04.12.12

"Hart aber fair"

Ein Adventskalender und Ideologen bei Plasberg

"Papa, Papa, Kind": für manche normal, für andere grenzwertig. Beim "Hart aber fair"-Thema Adoptionsrecht für Homosexuelle blieben die Fronten verhärtet. Auslöser war ein Geschenk vom Weihnachtsmarkt.

Von Tim Slagman
Foto: ARD/Hart aber fair

Auslöser für die „Hart aber fair“-Debatte mit dem Thema „Papa, Papa, Kind: Homo-Ehe ohne Grenzen?“ war dieser Kalender. Er wird auf extra schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt verkauft, der in Köln eröffnet hat.

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Was war das schon für eine Frage im Titel der Sendung: "Homo-Ehe ohne Grenzen?" Das klang nach Weltverschwörung, Invasionsangst, Bedrohung, nach Anmaßung und Überschreitung.

Diese Frage setzt voraus, dass es grundsätzlich solche Grenzen gibt. Sie ist gewissermaßen das Äquivalent zu der furchtbaren gut gemeinten Feststellung, Homosexuelle seien ja Menschen wie alle anderen auch.

Woher also kam diese selbst für Plasbergsche Verhältnisse ungewöhnlich zugespitzte Titel-Rhetorik? Eben aus der Tatsache, dass auch die Diskussion über das Thema Homosexualität eine derart ideologisch aufgeladene ist. Gegen die Natur, so argumentieren die Gegner des Adoptionsrechtes für homosexuelle Paare, lässt sich eben nicht andiskutieren. Mann und Mann kriegen kein Kind, Frau und Frau machen keines. Ist das nicht wunderschön evident?

Allein: Mit der Natur zu kommen, und nur mit der Natur, macht sich in einer Gesellschaft, die sich als ethisch geprägte versteht, nicht besonders gut: Das riecht nach Sozialdarwinismus, dem Recht des Stärkeren und ähnlich Unschönem. Dabei vermischt sich diese Argumentation häufig auf recht merkwürdige Weise mit einer Weltanschauung, die des Sozialdarwinismus reichlich unverdächtig ist: dem Christentum.

Schwule und Lesben auf der "Christmas Avenue"

Natur und Gott, darunter geht es anscheinend nicht, wenn gegen die Homo-Ehe oder gar die Homo-Ehe mit Kindern ins Feld gezogen wird. Wundert sich jemand, dass die Fronten verhärtet sind? Dabei kann man natürlich auch anders über das Thema diskutieren: Die Journalistin Birgit Kelle versuchte es mit Psychologie, sie zitierte Studien, nach denen Kinder, die ohne Vater aufgewachsen sind – für Kinder, denen die Mutter fehlte, gebe es nicht genügend empirisches Material – einen stärkeren Hang zu Depressionen entwickelten, zu Drogen und zur Gewalt.

Plasberg konterte mit einer anderen Studie im Auftrag des Bundesjustizministeriums, die zum Ergebnis kam: "Es erwies sich nicht die Familienkonstellation als bedeutsam, sondern die Beziehungsqualität in der Familie."

Ach je, winkten Kelle und der Theologe Martin Lohmann ab, die Studie sei ja alt, deren Methoden fragwürdig und außerdem sei das ganze Papier eine interessengeleitete Auftragsarbeit gewesen. Merke: Ideologen sind immer nur die anderen.

Dabei sagte Lohmann einen denkwürdigen Satz: "Es ist der Bewegung gelungen, die sexuelle Orientierung zum wesentlichen Bestandteil der Identität zu machen." Diese Feststellung passte gut zu einem Detail, um das die Sendung vor allem zu Beginn geradezu obsessiv kreiste: einem schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt in Köln.

Homosexuell und in der CDU

Diesem identitären Moment ging die Sendung voll auf den Leim, sie stand als Symptom dafür, wie der – nicht nur – mediale Mainstream den gesellschaftlichen Diskurs gleichzeitig spiegelt und produziert. Denn für Adoptionsrecht und die Gleichstellung mit der traditionellen Ehe stritten: der schwule Entertainer Ralph Morgenstern, die lesbische Sängerin Lucy Diakovska, einst bei den No Angels, und, sozusagen als besonderer Trumpf, Stefan Kaufmann.

Kaufmann ist homosexuell und gleichzeitig Bundestagsabgeordneter der CDU. Man kann sich vorstellen, wie die Talkshow-Redaktionen der Republik beim Ausblick auf diesen Gast in Verzückung geraten: Mensch, ein Wanderer zwischen den Welten, eine geradezu gespaltene Persönlichkeit, wie kann der nur, wie ist das bloß, wie hält der das denn aus?

Dass es heterosexuelle Menschen geben könnte, die sich für die Belange Homosexueller einsetzen, kommt in dieser Vorstellungswelt nicht vor. Dass es Schwule oder Lesben gibt, die auf die Institution der Ehe pfeifen und kein Interesse am Aufziehen von Kindern haben, wird gleich mit ausgeblendet.

Man soll alle seine Kinder gleich stark lieben

Wenn die Auswahl der Gäste und die Strukturierung der Diskussion mit derartigen Scheuklappen von statten geht, dann endet die Sendung notwendig in maximaler, nicht zu überwindender Opposition: Auf der einen Seite die Natur, oder mindestens: das Natürliche und die Religion, auf der anderen Seite das Selbst.

So krachte es denn auch ordentlich, vor allem aber zwischen Martin Lohmann und dem Moderator, der dem Chef des katholischen Fernsehsenders K-TV zu Beginn der Sendung gleich einmal mit gar nicht so sanfter Gewalt dessen Spickzettel entriss. "Nur Statistiken", beteuerte Lohmann, und Plasbergs Entschlossenheit schien zu antworten: Weniger Empirie, bitteschön, mehr Meinung. Als ob diese Aufforderung nötig gewesen wäre.

Dann verknüpfte Lohmann, Vater einer Tochter, Sexualität mit Fortpflanzung, und Plasberg folgerte, Lohmann habe demzufolge nur ein einziges Mal im Leben Sex mit seiner Frau gehabt. "Primitiv" fand Lohmann dies, und das war es wohl auch. Aber es war eben auch symptomatisch für die Oberflächlichkeit einer Diskussion, in der nur in absoluten Begriffen gesprochen wurde.

So war es denn offensiv versöhnlich, dass gegen Ende Irmgard Franken, Mutter eines homosexuellen Sohnes, aus ihrer Familiengeschichte erzählte und zeigte, sie hielte trotz – heutzutage eher heimlicher – Diskriminierung zu dem 19-Jährigen. Man solle alle seine Kinder gleich stark lieben, unabhängig von der sexuellen Orientierung, da war sich die Runde ausnahmsweise einig. Das stimmt sicher. Aber die gesellschaftliche Diskussion bringen solche entwaffnend simplen Feststellung nicht weiter.

Das sagten die Gäste bei "Hart aber fair"

Ralph Morgenstern,

Entertainer:

 

 

"Was bedeutet denn 'normal'?

Darüber könnte man endlos diskutieren."

Birgit Kelle,

Journalistin:

 

 

"Jedes Kind hat das Recht,

eine Mutter und einen Vater zu erfahren."

Stefan Kaufmann,

CDU-Bundestagsabgeordneter:

 

 

"Wenn man gleichgeschlechtliche Partnerschaften

aufwertet, dann wird deshalb kein Kind

weniger geboren und keine Ehe weniger geschlossen."

Lucy Diakovska,

Sängerin:

 

 

"Zwei Frauen, die sich ein Kind wünschen,

denken viel intensiver über Erziehung und das

Aufwachsen nach als viele heterosexuelle Paare."

Martin Lohmann,

Theologe:

 

 

"Sexualität bedeutet die Weitergabe

von Leben, damit ist

verantwortungsvoll umzugehen."

Quelle: Reuters
22.11.12 1:45 min.
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