28.11.12

Führerschein

Rentner würden sich vom Arzt Lappen nehmen lassen

67 Prozent der Senioren würden ihren Führerschein abgeben, wenn ihr Arzt dazu raten würde. Verpflichtende Gesundheitschecks soll es aber nicht geben. Der ADAC glaubt an Kompensierung durch Erfahrung.

Von Claudia Becker
Foto: pa/dpa Themendie/dpa Themendienst
Arztgespräch
Auf Anraten ihres Arztes würden 67 Prozent der Rentner auf das Autofahren verzichten

Sie wollte nur ausparken. Aber als die 83-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Langenfeld den Rückwärtsgang einlegte und aufs Gaspedal trat, verlor sie die Kontrolle. Der Wagen raste durch eine Hecke, pflügte einen Vorgarten um und kam endlich an einer Hauswand zum Stehen. Wie durch ein Wunder ist der alten Dame nichts geschehen.

Und auch die 89-Jährige, die vor ein paar Wochen im oberbayerischen Germering mit ihrem BMW mehrere parkende Autos demolierte und erst durch das beherzte Eingreifen der Polizei gestoppt werden konnte, hatte einen guten Schutzengel. Der Schaden betrug 20.000 Euro. Aber sie war unverletzt.

Längst nicht alle Unfälle, die durch ältere Verkehrsteilnehmer verursacht werden, gehen so glimpflich aus. Vor zwei Wochen fuhr eine 88-Jährige auf einem Parkplatz in München gleich zwei Mal ein Ehepaar an, weil sie Rückwärts- und Vorwärtsgang verwechselt hat. Die Mutter und ihre beiden Kinder, die im niedersächsischen Badbergen mit ihrem Pkw frontal mit einer 78-Jährigen zusammenstießen, die mit ihrem Wagen auf die Gegenfahrbahn gekommen war, waren nur leicht verletzt. Es hätte ein Drama werden können.

Ebenso wie der Unfall des 84-Jährigen, der im nordrhein-westfälischen Willich bewusstlos auf ein stehendes Auto auffuhr. Die 88-Jährige, die Mitte des Monats in Wetzlar von einem 100-Jährigen überfahren wurde, überlebte nicht.

Nachrichten wie diese heizen die Diskussion um die Fahrtauglichkeit von Senioren und obligatorische Gesundheitschecks an. Eine im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) durchgeführte Forsa-Umfrage kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Danach sind Deutschlands Senioren verantwortungsbewusster als angenommen. 82 Prozent der deutschen Rentner würden nach der Forsa-Umfrage freiwillig ihren Führerschein abgeben, wenn sie das Gefühl hätten, dem Straßenverkehr nicht mehr gewachsen zu sein.

Einfluss von Medikamenten ist erheblich

67 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf Anraten ihres Arztes auf das Autofahren verzichten würden. Tatsächlich aber sagten nur vier Prozent der Studienteilnehmer, dass sie bei einem Arztbesuch auch zu ihrer Fahrtüchtigkeit befragt wurden.

Ursula Lenz, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, findet das bedenklich. "Ärzte", sagt sie, "sind verpflichtet, ihre Patienten darauf hinzuweisen, wenn die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt ist."

Die Ursache kann nicht nur eine mangelnde Seh- oder Hörfähigkeit sein, sondern auch der Einfluss von Medikamenten, die die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. "Mediziner sollten ihre Autorität besser nutzen", sagt Ursula Lenz. Schließlich würden viele Ältere auf den Rat ihres Arztes eher hören als auf die Hinweise von Familienangehörigen.

ADAC glaubt an Erfahrungsschatz

Ältere Menschen überlegen sich sehr genau, ob sie freiwillig auf ihre Fahrerlaubnis verzichten wollen. "Die Versorgungsstrukturen in vielen ländlichen Gebieten ist für ältere Menschen eine Katastrophe", sagt Ursula Lenz. Was machen Senioren ohne Auto in einem Dorf, in dem es keinen Arzt, keinen Friseur und keinen Bäcker gibt? Verpflichtende Gesundheitschecks für Senioren lehnt Ursula Lenz ab.

Auch der ADAC setzt auf Eigenverantwortlichkeit. "Rentner sind besser als ihr Ruf", sagt Pressesprecherin Katrin Müllenbach-Schlimme. Ältere Verkehrsteilnehmer würden vieles durch ihre langjährigen Erfahrungen kompensieren, und durch vorausschauendes Fahren.

Außerdem können sie beim ADAC ein spezielles Fahr-Fitness-Training absolvieren. Gut möglich, dass der Trainer mal empfiehlt, den Führerschein abzugeben. Aber das soll eine freiwillige Entscheidung bleiben.

Keine verpflichtende Untersuchungen

Auch das Bundesverkehrsministerium hält nichts von verpflichtenden Untersuchungen. "Fahrtüchtigkeit ist keine Frage des Alters, sondern der Gesundheit", so ein Sprecher, der auf die Statistik verweist. Danach sind Frauen und Männer ab 65 deutlich seltener an Unfällen beteiligt, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. So waren 2010 elf Prozent der an Unfällen Beteiligten Senioren, ihr Bevölkerungsanteil aber lag bei 20 Prozent.

Dessen ungeachtet ist der Anteil der durch Senioren verursachten Unfälle ähnlich hoch wie bei jungen Erwachsenen – und er steigt mit dem Alter. 2011 haben insgesamt 6956 Frauen und Männer, die 75 und älter waren, ihren Führerschein abgegeben. Freiwillig.

Geht es nach der Regierung, dann können die Bürger ihre Fahrtauglichkeit selbst einschätzen. Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sieht das kritisch: "Sich falsch einzuschätzen kann für Junge und Alte gleichermaßen gefährlich werden und damit für andere Verkehrsteilnehmer."

Seine Fraktion will, dass die Leistungsfähigkeit aller Autofahrer regelmäßig untersucht wird. "Ab 2013 müssen Pkw-Führerscheine nach 15 Jahren erneuert werden. Wir wollen, dass dies mit einem verpflichtenden Gesundheitscheck für alle Autofahrenden verbunden wird."

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