04.12.12

Schwangere Kate

"Dieses Baby bekommen wir alle"

Die Nachricht von Kates Schwangerschaft versetzt Großbritannien geradezu in den Ausnahmezustand. Spekulationen um mögliche Kindsnamen laufen auf Hochtouren: Bei Wettbüros gibt es schon Favoriten.

Von Thomas Kielinger
Quelle: Reuters
04.12.12 1:57 min.
Seit bekannt wurde, dass Prinz William und seine Frau Kate Nachwuchs erwarten, steht Großbritannien Kopf. Auch Premierminister Cameron, das Weiße Haus und das Parlament Kanadas schickten Glückwünsche.

Die Schlagzeile der "Daily Mail" brachte es am Besten auf den Punkt: "Eine Freude für die Nation, eine Nervensache für den Ehemann." Damit war die Nachricht der Schwangerschaft der Herzogin von Cambridge wie in Doppelbelichtung eingefangen.

Denn das Ehepaar war am Montagnachmittag im Eiltempo vom Elternhaus der Herzogin in Bucklebury, Grafschaft Berkshire, nach London aufgebrochen, wo Catherine ("Kate"), geborene Middleton, sofort in das Privatkrankenhaus King Edward VII. im Stadtteil Marylebone eingewiesen wurde.

Sie litt, wie bald bekannt wurde, an einer verschärften Form der Morgenübelkeit, in der Fachwelt als "Hyperemesis gravidarum" (HG) bekannt, eine Begleiterscheinung, wie sie oft im frühen Stadium der Schwangerschaft eintreten kann. Als Prince William am Montagabend das Krankenhaus verließ, sah er in sich gekehrt aus, ganz wie ein um das Wohlergehen von Frau und Kind besorgter Ehemann.

Jedenfalls konnte die Nachricht der kommenden Geburt nicht mehr verheimlicht werden. Gemeinhin ist es Tradition in der königlichen Familie, Nachwuchs, der sich anmeldet, nie vor der 12. Woche der Schwangerschaft bekannt zu geben. In Zeiten der Social Networks musste man dagegen mit einem wahren Tsunami von Spekulationen rund um die hohe Patientin rechnen.

Kate noch einige Tage in Klinik

Also blieb nur die Flucht nach vorn – in dem einzigen Moment, über den das Ehepaar noch Herr des Verfahrens war. Selbst die Queen wurde erst eingeweiht, als die Herzogin bereits auf dem Weg ins Krankenhaus war. Das Klinikbett wird sie mehrere Tage lang hüten müssen.

Noch am Freitag hatte Kate bei einem Besuch ihrer alten Schule in Pangbourne, nahe London, fröhlich ein paar Minuten lang Hockey mitgespielt. Und wenige Tage zuvor, bei einem Termin in Cambridge, der Titular-Stadt des Paares, überreichte eine frisch gebackene Mutter den beiden bei einem Rundgang in der Menge ein Strampelhöschen, was Kate und ihr Mann gut gelaunt quittierten.

Doch nichts deutete auf das Geheimnis hin, das bis dahin allein Kate und ihrem Mann gehörte. War das Kind auf der Südostasien-Reise, die das Paar im September absolvierte, gezeugt worden?

Die Aufregung um den Nachwuchs im Hause Cambridge beweist einmal mehr, was vor langen Jahren die Nanny der heutigen Queen, Marion Crawford, geschrieben hatte – dass das Privatleben eines Mitgliedes der königlichen Familie eigentlich nur zwischen Empfängnis und Bekanntgabe der Schwangerschaft währt.

"Oh, seht doch nur, Kate ist schwanger!!!"

Danach wird das Kind von der allgemeinen Publicity in Besitz genommen. Wie es der Historiker des Königshauses Robert Lacey gestern in einem Radiointerview mit schöner Klarheit formulierte: "Wir haben die Hochzeit der Eltern verfolgt, ihre Brautwerbungs- und Verlobungszeit, wir haben uns gefragt, wann der Nachwuchs kommt – dieses Baby bekommen wir alle."

Der Karikaturist der "Times" sekundiert. Er zeigt ein Ehepaar, das beim Zeitungsstudium am Morgen die Schlagzeile der Schwangerschaft kommentiert: "Die öffentliche Hysterie ist in ihrem frühen Stadium." Der Kollege vom "Daily Telegraph" stimmt ein. Bei ihm werden die Drei Könige auf ihrer Wanderschaft eines Sterns gewahr und rufen sich zu: "Oh, seht doch nur, Kate ist schwanger!!!"

Das Echo in den Medien ist gewaltig, Schlagzeilen und Sonderseiten übertrumpfen sich gegenseitig. Wem in Deutschland das "Ende der Printmedien" im Ohr klingt, der sollte nach London kommen und durchblättern, wie die neun überregionalen Zeitungen des Landes die Nachwuchs-Nachricht aus dem Hause Cambridge feiern: Auf 49 Seiten ergießt sich eine wahre Flut der Beschreibungen. Das gilt nicht nur für den Boulevard, es betrifft auch die so genannten "quality papers", die gehobenen Printmedien.

Man sieht daran, wie die Monarchie auf der Insel immer wieder glückliche Ereignisse zu produzieren weiß, die von Mal zu Mal ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Nation stiften und die Menschen erneut mit der ältesten Institution des Landes, dem Königtum, in eins setzen. Selbst der anti-monarchische "Guardian" kommt in seiner Dienstagausgabe nicht an drei vollen Seiten zum frohen Ereignis vorbei.

Die neue Thronfolgeregelung

Die Faszination des Augenblicks verdankt sich nicht nur der allseits beliebten schönen Kate und ihrem von Allüren freien Ehemann. Es hat auch etwas mit der neuen Regel königlicher Sukzession zu tun, die 2011 Jahr auf der Commonwealth-Konferenz im australischen Perth beschlossen wurde: Kates Kind, auch wenn es ein Mädchen ist, rückt an die dritte Stelle der Thronfolge, nach dem Großvater Charles und seinem Vater William.

Mädchen waren bislang ausgeschlossen, sofern ein Bruder geboren wurde, dem der Vortritt zustand. Diese Änderung muss noch von den Parlamenten der sechzehn Länder, in denen die Queen einschließlich Großbritanniens Staatsoberhaupt ist, ratifiziert werden, doch zweifelt niemand, dass es jetzt bald erfolgt.

Historiker können angesichts der neuen Thronfolgeregelung nur traurig reflektieren, wie anders das 20. Jahrhundert verlaufen wäre, hätten sich die Briten 150 Jahre früher zu diesem Modus der königlichen Sukzession durchgerungen.

Dann wäre nämlich das erste Kind von Queen Victoria, ein Mädchen, Vicky genannt, ihrer Mutter 1901 auf den Thron gefolgt, und nach ihr, die als Witwe des deutschen Kaisers Friedrich ebenfalls 1901 starb, ihr Erstgeborener, William, besser bekannt als Kaiser Wilhelm II. Was wäre der Welt mit dieser Wendung der Dinge alles erspart geblieben!

Am Stärksten konzentrieren sich die Spekulationen um Kates Baby jetzt auf die Frage, was die erschwerenden Symptome heftiger Übelkeit, verbunden mit Erbrechen, vielleicht bedeuten könnten – etwa eine Zwillingsgeburt? Wer würde in dem Fall das Thronfolgerecht erhalten?

Königliche Experten sind sich schon jetzt einig: Das erste zutage gekommene Baby. Und wie ist es bei einem Kaiserschnitt? Auch hier gilt: Das erste heraus beförderte Baby. Wenn da bloß nicht die Ärzte manipulieren und bei einem männlichen und weiblichen Zwillingspaar ihre Vorlieben ins Spiel bringen... Man sieht, wie weit die Auguren schon jetzt der Zukunft voraus greifen.

Spekulation um mögliche Namen

Auch die Spekulation um mögliche Namen läuft auf Hochtouren; die Wettbüros favorisieren John, Charles, Robert, James oder George für einen Jungen, Victoria, Anne, Diana, Mary oder Frances für ein Mädchen. Bis zur Frage der Taufpaten ist die allgemeine Hysterie freilich noch nicht vorgedrungen.

Auf den Herzog von Cambridge kommt derweil eine wichtige Weichenstellung zu: Soll er weiter seiner beruflichen Laufbahn nachgehen, der eines Rettungshubschrauber-Piloten auf der Insel Anglesey? Oder sollte er als angehender Familienvater sein Leben zwischen privaten und öffentlichen Pflichten einrichten und damit auch seinem Vater und seiner Großmutter bei Repräsentationsanlässen vermehrt zur Seite stehen?

Viele raten ihm zu Ersterem, auch weil es noch viele Jahre dauern wird, ehe er selber auf dem Thron folgen kann. Noch ist die Queen mit ihren 86 Jahren recht rüstig, und an Prince Charles geht kein Weg vorbei, ein Überspringen der Erbfolge ist nicht vorgesehen. Und der Nachwuchs? Der wird an die fünfzig Jahre warten können, ehe seine Stunde schlägt. Geben wir ihm – und uns – Zeit.

Quelle: dapd
04.12.12 1:02 min.
Im Jeep braust Prinz William, der künftige Vater, davon. Im Londoner King Edward-Hospital besuchte er seine Liebste Kate, die dort wegen schwerer Schwangerschaftsübelkeit behandelt wird.
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