30.11.12

Abel Lanzac

"Einige meinten, wir sollen die Deutschen verraten"

Abel Lanzacs Comic "Quai d'Orsay" gewährt einen Blick hinter die Kulissen der französischen Außenpolitik. Der Autor verrät, dass beide Länder beim Irakkrieg nicht so einig waren, wie es schien.

Foto: Reprodukt-Verlag

Vorstellungsgespräch: Der Minister Alexandre Taillard de Vorms (alias Dominique de Villepin) rekrutiert einen jungen Doktoranden als Redenschreiber
Vorstellungsgespräch: Der Minister Alexandre Taillard de Vorms (alias Dominique de Villepin) rekrutiert einen jungen Doktoranden als Redenschreiber

Der beste politische Roman des Jahres ist ein Comic. "Quai d'Orsay", das in Frankreich ein Bestseller war, ist jetzt endlich auf Deutsch erschienen. Die Hauptfigur ist ein Politiker namens Alexandre Taillard de Vorms – ein kaum verhülltes Porträt von Dominique de Villepin, der während der Irak-Krise französischer Außenminister war. Der Autor, der das Pseudonym Abel Lanzac benutzt, war damals Mitglied des Beraterstabs von Villepin. Er schuf die Graphic Novel zusammen mit dem Zeichner Christophe Blain.

Berliner Morgenpost: Herr Lanzac, Sie arbeiteten als Redenschreiber im Stab des Außenministers Dominique de Villepin. Wie sieht so ein berufliches Umfeld aus?

Abel Lanzac: So, wie ich es im Comic beschrieben habe, würde ich sagen. Man wird von den Ereignissen und den unterschiedlichen Ansichten der Akteure hin- und hergerissen, man weiß nicht mehr, wer man ist, sodass man "ich" sagt und einen anderen meint. Man ist wie eine Fahne im Wind. Man ist völlig unfähig, zum eigenen Vergnügen ein Buch zu lesen: Alles dreht sich um den anderen. Aber dieser andere wird in kurzer Zeit so wirklich, dass man durch diese Erfahrung wie bei einem Initiationsritus transformiert wird und sich in zwei Persönlichkeiten spaltet. Danach muss man aber aufhören.

Berliner Morgenpost: Die Szenerie des zweiten Teils von "Quai d'Orsay" orientiert sich offenbar an Dominique de Villepins Rede vor den UN während der Irak-Krise 2003. Wie haben Sie die Krise und die deutsch-französische "Koalition der Unwilligen" erlebt?

Lanzac: 2003 war ein großer Moment in der deutsch-französischen Geschichte. Ich werde Ihnen etwas anvertrauen: Damals sagten mir viele – und darunter befanden sich einige, die mir nahestehen –, dass wir nichts begriffen hätten. Sie sagten, dass wir von dem deutschen Fehler hätten profitieren sollen, der darin bestand, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einer wichtigen Frage nicht aufseiten der Amerikaner zu stehen. Bestimmte Leute meinten, dies wäre für Frankreich eine historische Gelegenheit gewesen. Wir hätten den unvermutet frei gewordenen Raum zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten besetzen sollen, um die Vermittler zu spielen. Ich kann so eine "Realpolitik" (im Original deutsch, die Red.) verstehen. Aber ich bin stolz, dass es nicht unsere Politik gewesen ist. Viele Männer wären zynischer als Taillard de Vorms gewesen. Aber er hat den Sirenen nicht sein Ohr geschenkt. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unsere Schicksale, das der Deutschen und das der Franzosen, nicht voneinander gelöst werden können.

Berliner Morgenpost: Vor dem Erscheinen von "Quai d'Orsay" haben Sie Villepin einen Teil des Storyboards gezeigt. Angeblich hätte er von der ersten Seite an gelacht. Unter Diplomaten scheint bekannt zu sein, wer sich hinter dem Pseudonym Abel Lanzac verbirgt. Warum möchten Sie trotzdem anonym bleiben?

Lanzac: Journalisten interpretieren es so, dass ich anonym bleiben möchte. Ich trage einen Künstlernamen, einfach weil ich mehrere Leben führe und sie meiner Freiheit zuliebe trenne. Mir geht es auch um ein Berufsethos: Diejenigen, mit denen ich tagsüber arbeite, müssen sich nicht mit den Dingen herumschlagen, die ich nachts schreibe. Ich möchte Verwirrung vermeiden.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihre Beziehung zu Comics?

Lanzac: Comics begleiten mich seit meiner Kindheit. Mein Vater hat mir seine Leidenschaft dafür vererbt. Shakespeare sagte "all the world is a stage", die ganze Welt ist eine Bühne. Alles kommt auf die Perspektive an. Ich würde nicht sagen "all the world is comics", aber ich nehme die Ereignisse um mich herum oft wie eine Szene, einen Clip, ein Spiel oder eine Bilderfolge wahr. Ich konnte mir diese Schwäche nie abgewöhnen, sie beschränkt sich aber nicht auf Comics. Bertrand Tavernier adaptiert zum Beispiel gerade "Quai d'Orsay" für das Kino. Für mich ist es ein gewaltiges Vergnügen zu sehen, wie er bei den Dreharbeiten die Abenteuer des großen Taillard und des jungen Arthur für die Kamera inszeniert: mit einem kritischen Verständnis, das den richtigen Blickwinkel findet, aber auch mit einer zutiefst humanistischen Zärtlichkeit, die ihm vor jedem falschen Urteil bewahrt.

Berliner Morgenpost: Sie parodieren das Leben einer Regierungsmannschaft. Warum haben Sie sich das humoristische Fach ausgesucht, um Mechanismen der Macht darzustellen?

Lanzac: Ich weiß wirklich nicht, wie ich die Sache anders hätte angehen sollen, wenn ich daran denke, was für einen Mordsspaß ich gehabt habe, seitdem ich Teil der französischen Staatsverwaltung geworden bin. Was dort geschieht, ist so sonderbar, dass ich mich nicht zurückhalten konnte.

Berliner Morgenpost: Alexandre Taillard de Vorms jongliert mit Zitaten von Heraklit und Demokrit. Hat diese Referenz etwas zu bedeuten?

Lanzac: Heraklit und Demokrit sind zwei Weise, die einander entgegengesetzt sind. Sie verkörpern die beiden einzig möglichen Haltungen, die man dem Leben gegenüber einnehmen kann: Weinen oder Lachen. Meine Frau (sie taucht im Comic als Marina auf) hat mich auf dieses teuflische Duo aufmerksam gemacht, als sie einen Essay über sie schrieb. "Quai d'Orsay" ist voller Paare im eigentlichen oder übertragenen Sinn, aber ich habe mir gedacht, dass eines fehlt, das die ganze Geschichte zusammenfasst: das Lachen und das Weinen, das Komische und das Tragische, eben Demokrit und Heraklit.

Berliner Morgenpost: Ist "Quai d'Orsay" in erster Linie ein Buch für die französische Öffentlichkeit? Oder glauben Sie, dass Deutsche es ebenso schätzen können, weil die Entschleierung der Macht ein universelles Thema ist? Glauben Sie, dass Deutsche genauso von Grund auf politisch wie die Franzosen sind?

Lanzac: Es geht im Comic nicht so sehr darum, Macht zu entschleiern, sondern eher darum, ihre Mechanismen zu studieren und sie in Beziehung zu allgemeinen menschlichen Fragen zu setzen. Ich kann nicht sagen, was universell ist und was nicht, was ich aber sagen kann, ist, dass es kein Volk gibt, dass in einem vornehmen Sinn so außerordentlich politisch ist wie die Deutschen. Es gibt nämlich keine Kultur, die so wesentlich für die Bedeutung und das Verständnis der Welt wäre, wie die deutsche, unabhängig von den individuellen Interessen, die die Mehrheit der Menschen regieren. Ihre Frage berührt die Fundamente des zeitgenössischen Denkens, weil sich im deutschen Geist etwas Neues verbirgt, das sich heute noch nicht ausdrückt, sich aber noch entfalten wird.

Berliner Morgenpost: Welche Lehren über das Wesen der Diplomatie ziehen Sie aus Ihren Erfahrungen im Innern der Macht?

Lanzac: Diplomatie ist ein Muskel. Sie funktioniert wie das Gedächtnis. Man muss dafür bezahlen, um Allianzen schmieden oder sogar Freundschaften unter den Völkern stiften zu können. Aber wer einen mächtigen Körper hat, braucht nicht in den Krieg zu ziehen und zu kämpfen. Man wird respektiert und angehört, ohne die Knarre auf den Tisch legen zu müssen. Das Politische ist das Gehirn. Dort spielt sich die ganze Artikulation zwischen dem Minister und seinem Stab ab, die zugleich Körper und Seele sind.

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