03.12.12

Merkwürdiges Ritual

"Wir feiern Silvester auch mit einem toten Opossum"

Die Einwohner des 240-Seelen-Örtchen Brasstown stecken jedes Silvester ein wildes Opossum in einen Plexiglaskäfig und seilen es zum Countdown aus mehreren Metern Höhe ab. Tierschützer sind empört.

Von Christine Kensche
Foto: Clay Logan

3, 2, 1… beim Countdown zum neuen Jahr seilen die Einwohner des kleinen Örtchens Brasstown im US-Bundesstaat North Carolina ein wildes Opossum ab. Die Tierschutzorganisation Peta will diese Tradition verbieten lassen
3, 2, 1… beim Countdown zum neuen Jahr seilen die Einwohner des kleinen Örtchens Brasstown im US-Bundesstaat North Carolina ein wildes Opossum ab. Die Tierschutzorganisation Peta will diese Tradition verbieten lassen

Das 240-Seelen-Dorf Brasstown im US-Bundesstaat North Carolina pflegt eine ziemlich merkwürdige Tradition: Jedes Jahr an Silvester sperren die Einwohner ein wildes Opossum in einen Käfig aus Plexiglas. Dann tragen sie es auf eine eigens aufgebaute Bühne vor dem örtlichen Supermarkt und ziehen es an einem Seil in die Höhe.

Zum Countdown wird das Tierchen dann wieder heruntergelassen. Was genau das eigentlich soll, kann keiner so richtig sagen. Aber die Amerikaner lieben dieses Ritual: Mehr als 3000 Schaulustige reisen jedes Jahr dafür an. Bis jetzt. Denn nun steht die Tradition vor dem aus. Die Tierschutzorganisation Peta hat Zeremonienmeister und Supermarktbesitzer Clay Logan (66) verklagt.

Die Welt: Herr Logan, wie werden Sie dieses Jahr Silvester feiern?

Clay Logan: Das wird das Gericht entscheiden, hoffentlich noch rechtzeitig vor Neujahr. Auf jeden Fall aber werden wir feiern, wir wissen nur noch nicht, wer der Zeremonienmeister sein wird – und wer der Ehrengast. Ob ein lebendes oder totes Opossum.

Die Welt: Ein totes Opossum, das ist Ihre Alternative?

Logan: Wenn uns der Richter verbietet, ein lebendes zu benutzen, ja. Dann werden wir wohl eins schießen oder ein überfahrenes vom Straßenrand pflücken. Irgendetwas werden wir schon runterlassen.

Die Welt: Warum muss es denn ausgerechnet ein Opossum sein?

Logan: Warum denn nicht? In New York wird an Silvester ein riesiger Ball aus Kristallen auf den Times Square abgeseilt, in Atlanta ein Pfirsich, in Maine eine Sardine. Wir haben uns für das Opossum entschieden, weil es noch niemand gewählt hat. Niemand kümmert sich um diese kleinen Kerle, das sind einsame Tiere, wissen Sie. Wir wollten ihnen ein bisschen Ruhm verschaffen.

Die Welt: Das klingt nach einer ziemlich merkwürdigen Zeremonie. In Deutschland haben wir so eine Tradition nicht.

Logan: Sie feiern kein Silvester?

Die Welt: Doch natürlich, aber wir lassen um Mitternacht nicht irgendetwas an einem Seil herunter. Soll das Glück bringen?

Logan: Ich weiß nicht, Ma'am. Das ist einfach so eine Tradition. Es gibt Hunderte solche Rituale, bei denen etwas abgeseilt wird. Das ist einfach ein Anlass, eine Party zu schmeißen, Menschen zusammenzubringen und Spaß zu haben.

Die Welt: Wie lange feiern Sie diese Tradition schon?

Logan: Die New Yorker lassen ihren Kristallball schon seit mehr als hundert Jahren herunter. Wir haben vor zwanzig damit angefangen. Eines Tages kurz vor Silvester lief plötzlich ein Opossum in meinen Laden. Ein Freund meinte "Hey lass uns doch ein Opossum abseilen, wie den Kristall in New York". Das fing als eine lokale Feier an und wurde immer größer. Mittlerweile kommen jedes Jahr mehr als 3000 Schaulustige in unseren Ort.

Die Welt: Um was genau zu sehen?

Logan: Wir setzen das Opossum in einen Käfig aus Plexiglas, den wir schön mit Girlanden verziert haben. Und dann ziehen wir es an einem Seil fünf Meter hoch über die Bühne vor meinem Laden. Kurz vor Mitternacht beginnt der Countdown und wir lassen es herunter, 10, 9, 8 ...

Die Welt: Und dann lassen Sie es frei?

Logan: Nein, nicht sofort, erst wenn alle wieder weg sind. Wir wollen ja nicht, dass das Kerlchen totgetrampelt wird. Wir bringen es dann in den Wald.

Die Welt: Was genau hat denn Peta gegen dieses Ritual?

Logan: Die Tierschützer sagen, wir würden es traumatisieren, aber das stimmt nicht! Wenn ein Opossum Angst hat, stellt es sich tot. Das ist noch nie vorgekommen. Wir fangen es ein und kümmern uns gut um das Opossum. Bei uns geht es ihm besser als draußen, da werden die Tierchen nämlich ziemlich oft überfahren, wissen Sie. Bei uns ist das Kerlchen sicher. Zumindest bis zum neuen Jahr.

Die Welt: Waren Sie überrascht über die Klage?

Logan: Ach nein, in diesen Zeiten überrascht mich nichts mehr. Dass ist jetzt schon der vierte Prozess. Zwei haben wir gewonnen, den dritten Peta. Das ist ein freies Land, Ma'am. Wenn die Tierschützer Recht kriegen, dann ziehen wir eben wieder vor Gericht. Zur Not bis vors Oberste.

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