29.11.12

"Aktenzeichen XY"

Ein Leben voller Qualen, Hoffnung und Verzweiflung

Entführungsopfer Natascha Kampusch und Angehörige von vier vermissten Kindern schilderten bei "Aktenzeichen XY"-Spezial ihre Dramen. Betroffene greifen in ihrer Ausweglosigkeit nach jedem Strohhalm.

Von Ralf Dargent
Foto: picture alliance / dpa

Natascha Kampusch war im Alter von zehn Jahren gekidnappt und mehr als acht Jahre lang in einem Haus gefangen gehalten worden
Natascha Kampusch war im Alter von zehn Jahren gekidnappt und mehr als acht Jahre lang in einem Haus gefangen gehalten worden

Sechs Jahre ist Natascha Kampusch jetzt frei. Doch ganz frei ist sie noch immer nicht. "Gestern ist mir so etwas passiert, da hatte ich ganz kurz den Eindruck, in meinem Verlies zu sein."

Mit leiser, sehr zurückhaltender Stimme erzählte die 24-Jährige dies Rudi Cerne in seiner insgesamt dritten Spezialausgabe von "Aktenzeichen XY" zum Thema "Wo ist mein Kind?". Ob Kampusch jemals dieses Verlies wird hinter sich lassen können? Denn so ganz wirkt sie nach ihren insgesamt 3096 Tagen in den Händen ihres Entführers noch immer nicht wieder in der Freiheit angekommen.

Ihren Schulabschluss hat sie zwar geschafft, eine Ausbildung zur Goldschmiedin aber "unterbrochen", wie sie es formuliert. Das liegt aber schon Monate zurück und wurde in ihrem Heimatland Österreich wie so vieles aus ihrem Leben zum Thema.

Mutter von Vermisster denkt an Suizid

Doch in der Sendung ging es nur ganz am Rande um Kampusch, die offensichtlich eingeladen worden war, um die Zuschauerzahlen zu erhöhen. Ein Anliegen ganz im Sinne der Familien von vier Kindern und Erwachsenen, die mehr oder minder lange vermisst sind. Der eine Zeuge, der ihr Kind gesehen hat oder zumindest die Reue eines Mörders, der ihnen doch noch den Weg zur Leiche ihres Kindes weist - das ist es, was die Angehörigen noch antreibt und wofür sie Öffentlichkeit brauchen.

In der Sendung wurde schnell deutlich, was ähnlich anrührend ist wie das Schicksal der vermissten Kinder: Es ist das Schicksal derjenigen, die zurück bleiben und hoffen oder zerbrechen.

Da ist Dagmar Funke. Ihre damals achtjährige Tochter Deborah Sassen wird schon seit dem 13. Februar 1996 vermisst. Der Ablauf so klassisch wie in den Alpträumen vieler Eltern von Schulkindern: Deborah befand sich nach dem Schwimmunterricht auf dem nur kurzen Nachhauseweg. Sie kam nie an, die sehr schnell angelaufenen Suchmaßnahmen brachten trotz der auffälligen Kleidung des Kindes keinen Erfolg.

Trotzdem gibt es noch Menschen, die hoffen: "Irgendwann bekommen wir jeden", sagte der für den Fall zuständige Polizist. "Dass sie noch lebt", sagte die Mutter auf Cernes Frage, welches Schicksal ihrer Tochter sie für am wahrscheinlichsten hält.

Familie zerbricht an ihrem Schicksal

Die meisten Anrufe der Sendung brachte Deborahs Fall. Vielleicht auch wegen des Dramas, das ihr Verschwinden in ihrer Familie ausgelöst hat. Drei Jahre nach dem Verschwinden nahm sich Debbies ältere Schwester das Leben.

Die Ehe von Dagmar Funke mit dem Stiefvater des Mächens scheiterte. Die Mutter begann zu trinken und hatte immer wieder Selbstmordgedanken - vor zehn Jahren habe sie sogar sich und ihre inzwischen geborenen zwei kleinen Kinder umbringen wollen. Heute helfe ihr der Glaube. "Ich bete, nur Gott kann mir die Kraft geben", sagte Dagmar Funke.

Nicht ganz so dramatisch, aber spürbar tief getroffen ist auch das Ehepaar Harry und Ingrid Engelbrecht. Ihre Tochter wird seit April 1995 vermisst. Nach einem fröhlichen Abend mit Freunden wollte sie nachts das letzte Stück ihres Heimwegs in der Umgebung des Münchner Hauptbahnhofs alleine beginnen. Ob sie entführt wurde, getötet und an unbekanntem Ort verscharrt wurde oder selbst verschwand, kann niemand sagen.

Wohl aber, mit welcher Anstrengung die Eltern kämpften: Der Vater sammelte nicht nur Informationen. Er ging zu allen Polizeidienststellen und informierte selbst Ministerien über den Fall. Außerdem deckte er Widersprüche in den Fahndungsergebnissen auf. Die Eltern zahlten sogar einem Mann, der angeblich den Aufenthaltsort ihrer Tochter wusste, in einer aus blinder Verzweiflung gewachsenen Hoffnungen in bar ein Vermögen.

Doch der Betrüger verschwand mit dem Geld. Bei "Aktenzeichen XY" wirkte der Vater über die Jahre bitter geworden. Und die Mutter kündigte an, nach dieser Sendung nie wieder an die Öffentlichkeit gehen zu wollen - "es geht so an die Substanz".

Mysteriöser Fall Maria Baumer

Am Rande der Substanz wirken auch die Eltern der seit dem 26. Mai diesen Jahres verschwundenen Maria Baumer. Der Fall hatte im Juli schon wegen der engagierten Suche ihrer Freunde für einiges Aufsehen gesorgt. Doch ihr Fall scheint von den vier besprochenen Fällen noch derjenige zu sein, der am ehesten Hoffnung auf ein glückliches Ende gibt. Denn die 26-Jährige war aus eigenem Antrieb verschwunden.

Während nach ihrem Verschwinden der Eindruck entstand, dass sie unerklärlich verschwand, wurde in der Sendung nun bekannt, dass es zwei verzweifelte Anrufe gab. Beim ersten Mal soll die Regensburgerin aus Nürnberg bei ihrem Verlobten angerufen und gesagt haben, dass sie eine Auszeit will und sich niemand Sorgen machen soll. Beim zweiten Anruf zweieinhalb Stunden später habe sie dann angekündigt, nach Hamburg fahren zu wollen und zwei Tage später zurückzukehren. Doch wo sie hinfuhr oder ob sie überhaupt irgendwo hinfuhr ist bis heute ein Rätsel, die Polizei hat keine Spur von ihr.

Konkreter Zuschauerhinweis

Ihre Angehörigen haben vor allem Tränen. "Wahrscheinlich hat sie Probleme, mit denen sie erst noch fertig werden muss", weinte die Mutter. Und Maria Baumers Zwillingsschwester Barbara sagte ebenfalls weinend, "wir haben sie nicht aufgegeben und wir werden sie nicht aufgeben".

In der Sendung gab es einen konkreten Zuschauerhinweis, der bezog sich auf das europäische Ausland und soll nun geprüft werden. Wieder neue Hoffnung - und wieder eine enorme Anstrengung für die Familie. Barbara Baumer sagte, "irgendwann ist die Hoffnung nichts Positives mehr", - man fange an, sich aufzufressen, "will nicht mehr in ein Loch fallen.

Nur eine Mutter sprach offen aus, dass ihr Kind wohl nicht mehr leben wird. "Ich hoffe es natürlich, aber mein Bauchgefühl sagte mir von Anfang an, dass sie nicht mehr lebt", sagte Erika Kirchner, die Mutter von Bianca Blömeke. Die 19-Jährige war in Essen im August 2000 nach einem Streit mit ihrem Ex-Freund, dem Vater ihres Kindes, verschwunden.

Vorübergehend stand der Freund unter Verdacht, doch nachgewiesen werden konnte ihm nichts. Obwohl sie vom Schlimmsten ausgeht, widmet Kirchner jeden Tag ihrer Tochter. "Die Suche nach Bianca bestimmt mein Leben. Ich gehe arbeiten, aber auch da ist Bianca immer präsent", sagte sie.

Die Eltern des toten Mirco als Trost

So wie all die anderen Angehörigen wirkte auch Erika Kirchner wie ein in seinem tiefsten Innern verwundeter Mensch. Ob diese Wunden heilen, wenn die Angehörigen Klarheit über das Schicksal der Vermissten haben - ob sie nun tot sind oder wieder auftauchen?

Zwei Gäste machten darauf Hoffnung. Sandra und Reinhard Schlitter, die Eltern des 2010 vermissten und später ermordet gefundenen Mirco aus Grefrath, traten trotz ihres Schicksals heiter auf. "Ich denke, ein Stück weit hängt das mit unserem Glauben zusammen", sagte Sandra Schlitter. Das Paar kam soweit, dass es sogar Mircos Mörder verzeihen konnte.

Für all die anderen Angehörigen ist es bis dahin ein unendlich erscheinender Weg. Ihnen geht es mehr wie Natascha Kampusch - sie befinden sich mit ihren Ängsten und Hoffnungen in einem Verlies, dem sie nicht entkommen.

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