06.12.12

Gedächtnisforschung

In Nostalgie schwelgen vertreibt Kälteempfinden

Menschen verfallen eher angenehmen Erinnerungen, wenn es kalt ist. Subjektiv werden dann höhere Temperaturen gefühlt. Außerdem setzen die warmen Gedanken die Toleranzgrenze für Schmerzen hoch.

Foto: pa/dpa/Tass

Hart im Nehmen: In Russland sind bekanntlich viele Menschen gut gegen Kälte gewappnet – ob sie dabei in nostalgischen Erinnerungen schwelgen, ist allerdings unklar
Hart im Nehmen: In Russland sind bekanntlich viele Menschen gut gegen Kälte gewappnet – ob sie dabei in nostalgischen Erinnerungen schwelgen, ist allerdings unklar

Der erste Schnee fällt. Stiefel und Handschuhe müssen her, am Abend werden die ersten Kerzen angezündet – die Welt wird stiller und... kälter. Um an frostigen Winterabenden warm zu bleiben, gibt es profane Möglichkeiten: die Heizung hochdrehen, sich auf dem Sofa in eine Decke kuscheln, und einen schönen heißen Tee trinken.

Man kann sich natürlich auch warme Gedanken machen. Das soll nämlich fast genauso funktionieren, wie Wissenschaftler um Xinyue Zhou von der chinesischen Sun Yat-Sen University im Journal "Emotion" schreiben.

Die Psychologin hat zusammen mit britischen und niederländischen Forschern in fünf Experimenten getestet, ob nostalgische Erinnerungen die Wahrnehmung von Wärme und Kälte beeinflussen können. Zwischen Nostalgie, also sehnsuchtsvollen, zärtlichen, wehmütigen Gedanken an persönlich bedeutsame Lebensmomente, und der körperlichen Empfindung von Wärme gebe es eine feste Assoziation, schreibt Zhou.

Nostalgie und Wärme gehören zusammen

Sie beruhe darauf, dass Menschen Metaphern nutzen, um konkrete physiologische Erfahrungen widerzuspiegeln. Nostalgie sei als Erinnerung an positive und meist zwischenmenschliche Kontakte eng an das Erleben körperlicher Wärme gekoppelt.

Beide werde deshalb als zusammengehörig gespeichert und auch abgerufen. Wer nostalgisch wird, dem sollte demnach automatisch auch warm werden. Doch Zhou geht noch weiter: Nostalgie, so ihre Hypothese, könnte sogar die Funktion eines Korrektivs haben, das dem Körper Wärme suggeriert, auch wenn gar keine da ist.

Diese Idee reiht sich ein in die Forschungslinie dazu, wie Gedanken physiologische Reaktionen des Körpers steuern oder ändern können. Nostalgie wäre demnach nicht sinnfreie Tagträumerei, sondern hätte die wichtige Funktion, das Wärmeempfinden zu regulieren.

Ist es draußen kalt, werden Menschen nostalgischer

Im der ersten Untersuchung ließen die Forscher daher Versuchsteilnehmer über den Zeitraum von einem Monat jeden Abend auf einer Skala einschätzen, wie nostalgisch sie sich jeweils tagsüber gefühlt hatten. Gleichzeitig erhoben die Forscher die Außentemperaturen an diesen 30 Tagen, die zwischen vier und 16 Grad schwankte. An den kälteren Tagen, so das Ergebnis, waren die Probanden tatsächlich eher der Nostalgie verfallen als an den wärmeren Tagen.

In einem zweiten Experiment wollten die Psychologen es genauer wissen und Verzerrungen ausschließen – und manipulierten die Temperatur im Labor. Jeweils 30 Probanden mussten die Nostalgie-Skala in einem Raum bei einer Temperatur von 28 Grad, 24 Grad oder 20 Grad ausfüllen.

Wieder zeigte die Analyse, dass niedrigere Temperatur mit mehr nostalgischem Empfinden gekoppelt war: Die Teilnehmer im Raum mit 20 Grad lagen auf der Skala deutlich höher als jene, die sie bei 24 und 28 Grad ausgefüllt hatten.

Auch Musik macht nostalgisch

Es scheint also tatsächlich so zu sein: Wir verfallen der Nostalgie eher, wenn es kalt ist. Ob die warmen Gedanken an einen schönen Moment dann aber wirklich helfen, untersuchten die Forscher in drei weiteren Studien. Zunächst sollten 1070 Teilnehmer einer Online-Studie sich vier sentimentale Musikstücke nacheinander anhören – alle hatten Liebe und Verlust oder Vergänglichkeit als Thema.

Wieder musste anschließend die Nostalgie-Skala ausgefüllt werden. Außerdem sollten die Teilnehmer angeben, ob ihnen gerade eher warm oder eher kalt war. Das nun nicht mehr ganz so überraschende Ergebnis: Den sehr nostalgischen Probanden war häufiger warm als den weniger nostalgischen.

Da dieses Wärmeempfinden aber recht unspezifisch erfasst war, testeten die Forscher in Studie vier, ob Versuchsteilnehmer tatsächlich die Raumtemperatur unterschiedlich einschätzen, je nachdem, ob sie nostalgische Gedanken hatten oder nicht.

Eine Gruppe der Probanden baten die Wissenschaftler deshalb, an ein autobiografisches Erlebnis zu denken, das sehnsüchtig Gefühle oder Melancholie in ihnen hervorrief, die andere Gruppe dagegen sollte an ein neutrales Erlebnis denken. Anschließend schätzen beide Gruppen die Temperatur des Raumes, in dem sie sich befanden.

Empfundene Raumtemperatur steigt um vier Grad

Die Kontrollgruppe mit den neutralen Gedanken war bei einer durchschnittlichen Angabe von 17 Grad ziemlich nah an den tatsächlichen 16 Grad dran – die Nostalgiegruppe dagegen verschätzte sich um fast vier Grad: Sie gaben im Durchschnitt fast 20 Grad als vermutete Raumtemperatur an. Nostalgie verändert also tatsächlich das Wärmeempfinden.

In einem letzten Experiment wollten die Wissenschaftler dann noch etwas anderes klären: Im Gehirn ist das Empfinden von Kälte eng mit dem Empfinden von Schmerz verknüpft. Wenn Nostalgie das Wärmeempfinden erhöht, so schreiben sie, dann erhöht es vermutlich auch die Toleranz für schmerzhafte Kältereize.

Sie ließen deshalb erneut eine Gruppe von Testpersonen an nostalgische Lebensmomente zurückdenken und eine andere an neutrale, und baten sie anschließend, ihre Hand in eisiges Wasser mit einer Temperatur von vier Grad zu halten, solange sie konnten.

Schmerzreize werden länger ausgehalten

Ganze sieben Sekunden länger hielten die Nostalgiker im Schnitt durch. In diesem letzten Experiment überprüften die Psychologen auch, ob der Effekt ebenfalls auftritt, wenn die Probanden positive Gefühle berichteten, die jedoch nichts mit Nostalgie zu tun hatten. Das war jedoch nicht der Fall.

"Nostalgie schmälert nicht nur das körperliche Unbehagen, das mit Kälte verknüpft ist, sondern erhöht auch die Toleranz ihr gegenüber", schlussfolgern die Studienautoren. Sie habe damit eine homöostatische Funktion, indem sie helfe, den Körper zurück ins Gleichgewicht zu bringen, sowohl psychologisch als auch physiologisch.

Sich mental in einen früheren Zustand zu versetzen, regt demnach auch den Körper an, die mit der Erinnerung verbundenen Gefühle real wiederzubeleben. Die Frage, die sich mit den Studien allerdings noch nicht beantworten lässt, ist, ob dann nicht jede mentale Vorstellung, die mit Wärme zu tun hat, den gleichen Effekt hätte.

Denn man könnte natürlich auch gleich an die wohlige Heizung, den heißen Tee, und die schöne warme Kuscheldecke denken, während man noch, auf dem Nachhauseweg, frierend durch den Schnee stapft. Ob das letztlich weniger effektiv wäre?

Es hätte zumindest den Vorteil, dass einige negative Assoziationen, die durchaus auch mit Nostalgie zusammenhängen – Verklärung von Vergangenem, naiver Idealisierung oder Unvermögen nach vorn zu schauen – den warmen Gedanken ihren Platz nicht streitig machen könnten.

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  • Kindheitsmomente

    Die Experimente zeigen, kommen nostalgische Erinnerungen vor allem aus der eigenen Kindheit und Jugend. Besonders Geburtstage, Weihnachten, Urlaubserlebnisse oder das Wiedersehen geliebter Personen schaffen Momente, die später sehr intensiv und detailreich erinnert werden.

  • Positive Seiten

    Zwar wurde Nostalgie in der europäischen Geschichte traditionell eher als rückwärtsgewandt und negativ für die psychische Gesundheit bewertet, jedoch mehren sich inzwischen Hinweise, dass sie durchaus auch positive Effekte hat. So zeigen Studien, dass nostalgische Erinnerungen Menschen mitfühlender, hilfsbereiter und großzügiger werden lassen.

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