22.11.12

China

Die toten Müll-Kinder, die niemand vermisste

Ihnen war kalt, also kletterten fünf Straßenkinder in China in einen Müll-Container. Doch statt zu überleben, fanden sie den Tod. Ihre Verwahrlosung ist im Heer der Wanderarbeiter kein Einzelfall.

Von Johnny Erling
Foto: dapd

Der Müllcontainer, in dem die fünf Jungen erstickten
Der Müllcontainer, in dem die fünf Jungen erstickten

Kalter Nieselregen fiel in der Nacht, als die fünf Jungs in einen der städtischen Müll-Container für sperrigen Abfall hineinkletterten. Die Temperaturen in der Stadt Bijie, tief im gebirgigen Guizhou, einer der ärmsten Provinzen in Südwestchina, waren auf sechs Grad gefallen. Die Bauernkinder, zwischen neun und 13 Jahre alt, waren Schulabbrecher, die sich bettelnd durchschlugen.

Sie pressten sich in dem 1,5 Meter langen und 1,3 Meter breiten Stahlbehälter eng aneinander. Mit seinen Schiebedeckeln und Gummidichtungen war er hermetisch abschließbar. Um die Kälte erträglich zu machen hatten sie gepresste Holzkohle angezündet, die sie zuvor gestohlen hatten. Die glimmenden Briketts sollten den Container von innen erwärmen.

Am Morgen waren sie tot.

Ein Müllsammler entdeckte die erstickten Jungen vergangenen Freitag, als er die Tonne nach verwertbaren Dingen durchsuchen wollte. Sie starben an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Die Polizei schloss jede andere Todesursache für die Bauernkinder aus und sprach von einem tragischen Unfall.

Üblicherweise werden solche Nachrichten im Riesenland China kurz gemeldet und schnell vergessen. Eine Zensurstelle der Propagandabehörden hilft nach. Sie weist im Regelfall alle Medien an, sozialkritische Meldungen tiefer zu hängen und nicht noch zu kommentieren.

Keine Zensur wegen des Falls

Diesmal kam es anders – und nicht nur im heißlaufenden Internet. Peking ließ auch seinen Parteiorganen wie der "Volkszeitung" und Xinhua freie Hand, über das Unglück zu berichten und es zum Anlass zu nehmen, um zu fragen, wie viele Schulabbrecher es auf dem Lande gibt (fast eine Millionen pro Jahr), wie viele "Straßenkinder" herumlaufen (mindestens 150.000), warum sich niemand um sie kümmert und warum kein Sozialnetz die Underdogs auffängt oder ihnen hilft?

Und natürlich auch die tiefer gehende Frage, warum China nach internationalen Statistiken heute von einer schlimmeren Polarisierung in Reich und Arm geplagt wird als alle anderen ostasiatischen Staaten?

Die Meldung über den vermeidbaren Tod der fünf Jungen, die sich nur 20 Kilometer von ihrer Heimatgemeinde Xinghaizijie herumtrieben, elektrisierte das Land unmittelbar nach dem 18. Parteitag der Kommunistischen Partei in Peking. Er stand unter dem Versprechen der Partei, an dem sie auch ihre Herrschaftslegitimation knüpft, China in ein "schönes Land" mit einer glücklicheren, wohlhabenderen, gerechteren Gesellschaft zu verwandeln.

Der neue Parteichef Xi Jinping kündigte auf seiner Live-Pressekonferenz vor einer Woche an, dass das Volk und besonders die Kinder ein Recht auf ein besseres Leben haben: "Die Menschen wollen, dass ihre Kinder gesund aufwachsen, gute Jobs bekommen und ein angenehmeres Leben genießen können."

Andersens Mädchen mit Schwefelhölzern

Wenige Stunden später erstickten 2500 Kilometer entfernt die fünf Bauernkinder in einer Mülltonne. Selbst dem ideologisch hartgesottenen Kommentator der "Global Times" fiel dazu nur noch der Vergleich mit dem Märchen von Hans Christian Andersen ein vom "kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern", die in der Kälte erfriert. So etwas sollte aber nicht in China passieren.

Noch nie waren die Hintergründe eines Unglücks, die Identität der Opfer so rasch ermittelt und auch noch nie so schnell die vermeintlichen Verantwortlichen bestraft worden, wie in dem Unglücksfall. Fünf Tage nach dem Tod der Jungen waren acht Funktionäre ihren Job los. Das Stadtparteikomittee von Bijie, einer Großstadt mit sieben Millionen Einwohnern, suspendierte zwei Vizebürgermeister des Stadtbezirks, in dem die Jungen erstickten. Zwei Schulleiter verloren ihre Jobs und vier weitere für Erziehung und Zivilangelegenheiten zuständige Beamte.

Der Vorwurf: "Sie hätten nichts getan, solchen Kindern zu helfen, nicht einmal gemerkt, dass sie seit Wochen verschwunden waren und sich herumtrieben."

Die fünf Jungen waren Cousins. Sie waren die Söhne von drei Brüdern namens Tao aus einer verzweigten Bauernsippe. Ihre Väter und Mütter hatten sich in den Städten als Wanderarbeiter zu Billiglöhnen verdingt. Chinesische Reporter fanden heraus, dass nur eine alte, nahezu blinde Großmutter auf vier der Brüder aus zwei Familien aufpasste. Der Vater des fünften Jungen arbeitete in einem entfernten Viehzuchtbetrieb.

Nächtelang nicht zu Hause

Sein Sohn entfloh vor zwei Jahren der neunjährigen Pflicht-Grundschule. Alle fünf Cousins lungerten meist zusammen in den Vorstädten herum, kamen manche Nächte nicht nach Hause. Als auch die vier Söhne vor drei Wochen der Schule entflohen, fiel das kaum auf. Weder Lehrer noch ihre Familien meldeten sie als vermisst.

Nach Angaben des Allchinesischen Frauenverbandes leben heute mehr als 50 Millionen Bauernkinder und Jugendliche in ähnlichen Umständen. Ihre Eltern gehören zu den 160 Millionen Wanderarbeiter, die monatelang in den Städten arbeiten und ihre Kinder der Obhut überforderter Großeltern, kranker und schwacher Verwandter überlassen. Vorzeitige Schulabgänger und soziale Verwahrlosung unter der Landjugend sind eine der dramatischen Folgen des Wirtschaftswunders, dass auf dem Rücken Hunderter Millionen entwurzelter Bauern aufgebaut ist.

Die Bauerneltern können ihre Kinder nicht in die Städte mitnehmen und dort zur Schule gehen lassen, da sie ohne permanentes Bleiberecht als Stadtbürger zweiter Klasse keine Rechte dazu haben. Die viel gepriesene Urbanisierung, nach der 51.3 Prozent aller Chinesen heute in Städten leben und auf die sich optimistische Annahmen über Chinas dynamisch wachsenden Mittelstand stützen, beruhen auf irrigen Hochrechnungen, fand gerade der Wirtschaftsforscher Chi Fulin heraus.

Wenn das Heer der Wanderarbeiter abgezogen wird, die weder richtige Städter noch Bauern sind, steckt Chinas Urbanisierung noch in den Kinderschuhen mit einer Rate von 35 Prozent.

Der rasende Wandel im ganzen Land

Hinter der Debatte über den unnötigen Tod der Bauernkinder und Fragen nach dem Reich-Arm-Gefälle verbergen sich Forderungen nach Sozialreformen. Der tragische Zwischenfall steht plötzlich stellvertretend für die wieder auf die Tagesordnung gekommene Frage nach den Opfern des rasenden Wandels in China. Sie wird zum Test, wie viel Bereitschaft, Mut und Fähigkeit die neue Parteiführung unter Xi Jinping für Korrekturen aufbringt, um mit Reformen die städtische Integration der Bauern zu garantieren und die ungerechte Verteilung des Reichtums zu überwinden, bevor sie zu sozialem Aufruhr eskalieren.

Chinas Erziehungsexperte Yuan Dongping sprach von einer alarmierenden Auflösung der ländlichen Infrastruktur für die Ausbildung. Als Folge der gewaltigen Landflucht durch die Urbanisierung zwischen 2000 bis 2010 sei die Zahl der Grundschulen aus dem Bauernland um 52 Prozent durch Schließungen oder Zusammenschlüsse reduziert worden. Die Anzahl der Schüler fiel um mehr als 37 Prozent.

Immer länger werdende Schulwege, immer schlechtere Erziehungsangebote lassen auch die Abbrecher-Raten nach oben schnellen. Yang spricht zudem von psychischen Defekten bei einer seit einer Generation von ihren Eltern die meiste Zeit alleingelassenen Bauernkinder.

Inzwischen haben sich auch Bürgerrechtsanwälte eingeschaltet. Die Anwälte aus Peking Li Fangping und aus Jiangsu Feng Ding verlangten nach Angaben von Zeitungen von der Polizei in Bijie Auskunft auf ihre Fragen, warum Schüler wochenlang verschwinden können, wie viel andere Fälle es gibt, oder wie hoch die Schulabbrecher-Rate in der Region ist. Die Behörden hätten eine allgemeine Aufsichtspflicht, die sie auch sonst ungebeten gegenüber Bürgern wahrnehmen. Warum nicht auch in diesen Fällen?

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