28.11.12

Watzlawick als Film

Wie spielt man die "Anleitung zum Unglücklichsein"?

Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" war in den Achtzigern die Bibel der Deutschen. Jetzt wurde es mit Johanna Wokalek, Benjamin Sadler und Iris Berben verfilmt – als romantische Komödie.

Quelle: StudioCanal
24.11.12 2:07 min.
Neurotisch? Verträumt? Abergläubisch? Widersprüchlich? Single? Das ist Tiffany Blechschmid (Johanna Wokalek). Sie betreibt in Berlin ein Feinkostgeschäft und wartet dort auf das große Glück.

Wen es einmal in die unteren Regale der Philosophie-Abteilung seines Bücherschrankes verschlägt, dahin, wo allmählich feiner Staub Wölkchen bildet, findet da einen kleinen Gruß aus den Achtzigern. Ein Buch, mit dem der Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick zum Richard David Precht des ausgehenden 20. Jahrhunderts wurde. "Anleitung zum Unglücklichsein" heißt das Brevier.

Es enthält Anleitungen, Anekdoten, Analysen, kulturhistorische Exkursionen. Es platzte 1983 in eine glückstrunkene und glücksuchende Zeit. Die Glücksratgeberliteratur explodierte zum ersten Mal. Watzlawick hielt ihr munter den Hohlspiegel hin. Glück, sagte der in Österreich geborene Therapeut aus Palo Alto, ist literarisch völlig uninteressant. Nichts ist langweiliger als die Erfüllung unserer Sehnsüchte. Und außerdem ist Glück das schiere Gift für Therapeuten, Versicherungen und den Wohlfahrtsstaat. Weil wir Glücksgebildeten aber verlernt haben, uns unglücklich zu machen, brauchen wir Hilfe.

Meister der Paradoxien

Watzlawick, der Meister des Paradoxes und verquerer Kommunikationsabläufe, der Co-Erfinder von Self-fulfilling Prophecy und Double-bind, lieferte sie. Zum Beispiel mit dem Vorschlag, sich doch einmal in den Sessel zu setzen, zufrieden seine Zehen zu betrachten und sich dann zu fragen, ob die Schuhe nicht vielleicht doch zu eng waren den ganzen Tag. Keine zehn Minuten später tun einem furchtbar die Füße weh. Und man ist unglücklich.

Der Anti-Ratgeber stand in jeder Wohngemeinschaft, lag in jedem Wohnzimmer – ein deutsches Hausbuch. Jetzt ist die "Anleitung zum Unglücklichsein" in Sherry Hormanns gleichnamigem Film Fleisch geworden, heißt Tiffany Blechschmid, hat einen bemerkenswert hübschen Hintern und sieht überhaupt aus wie Johanna Wokalek. Nun sollte man meinen, dass einem Philosophie-Klassiker Schlimmeres passieren kann. Aber das wäre etwas voreilig. Denn "Die Anleitung zum Unglücklichsein" ist eine Self-fullfilling Prophecy, wie sie im Buche steht.

Seinen Anfang nimmt das Unglück damit, dass Hormanns "Anleitung" eine romantische Komödie sein will. Die hat nichts als finales Glück zum Ziel, muss also zwangsläufig – nach watzlawickschem Axiom – in der Langeweile enden.

Ein Tukan namens Richard

Kehren wir deshalb zu Johanna Wokalek zurück. Respektive zu Tiffany Blechschmid. Die ist kaum älter als die "Anleitung" und hat sämtliche Übungen derart erfolgreich in ihr Verhalten und ihren Sprachgebrauch integriert, dass Watzlawick seine reine Freude gehabt hätte. Tiffany Blechschmid (keine Namenswitze jetzt, sie kommen alle im Film vor) ist unglücklich. Dafür hat sie natürlich keinen Grund. Denn sie ist als Zwangsneurotikerin (sie steht immer mit dem rechten Fuß auf) ebenso erfolgreich wie als Kleinunternehmerin (sie führt in Berlin ein Feinkostgeschäft mit angeschlossener Mittagsküche und Glückskeksverkauf).

Mit einem Tukan namens Richard lebt sie in einer großen, kunstvoll angeranzten Wohnung voller Bücher. Obwohl sie toll aussieht, glaubt sie, sie sei Durchschnitt. Bei Männern traut sie sich gar nichts, besitzt aber eine ansehnliche Ansammlung schicker Kleider. Tiffany ist kompliziert und als Figur enorm inkonsistent.

Vor allem erinnert sie in allem, was sie tut, an eine ebenso verhuschte Französin. Tiffany Blechschmid ist der nach der Geburt getrennte Zwilling von Amélie Poulain aus der "Fabelhaften Welt". Wem das nicht direkt auffällt, dem hilft Maurus Ronners Musik auf die Sprünge, zu der Wojciech Szepels ausgesucht schöne Bilder zu tanzen versuchen. Walzer, Akkordeon, Charme – der legendäre Amélie-Vertoner Yann Thiersen könnte Lizenzgebühren verlangen.

Eine Amélie mit Wurstverkauf

Nun ist – und da geht das ganze Unternehmen endgültig schief – Tiffany aber keine Französin, sondern Deutsche. Das kann man schon daran erkennen, dass in Tiffanys Laden ("Blechschmid's") enorme Mengen Wurst an den Wänden hängen. Und statt dem Zauber einer beschädigten Seele Zeit zur Entwicklung zu geben, drückt Sherry Hormann ihrer Tiffany das letzte bisschen Leben erfolgreich ab. Sie umstellt Tiffany mit drei Männern, einer schablonenhafter als der andere.

Richy Müller trägt als Tiffanys alter Klavierlehrer Wagners Morgenmäntel und Beethovens Frisur. Benjamin Sadler knallchargiert als unerträglich prolliger Polizist herum, der sich am Ende als zu blöd zum Pistoleputzen erweist. Dass Itay Tiran als verträumter Fotograf der Glückliche sein wird, weiß man, kaum dass der Bassett-Besitzer bei Blechschmid's an der Kasse steht, also nach zwanzig Minuten.

Der Geist der toten Mutter

Dann geht auch noch ihre tote Mutter um, was dank Iris Berben durchaus witzige Momente hat. Sie liegt beim versuchten Beischlaf mit im Bett, gibt kluge Kommentare ab und erinnert Tiffany daran, dass sie doch bloß Durchschnitt ist. Damit aber betreibt Sherry Hormann etwas, das Paul Watzlawick zutiefst ablehnte – sie legt Tiffany auf die Couch. Tiffany muss im finsteren Teil ihrer Tagträume auch noch abtauchen in ihre Vergangenheit. Zum toten Bruder, zur gescheiterten Ehe der Eltern, zum Scheitern ihrer eigenen Pianistinnenkarriere.

Jeder darf mal ein paar original watzlawicksche Ratgebersätze sagen. Watzlawicksche Kommunikationskatastrophen laufen ab. Glücksrat wird gegeben. David Kross klebt als Tiffanys autistische Küchenhilfe rosa Glückskekse. Glücklich wird man nicht damit. Glücklich ist, wer vergisst.

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