02.12.2012, 09:58

"Tatort" Leipzig Am Ende steht die traurige Wirklichkeit für sich

Foto: MDR/Junghans

Von Christoph Cöln

Was passiert, wenn der eigene Sohn zum brutalen Täter wird? Der Tatort „Todesschütze“ geht dieses Thema an. Erpressung, Vergewaltigung und Selbstjustiz motzen die Handlung bis zum Finale auf.

Mit einem schockierenden Gewaltexzess beginnt der "Tatort" aus Leipzig. Wie von Sinnen schlagen drei Jugendliche auf offener Straße ein Ehepaar zusammen, treten der am Boden liegenden Frau immer wieder gegen den Kopf.

Es ist Nacht, Überwachungskameras Fehlanzeige. Die einzigen Zeugen sind die Streifenpolizisten Rahn und Maurer, doch die schweigen. Sie decken einen der Täter: Rahns Sohn Tobias. Also muss das Duo Saalfeld und Keppler gegen die eigenen Kollegen ermitteln.

Tatort: Berlin, Alexanderplatz

Erst vor wenigen Wochen erschütterte der Fall Jonny K. die Republik. Tatort: Berlin, Alexanderplatz. Wie im Rausch trat eine Horde Jugendlicher einen Unschuldigen zu Tode. Als die Dreharbeiten zu "Todesschütze" begannen, konnten die MDR-Verantwortlichen nicht ahnen, dass die Fiktion von der Wirklichkeit so brutal eingeholt wird.

Umso spannender zu sehen, wie der Film das heikle Thema angeht. Zunächst nicht mit Hilfe stereotyper Erklärmuster und einfacher Schuldzuweisungen. Exemplarisch steht das Schicksal des Polizisten Rahn. Viel zu spät offenbart er seiner Frau: "Unser Sohn ist ein Schläger. Das ist die traurige Wahrheit." Die entgegnet lapidar: "Hast Du Dich mal gefragt, woran das liegt?" Er weiß, er hat versagt. Trotzdem straft er seinen Sohn weiter mit Schlägen.

Halbstarke aus zerrütteten Familien

Jeder ist hier Opfer und Täter. Der Ehemann des Opfers, den der Rachedurst fast umbringt. Seine Frau liegt im Koma, sie hat ihr Kind verloren. Die Halbstarken aus den zerrütteten Familien und die Polizisten, die zwischen Berufsethos und Selbsterhaltungstrieb aufgerieben werden. Keppler beschreibt das Dilemma präzise: "Als Polizist musst du die Tat verfolgen, als Vater musst du sie vertuschen." Dazu macht er ein Gesicht, das mitleidloser nicht sein könnte.

"Todesschütze" besticht durch ein starkes Ensemble, aus dem Martin Wuttke herausragt. Seinen Kommissar umgibt die gallige Schwere des Film Noir. Mit der Witterung und Geschmeidigkeit einer Echse bewegt sich die schmächtige Statur durch die Stadt, immer auf dem Quivive, den spitzen Blick von einer bogartschen Leere verhangen. Dialoge reduziert er auf das Nötigste. Leidenschaftlich ist nur sein Zynismus.

Traurige Wirklichkeit

Der Plot steigert sich leider zusehends in eine genretypische Eskalationsdynamik hinein, anstatt auf den soziologischen Grundkonflikt zu vertrauen und die Milieus weiter zu sezieren. Erpressung, Vergewaltigung und Selbstjustiz motzen die Handlung bis zum krawalligen Finale auf. Plausibler wird die Story dadurch nicht. Am Ende steht die traurige Wirklichkeit weiterhin für sich. Hinzuzufügen hat ihr dieser "Tatort" nichts.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter