28.11.12

Prozess

Das vermeidbare Unglück auf "Deepwater Horizon"

In den USA hat der Prozess gegen die Ölbohrinsel-Chefs der "Deepwater Horizon" begonnen. Ihnen drohen zehn Jahre Haft für jeden der elf toten Arbeiter. Der Prozess fördert Missmanagement zu Tage.

Foto: Getty Images

Die Ölbohrinsel „Deepwater Horizon“ explodierte im Golf von Mexiko. Es war eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der USA. Elf Arbeiter kamen ums Leben
Die Ölbohrinsel "Deepwater Horizon" explodierte im Golf von Mexiko. Es war eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der USA. Elf Arbeiter kamen ums Leben

Elf Arbeiter starben am 20. April 2010 auf der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko. 17 wurden verletzt. 4,9 Millionen Barrel Öl strömten über einen Zeitraum von 87 Tagen ins Meerwasser. Die Schäden für Umwelt und Wirtschaft in der Region sind immens. Der Tourismus kam vorübergehend zum Stillstand, ein ganzes Jahr lang waren die Fischgründe gesperrt. Die Langzeitfolgen werden noch untersucht.

Don Vidrine (65) und Robert "Bob" Kaluza (63) könnten zu Gesichtern der Ölpest werden. Zweieinhalb Jahre nach der laut Weißem Haus "schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA" müssen sich die einstigen leitenden BP-Angestellten auf der "Deepwater Horizon" in New Orleans in einem Strafprozess gegen den Vorwurf grob fahrlässiger Entscheidungen verantworten.

Sie sollen alarmierende Testergebnisse, die immensen Druck auf den Bohrleitungen anzeigten, als "technische Irrtümer" ausgelegt haben. Das führte zu der verheerenden Explosion. Zehn Jahre Haft für jedes einzelne der elf Opfer drohen den Angeklagten, falls das Gericht auf Totschlag befindet, und acht Jahre pro Opfer, wenn es zu einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung kommt. Ein weiteres Jahr Haft droht wegen der Verseuchung des Meeres. Die Mühlen der Justiz beginnen zu mahlen.

Zahlungen in Höhe von 20 Milliarden Dollar

Aber handelte es sich wirklich um das menschliche Versagen einzelner Manager? Oder müssen Sündenböcke geradestehen für strukturelle Fehler im Unternehmen und in der politischen Aufsicht über Offshore-Bohraktivitäten? Immerhin hatte BP erst Mitte des Monats ein grundsätzliches Schuldeingeständnis des Konzerns formuliert und gegenüber den US-Behörden die Zahlung der Rekordstrafsumme von 4,5 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von sechs Jahren zugesagt.

Hinzu werden private Kompensationen für Geschädigte kommen – in einer Gesamthöhe von bis zu 20 Milliarden Dollar. Zudem befand im Januar 2011 eine Kommission des Weißen Hauses, dass die Ursachen des Unglückes "systembedingt waren und ohne wichtige Reformen sowohl in der Praxis der Industrie als auch der Behörden sich durchaus wiederholen können".

Dennoch will die US-Regierung vorerst keine neuen Verträge mehr mit BP abschließen. Sie ziehe damit die Konsequenz aus dem "Mangel an geschäftlicher Integrität", den die Firma nach der Explosion von "Deepwater Horizon" gezeigt habe, verkündete die Umweltbehörde EPA. Diese Entscheidung habe so lange Bestand, "bis das Unternehmen ausreichende Beweise dafür vorlegen kann, dass es die Geschäftsstandards der Regierung erfüllt".

An jenem 20. April 2010 sollte ein Bohrloch geschlossen werden, weil die Ölförderung dicht daneben fortgesetzt werden sollte. Kaluza war für die Vorbereitungen verantwortlich. Die routinemäßigen Messungen und aufsteigende Gasblasen zeigten einen hohen Druck auf dem Rohr, durch das Bohrschlamm in das Loch gepresst wurde.

Entlassung bei Sicherheitsbedenken

Vidrine übernahm die Verantwortung. Die Symptome am Bohrloch hatten sich nicht verändert. Beide Männer überlegten, ob defekte Ventile oder andere technische Gründe die Daten lieferten, die aus ihrer Sicht "keinen Sinn machten". Sie verzichteten darauf, Experten in einem Kontrollzentrum im fernen Houston um Rat zu fragen, die mit den Daten von der "Deepwater Horizon" versorgt wurden.

Schließlich gab Vidrine nach Darstellung der Staatsanwaltschaft die Anweisung, den Bohrschlamm zu entfernen. Der Chef des Bohrteams soll gegen die Anweisung protestiert haben – vergeblich. Der gewaltige Druck führte zu der verheerenden Explosion.

Die bisherigen Untersuchungen lieferten Hinweise darauf, dass Arbeiter gefeuert werden konnten, wenn sie durch die Betonung von Sicherheitsbedenken die Ölförderung verzögerten. Waren Vidrine und Kaluza einem ähnlichen Druck ausgeliefert, weil sie zwar das Kommando auf der Ölplattform innehatten, aber sich gegenüber Vorgesetzten im Konzern wegen zu geringer Fördererträge hätten verantworten müssen?

Über viele Jahrzehnte war es Praxis in den USA, bei vergleichbaren Katastrophen die Konzerne insgesamt anzuklagen, aber auf die Ermittlung und Ahndung konkreter Verantwortungsträger zu verzichten. Von dieser Praxis, die Zeche für menschliches Versagen von den Firmen kompensieren zu lassen, scheint das Gericht in New Orleans abrücken zu wollen.

Falsche Aussagen und Behinderungen

Die beiden Anklagen waren erwartet worden, nachdem Vidrine und Kaluza in der Vergangenheit ihre Mitwirkung bei der Aufarbeitung des Unglücks durch eine Senatskommission und staatliche Ermittler verweigert hatten. Vidrine hatte sich auf gesundheitliche Probleme berufen, während Kaluza Aussagen ablehnte, um sich nicht selbst zu belasten.

Beide Verteidiger plädieren auf "nicht schuldig". "Die Regierung versucht der Öffentlichkeit einzureden, dass elf Männer starben", sagt Shaun Clark, einer der Anwälte von Kaluza, "weil zwei Leute auf einer Plattform einen Test fehlinterpretierten". Das sei "lächerlich". Kaluza und Vidrine stehen als Angeklagte Nummer drei und vier vor Gericht.

Zu Jahresbeginn war bereits ein Prozess eröffnet worden gegen den BP-Ingenieur Kurt Mix. Ihm wird Justizbehinderung vorgeworfen, weil er Textnachrichten gelöscht haben soll, die Informationen enthielten über die ersten Reaktionen des Konzerns auf das Unglück.

Wegen wissentlich falscher Aussagen und Behinderung bei der Aufklärung muss sich außerdem BP-Manager David Rainey vor Gericht verantworten. Der frühere Vizepräsident mit Zuständigkeit für die Ölförderung im Golf von Mexiko soll vor dem damaligen Kongressausschuss den täglichen Ausstoß aus der nach der Katastrophe fast drei Monate offenen Quelle verharmlost haben.

Rainey, der keinerlei Expertise hatte, sprach von 5000 Barrel pro Tag. Einschätzungen von Fachleuten, es müsse sich um größere Mengen handeln, wies er zurück. Dabei waren ihm interne Schätzungen zugänglich, nach denen die Menge viel höher war. Tatsächlich strömten täglich wohl über 50.000 Barrel in den Golf.

Offenkundig gab es persönliches Versagen. Aber das dürfte sich nicht auf die Männer auf der Plattform beschränken. So war auf höherer Ebene im Konzern beschlossen worden, auf verschiedene Sicherheitsmaßnahmen zu verzichten. Der Aufwand sollte reduziert, der Gewinn gesteigert werden.

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