen kurzen Momenten geschossen haben.

Es klinge "morbide, ein Foto dieser Natur zu verkaufen", sagte Abbasi. Daher habe er die Bilder "lizensiert", also offenkundig insgesamt der "New York Post" zur Verfügung gestellt. Dass dabei ein großzügiges pauschales Honorar floss, darf angenommen werden.

20 Sekunden auf den Gleisen

Etwa 20 Sekunden lang sei Han auf den Gleisen gewesen, schätzt Abbasi. Er sei zu weit entfernt gewesen, um ihn zu erreichen. "Was mich überraschte, war, dass Leute vielleicht 30 oder 50 Meter entfernt waren und nichts taten, um zu helfen."

Auch nachdem der Zug den Mann überrollt hatte und eine Ärztin ihm Erste Hilfe leistete, hätten etliche Passanten Fotos und Videos gemacht.

"Mein Beileid (gilt) der Familie", sagte Abbasi in die Fernsehkameras. "Hätte ich gekonnt, hätte ich Mr. Han hochgezogen. Mir ging es nicht um die Fotos."

"Keine Vorstellung"

Kritikern, die unter anderem auf Facebook und Twitter Abbasis Verhalten attackierte, entgegnete der Fotograf, diese Leute hätten "keine Vorstellung davon, wie schnell das alles ablief".

Davis, der Han gestoßen hatte, war nach der Tat zunächst geflüchtet. Die Polizei verbreitete Bilder der Bahnhofskamera, die Davis und den ihn offenkundig bedrängenden Han unmittelbar vor dem Stoß auf die Gleise zeigen.

Der wohnungslose Mann, der als Straßenhändler am Times Square T-Shirts verkauft, rasierte sich den Schädel. Offenkundig wollte er nicht erkannt werden. Doch bereits am Dienstag klickten die Handschellen. Davis muss sich ab dem 11. Dezember wegen Mordes mit bedingtem Vorsatz vor Gericht verantworten.

Davis weist Opfer die Schuld zu

Als der wegen kleinerer Delikte wie Diebstahl und verbotener Hausiererei vorbestrafte Davis nach seinem Haftprüfungstermin an Journalisten vorbei geführt wurde, wies er dem Opfer die Schuld zu.

"Er hat mich zuerst attackiert. Er griff nach mir", sagte er. Auf die Frage eines Journalisten, ob er Han töten wollte, antwortete Davis: "Nein."

Doch Staatsanwalt James Lin bewertet den Vorfall anders. Dem Richter sagte er, Davis habe zu keinem Zeitpunkt versucht, Han zurück auf den Bahnsteig zu helfen, als sich die Metro näherte, "und tatsächlich schaute der Angeklagte zu, wie der Zug das Opfer traf".

Mann hatte vorher getrunken

Serim Han, die Witwe des Opfers, erzählte Journalisten unter Tränen, sie habe sich vor dem tödlichen Zwischenfall mit ihrem Mann gestritten. Der habe daraufhin getrunken und die Wohnung verlassen.

Ein Zeuge berichtete, Han habe nach Alkohol gerochen, sei in aggressiver Weise auf Davis zugegangen und habe "Hey, hey" gerufen. Davis blieb zunächst ruhig und gab zurück: "Ich kenne dich nicht, du kennst mich nicht, verzieh` dich."

Dann wurde aus der verbalen Konfrontation körperliche Gewalt. Es kam zu dem verhängnisvollen Stoß, der einen Mann sterben ließ, einen anderen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zum Mörder machte und einem Fotografen ein Bild bescherte, das ihm Geld und Ruhm einbringen mag, aber kaum Verdienst und Ansehen.

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