26.11.12

Kryptografie

Das ewige Geheimnis der Weltkriegs-Brieftaube

135 Zeichen, 27 Fünfergruppen: Eine zufällig entdeckte Nachricht aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt, dass auch primitive Verschlüsselungssysteme die sichersten sein können und bis heute unknackbar sind.

Von Sven Felix Kellerhoff
Quelle: Reuters
02.11.12 1:45 min.
Ein Brite fand bei Renovierungsarbeiten das Skelett einer Brieftaube samt Nachricht. Im Zweiten Weltkrieg setzten die Alliierten Brieftauben ein, um geheime Informationen zu verschicken.

Selbst die teuersten Computer der Welt scheitern an dem kleinen Blatt Papier, auf dem scheinbar willkürlich Buchstaben in 27 Fünfergruppen stehen. Sicher ist, dass die 135 Zeichen eine sinnvolle Nachricht enthalten. Denn das Blatt Papier wurde am Skelett einer Brieftaube gefunden, die wohl zwischen 1941 und 1944 wahrscheinlich von Frankreich eine Nachricht nach Großbritannien bringen sollte.

Auf ihrem Weg zurück in den heimischen Schlag machte diese Taube offenbar Pause auf einem Kamin in der südenglischen Grafschaft Surrey und verendete dort. Kürzlich sind ihre Überreste gefunden worden – und an ihrem Fußknochen die Kapsel mit der rätselhaften Botschaft. Doch sie wird wohl nicht zu entschlüsseln sein.

Das jedenfalls sagen britische Kryptologen, die sich mit dem Überraschungsfund beschäftigt haben. Anders als der Entdecker der Botschaft glaubt, dürfte es sich auch nicht um eine vorgeschobene Behauptung handeln, weil die Botschaft noch heute brisant sein könnte.

Wirklich hochgeheime Informationen wurden im Zweiten Weltkrieg nicht per Brieftraube übermittelt. Aber natürlich ebenfalls verschlüsselt.

Ohne Technik verschlüsselt

Der Fund in Südengland erinnert daran, dass der menschliche Geist noch immer jedem Computer überlegen ist. Denn die Nachricht, abgefasst von einem "Sergeant W. Stot", ist ohne jedes technische Hilfsmittel verschlüsselt worden – und kann eben deshalb auch nicht mit technischen Geräten wieder lesbar gemacht werden.

Da ein Sergeant namens "W. Stot" in der britischen Armee nicht gedient hat, ist es wahrscheinlich, dass es sich um einen Angehörigen der Sonderorganisation "Special Operations Executive", kurz SOE handelte.

Diese relativ kleine Truppe bestand neben einem Stab und Ausbildungseinrichtungen in Großbritannien vor allem aus einigen tausend Freiwilligen, die fast immer aus persönlichen Gründen mehrsprachig waren – entweder handelte es sich um Kinder von Eltern unterschiedlicher Nationalität oder um Flüchtlinge aus von der Wehrmacht eroberten Ländern, die von Großbritannien aus etwas gegen die Besatzer unternehmen wollte. Denkbar ist ebenfalls, dass "W. Stot" ein Deckname ist.

Die SOE-Agenten wurden in Techniken der verdeckten Kriegführung ausgebildet und dann meist aus der Luft per Fallschirm oder mit U-Boote hinter den deutschen Linien abgesetzt. Hier hatten sie verschiedene Aufgaben. Einheimische Widerstandskräfte in den besetzten Ländern zu rekrutieren, war die wichtigste. Außerdem sollten sie Informationen sammeln sowie in Einzelfällen selbst Sabotageaktionen ausführen.

Codes und Chiffren

Die Kommunikation erfolgte teilweise per Funk, doch häufiger in einem doppelten Einbahnstraßensystem: Britische Radiosender schickten codierte Botschaften im Klartext auf den europäischen Kontinent, die nur jenen etwas sagten, die den vorher festgelegten Code zu deuten wussten. Umgekehrt antworteten SOE-Agenten mit chiffrierten Nachrichten, die sie unter anderem mit Brieftauben übermittelten.

Der Unterschied zwischen Codes und Chiffren ist zwar einfach, aber dennoch werden die beiden grundsätzlichen Verschlüsselungsmethoden oft miteinander verwechselt. Codes sind festgelegte Symbole, Begriffe oder Zahlen für bestimmte Inhalte. Es kann sich auch um ganze Gedichtzeilen handeln, die für einen genau definierten Befehl stehen.

Sie haben einen klaren Vorteil: Codes sind prinzipiell nicht zu entschlüsseln, es sei denn, ein Verzeichnis solcher festgelegter Begriffe fällt einem gegnerischen Geheimdienst in die Hände oder ein Agent verrät sie. Der Nachteil von Codes ist, dass man nur bestimmte Informationen auf diese Weise weitergeben kann, aber keine vorher unabsehbaren Entwicklungen.

Um einen beliebigen Text zu verschlüsseln, bedient man sich eines anderen Verfahrens, der Chiffrierung. So bezeichnet man Verfahren, eine Nachricht nach vorher festgelegten Prinzipien von Hand oder mit einem technischen Gerät unverständlich zu machen. Nur der legitime Empfänger, der genau weiß, wie die Chiffrierung erfolgt ist, kann den Klartext zurück gewinnen.

Der Sieg über die Enigma

Im Zweiten Weltkrieg war die bekannteste Chiffriermethode die deutsche Enigma-Maschine. Das hochkomplexe Gerät galt der Führung des Dritten Reiches und der Wehrmacht als nicht zu entschlüsseln – doch sie hatte einen entscheidenden Nachteil: Da aus prinzipiellen Gründen ein Buchstabe von der elektromechanischen Enigma niemals als er selbst verschlüsselt wurde, hatten hochbegabte Mathematiker eine Chance, die Verschlüsselung zu knacken.

Zusammen mit weiteren Informationen wie beispielsweise Funkpeilung, Wetterberichten und Rufzeichen war es dem britischen Geheimdienst in Bletchley Park ab 1940 möglich, unzählige verschlüsselte Funksprüche mitzulesen. Diese Informationen dürften den Zweiten Weltkrieg um wenigstens ein Jahr verkürzt und damit die Zahl der Opfer deutlich reduziert haben.

Die Enigma und ihre Entsprechungen auf alliierter Seite wie die "Type X" waren allerdings so groß wie eine Schreibmaschine, meist um die 15 Kilogramm schwer und damit unhandlich. Für den Einsatz verdeckter Agenten hinter den feindlichen Linien waren sie daher ungeeignet. Deshalb setzte die SOE auf ein anderes Verschlüsselungsverfahren: die Einmalchiffre. Das waren Blocks mit willkürlich aufgereihten Buchstaben; das Verfahren wurde gegen Ende des Ersten Weltkrieges erfunden.

Jeweils entsprechend dem Buchstaben in diesem Block wird das Alphabet "verschoben". Stand dort ein "B", verschiebt der Agent den zu verschlüsselnden Buchstabe seiner Nachricht um eine Stelle, bei einem "Y" um 25 Stellen.

Da für jeden Buchstaben des Klartextes ein neuer Schlüsselbuchstabe benutzt wird und deren Reihefolge völlig willkürlich ist, ergeben sich keine Häufungen von Buchstaben, die eine Kryptoanalyse zulassen. Und bei einem "A" erscheint der zu verschlüsselnde Buchstabe als er selbst - ein entscheidender Vorteil gegenüber der Enigma.

Wenn die Einmal-Blocks wirklich zufällig zusammengesetzt sind und jeder Chiffre-Buchstabe nur ein einziges Mal verwendet wird, sind sie mit mathematischen und technischen Mitteln bis heute nicht zu knacken. Kein Computer der Welt, nicht einmal die sagenumwobenen Riesenmaschinen des US-Entschlüsselungsdienstes National Security Agency in Fort Meade, kann den prinzipiellen Vorteil dieser Chiffriermethode aushebeln: Man braucht die Original-Blöcke, um die Nachricht zu lesen.

Mit Technik nicht zu entschlüsseln

Allerdings ist das Verschlüsseln mit diesem Verfahren zeitaufwendig. Deshalb sind mit Einmalchiffren gesicherte Nachrichten meist kurz. Falls nicht in einem britischen Archiv zufällig genau der Einmalblock erhalten sein sollte, den "Sergeant W. Stot" benutzt hat, wird sich die Nachricht nicht entschlüsseln lassen. Und selbst falls alle SOE-Chiffrenblocks erhalten sein sollten, wüsste man nicht unbedingt, welchen davon der Agent und sein Führungsoffizier für Nachrichten von einem bestimmten Tag verabredet hatten – von vorne nach hinten, von hinten nach vorne, von unten nach oben oder umgekehrt.

Vermutlich handelt es sich bei seiner Nachricht nur um eine Bestellung für einen Lufttransport von Waffen oder Sprengstoff zu einer Widerstandsgruppe, um das Ergebnis einer Aufklärungsmission oder ähnliches. Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges jedenfalls müsste auch dann nicht umgeschrieben werden, falls man die Botschaft doch noch entschlüsselt.

Foto: Getty Images

Eine kriegsentscheidende Leistung: Alan Turing war maßgeblich daran beteiligt, während des Zweiten Weltkriegs die deutsche Verschlüsselungsmaschine "Enigma" zu knacken. Mit ihr wurden die Kommandos der deutschen Wehrmacht verschlüsselt.

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