05.12.2012, 17:20

Wetterexperten-Streit Kalt, streng, Schnee – die besten Winterprognosen


Von matschig bis romantisch-weiß: Die Meteorologen halten viele Varianten für den Winter 2012/3 für möglich

Foto: . / dapd (2), pa/dpa (2)

Von Elke Bodderas

So wird der Winter - oder auch ganz anders. Fünf Experten und ihre Prognosen für die nächsten Monate. So ganz einig sind sie sich nämlich nicht, ob es wirklich eine Saison für Schlittschuhe gibt.

"Im Dezember zu kalt. Insgesamt aber eher mild"

"Langfristige Wettervorhersagen von vier Wochen bis zu sechs Monaten sind nicht vergleichbar mit einer Wettervorhersage für wenige Tage", sagt Kirsten Zimmermann vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. "Für präzise, langfristige Prognosen ist die Atmosphäre zu chaotisch. Schon kleine Dinge können beim Wetter enorme Wirkung haben. Immerhin ist aber für den kommenden Winter ein Trend vorhersehbar, und der sieht so aus: In den nächsten vier Wochen werden in Deutschland die Kategorien ,etwas zu kalt' bis ,zu kalt' eine große Rolle spielen. Dabei bleibt es in Deutschland eher niederschlagsarm. Wind: mittel.

Insgesamt ist dann aber mit einem ,normalen' bis ,milden' Winter zu rechnen. Den ersten Wintereinbruch haben wir in diesem Jahr schon hinter uns – es war wie so häufig Anfang November. Und wie so oft ging der November dann deutlich wärmer zu Ende.

Für die ersten Dezemberwochen gilt: Das Wetter kommt häufig mit Wärme, erst im zweiten Dezemberdrittel geht der Winter strenger übers Land. Um Weihnachten herum wird es dann aber fast überall wieder milder – Deutschland taut größtenteils wieder auf bis zum Jahresende. Im Januar könnte dann kontinentaler Hochdruck klirrende Kälte über uns bringen – die Saison der Schlittschuhe.

Unter gewissen Bedingungen hält das bis Februar, wobei eine zweite Kältewelle Mitte des Monats möglich ist. Was danach kommt? Meistens ein wenig Wärme. Der Februar ist regelmäßig der schneereichste Monat im Winter."

"Es wird ein ungewöhnlich strenger Winter"

"Es gibt einen Trend zu rauen Wintern auf der nördlichen Erdhalbkugel. Zwar war der vergangene Winter 2011 normal bis mild. Aber die Wintermonate der Jahre 2009 und 2010 gehörten zu den strengsten der letzten hundert Jahre", sagt Judah Cohen, amerikanischer Meteorologe und Klimaforscher vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA.

Der Wissenschaftler hat dafür eine Erklärung gefunden: "Durch den Klimawandel schmilzt im Sommer das Arktis-Eis sehr viel stärker als gewöhnlich. Das führt dazu, dass feuchte Luftmassen südwärts in Richtung Sibirien ziehen, die wiederum viel mehr Schnee abgeben als bisher üblich. Diese massive Schneedecke führt zu niedrigeren Temperaturen in Sibirien – was auch in Europa, im Osten der USA und in Asien spürbar wird. Ist es im Juli, August und September also in der Arktis ungewöhnlich warm, schmilzt dort das Eis, wie unsere Messungen ergaben.

Weil die wärmere Atmosphäre aber auch mehr Wasser aufnehmen kann, beginnt es in Sibirien um den Oktober herum stark zu schneien. Diese Schneedecke beeinflusst die Arktische Oszillation – und führt im Norden Europas und in Deutschland zu strengen Wintern. An der Schneedecke in Sibirien lässt sich deshalb relativ exakt vorhersagen, wie der bevorstehende Winter in Deutschland wird: Wächst sie schneller als normal, wird der Winter kalt.

Wächst sie langsam, wird der Winter eher mild. Im Oktober dieses Jahres ist die Schneedecke in Sibirien viel schneller gewachsen als normal – es erinnerte mich stark an den Oktober 2009. Der Winter, der dann folgte, war ungewöhnlich kalt und streng. Es wird hart werden dieses Jahr."

"Für diesen Winter wage ich keine Prognose"

Hans Graf, Professor für Meteorologie und Klimaforschung an der University of Cambridge in Großbritannien, hat ein Verfahren für verlässliche Winterprognosen in Mitteleuropa entwickelt. Es ist eine Art Faustregel, mit der sich bereits im Spätsommer prognostizieren lässt, ob der Winter kalt wird oder eher mild. "Das Verfahren war zwar in den vergangenen drei Wintern zuverlässig", sagt Graf, "dennoch werde ich für diesen Winter keine Prognose ausgeben. Die Wetterküche, die wir entdeckt haben, bestimmt den Winter Mitteleuropas wesentlich mit. Sie liegt über dem Pazifik, in der Nähe der Datumslinie.

Dort zieht alle paar Jahre ein El Niño auf. Das ist ein Wetterphänomen, eine starke Erwärmung, die Winde und Regengebiete weltweit durcheinanderbringt. Nach einem El Niño über dem Zentralpazifik gibt es Frostwinter in Europa – der Polarwirbel schwächt sich ab, die Westwinde werden schwächer und machen den Weg frei für kalte Luft aus Osteuropa und aus Westsibirien. Die Temperaturen liegen dabei durchschnittlich um drei bis vier Grad niedriger als in anderen Wintern. Auf einen El Niño im Pazifik folgt regelmäßig einer der kältesten Winter in Deutschland.

Entsprechend warm fiel der Winter 2011/2012 aus, dem kein El Niño vorherging. In diesem Jahr haben wir ein bisschen Wärme im zentralen Pazifik, aber keinen El Niño. In der Stratosphäre müsste sich jetzt der Polarwirbel abschwächen. Aber dort ist nichts zu sehen außer einem starken Wirbel über Kanada. Auch die kalte Luft im Osten ist nicht so, dass es für eine Vorhersage reicht. Wie der Winter wird? Alles ist drin."

"Es gibt einen kalten Winter mit viel Schnee"

Wie der Winter wird? Die Pflanzen, die Tiere, der Himmel sagen es voraus, man muss es nur zu deuten wissen.

Die sechs berühmten "Wetterschmöcker" aus dem Schweizer Muotathal, zwischen 70 und 80 Jahre alt, treffen sich jedes Jahr Ende Oktober in einem Schweizer Gasthaus. Mit Isobaren haben sie ebenso wenig am Hut wie mit Polarwirbeln und Azorenhochs. Für ihre Vorhersagen ziehen sie Würmer, Ameisen und Fichtenzapfen heran.

In diesem Jahr fällt ihr Urteil überraschend eindeutig aus: "Zusammengefasst gibt es nach einem schönen, aber kalten Vorwinter viel Schnee und tiefe Temperaturen. Der Frühling wird recht früh ins Land ziehen." Woran sie das sehen? Zum Beispiel an den dicken Ameisen. "Die Tiere haben sich Speck für einen harten Winter angefressen."

"Kann man leider nicht vorhersagen"

Jörg Kachelmann, Meteorologe und Unternehmer, auf seiner Facebook-Seite "Kachelmannwetter": "Vollpfostenmeteorologie und Vollpfostenjournalismus kommen alle Jahre immer wieder dann zusammen, wenn es darum geht, vorherzusagen, wie der Winter wird. Es gibt einen weltweiten Konsens: Man kann das Wetter leider noch nicht für eine ganze Jahreszeit im Voraus vorhersagen. Alle auf der Welt halten sich daran, in Deutschland ist das anders, dort gibt es die Vollpfostenmeteorologie und auch den entsprechenden Journalismus, der das schreibt. Und so kommt dann meistens in die Zeitung, dass der Winter sehr kalt wird. Alle großen Wetterdienste versuchen, Jahreszeiten-Vorhersagen zu machen.

So hat der amerikanische Wetterdienst jetzt einen Trend für Europa prognostiziert, dass Dezember, Januar und Februar wärmer als normal werden. Das wird aber kaum jemand schreiben, weil es keine Geschichte ist und es keiner lesen will. Wenn die Vollpfostenmeteorologen sagen, huh, es wird kalt, dann steht auch Taktik dahinter, denn sie wissen: Eine Kältewelle kommt immer. Und so haben sie zum Schluss recht behalten, selbst wenn der Winter eher warm war.

Diese Meteorologen machen ihre Vorhersagen so, dass sie gefühlt irgendwie stimmen, selbst wenn sie in der Endabrechnung Schwachsinn sind. Bei all diesen Stussvorhersagen wird man immer hören: Der Sommer wird heiß, der Winter wird kalt.

Die aktuelle Wetterlage finden Sie hier.

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