29.11.12

"Krekeler killt"

Auch Adventskalender können kriminell sein

24 Morde bis Weihnachten: Jan Costin Wagner hat Kollegen gebeten, Kurzkrimis für die Vorweihnachtszeit zu schreiben. "Totenstille Nacht" heißt das Buch. Eine gesunde Alternative zum Schoko-Kalender.

Foto: Infografik Die Welt

Vor Weihnachtsmännern wird gewarnt: Kriminalstatistisch gesehen ist das Fest eben kein Fest der Liebe. Weswegen in den 24 Geschichten von Jan Costin Wagners kriminellem Adventskalender auch eifrig gemordet wird.
Vor Weihnachtsmännern wird gewarnt: Kriminalstatistisch gesehen ist das Fest eben kein Fest der Liebe. Weswegen in den 24 Geschichten von Jan Costin Wagners kriminellem Adventskalender auch eifrig gemordet wird.

Für Liebhaber von Analog-Schokolade und Freunde des vorweihnachtlichen Brauchtums war das keine gute Woche. Wer sich nämlich schon das ganze Jahr darauf gefreut hat, teures Geld für 24 Stück hinter kitschig bemalten Türchen versteckter und billiger Pseudo-Pralinen auszugeben, dem hat die Stiftung Warentest alles verdorben.

Hinter jeder Klappe beinahe jedes Adventskalenders, so die Stiftung, lauert Zeug, das exakt so giftig ist, wie es meistens aussieht. Mit Mineralöl durchdrungener Süßkram.

Bevor wir zur Beantwortung der Frage kommen, was man am besten mit den zwei Dutzend Giftstückchen anfangen soll, wenn man sie denn schon gekauft hat: Es gibt Alternativen. Den Bierdosenkalender zum Beispiel.

Literarische Adventskalender sind gesund

Oder aber etwas noch viel weniger Leberschädliches, über das der gepflegte Literaturkritiker allerdings sehr gern seine Nase rümpft – literarische Adventskalender. Die heißen dann gern "Früher war mehr Lametta" oder "Weihnachtsengel küsst man nicht". Und es wird einem von den meisten ungefähr genauso schlecht wie vom anfallartigen Vertilgen der Mineralölsterne und -weihnachtsmänner.

Wild aus dem Zusammenhang gerissene Romanabschnitte werden da gern in 24 Kapiteln kommentarlos zusammengestoppelt, Fälle von Viertverwertung auslaufender Rechte oder aber weihnachtliche Gelegenheitsoriginalerzählungen, für die man einiges an Glühwein gekippt haben muss, um sie, ohne Schaden am Geschmacksempfinden zu nehmen, gut finden zu können. Was wiederum eher leberschädigend wäre.

Für Jan Costin Wagners Vorweihnachtsanthologie "Totenstille Nacht" kann man sich den Glühweinerwerb getrost sparen. Man muss sich kaum eine der 24 Originalgeschichten, die Deutschlands skandinavischster Krimischriftsteller in diesem Band zusammengebracht hat, schön trinken.

Werbetrommel für deutsche Kriminalliteratur

Wagners krimineller Adventskalender funktioniert ganz großartig als Werbetrommel für die deutsche Kriminalliteratur im Allgemeinen und für das vernachlässigte Genre der Kriminalgeschichte im Besonderen.

Nun kommt Weihnachten der Kriminalliteratur natürlich schon kriminalstatistisch sehr entgegen. Keine Zeit im Jahr ist mörderischer. Der Glücksdruck (oder die Verzweiflung über das ausbleibende Glück) lastet so sehr auf den Familien, dass sie nur explodieren können. Alle erwarten sich ein Fest, alles ist erstarrt in unliebsamer Routine.

Alles ist wie immer, so gehen viele der Geschichten, nur etwas ist anders, wird anders, soll anders werden. Meistens soll einer sterben. Aus Rache meistens. Weihnachten wird bei Wagner & Cie. zum Fest der offenen Rechnungen. Und zum Fest der Befreiung. Zum Moment, ein neues Leben zu beginnen. Oder das alte abrupt zu beenden.

Männer stören, Frauen sterben

Meistens sind es die Männer, die stören, die weg müssen. Sie sind oft nicht mehr jung, aber schon lange unerträglich. Man kann sie verstehen, die Frauen. Sie sind stark, sie haben einen Plan. Der in der Regel nicht so aufgeht, wie sie sich das so überlegt haben. Weswegen es auch häufig die Frau ist, die dann auf einem Hocker steht mit der Schlinge um den Hals.

Lustig sind die Geschichten manchmal. Meistens sind die sehr ernst. Mit Weihnachten haben sie nicht zwangsläufig zu tun, es geht nicht in jeder ein Weihnachtsmann um oder ein Engel, nicht überall steht ein geschmückter Baum. An Schnee herrscht kein Mangel. An Witz und Fabulierlust und kriminalliterarischer Baukunst auch nicht.

Züge überfahren Menschen, Mörder mutieren zu Engeln, Einbrecher zu Lebensrettern. Wir sind im Berlin der Dreißiger. Wir sind auf dem bayerischen Dorf, in einer einsamen Waldhütte, auf den Bahngleisen, in Schweden und irgendwo im Nirgendwo an einer Grenze.

Wer einen Plan hat, stirbt ganz gern daran

Es sterben Menschen am Balkankrieg und an Kommunikationskatastrophen. Wer einen Plan hat, erdrosselt sich meistens selbst dran. Sich abzuhalten davon, einfach gleich alle 24 Geschichten binnen einer schlaflosen Winternacht in sich hineinzuschaufeln, ist nicht ganz einfach.

Und was lernt sich aus den 24 Erzählungen für das unweigerlich herannahende Fest? Man sollte, bevor man sich ins allumfassende Zumba-Singen stürzt, dezent in seinem Leben umsehen. Ist alles in Ordnung, mit dem Leben und der Ehe?

Das Früchtebrot könnte tödlich sein

Es empfiehlt sich auf jeden Fall, das weiß der Wagner-Leser, sehr genau aufzupassen, was man isst und trinkt. Schmeckt das Früchtebrot vielleicht ein bisschen komisch? Perlt der Sekt vielleicht falsch? Man kann nie wissen.

Was uns zur Beantwortung der Frage bringt: Was tun mit dem Mineralölkalender? Tja. Rache, Befreiung, neues Leben.

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