22.11.12

"Twilight"-Finale

Verdammt zu ewiger Monotonie mit Kuschelsex

Sehnsuchtsschablone für verunsicherte Kids? Von wegen! Der fünfte und – hoffentlich – letzte Teil der "Twilight"-Saga ist so weichgespült, dass er eigentlich nur vor der Ehe abschrecken kann.

Foto: dapd

Bella (Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) haben in „„Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht (Teil 2)“ zwar endlich Sex – dafür aber nie wieder richtig Spaß
Bella (Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) haben in ""Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht (Teil 2)" zwar endlich Sex – dafür aber nie wieder richtig Spaß

Bella und Edward fallen im Bett übereinander her. Dann rasen sie mit Vampirgeschwindigkeit durch den Wald. Nur mit Mühe kann Edward dort seine Ehefrau davon abhalten, einem Kletterer das Blut auszusaugen, stattdessen killt sie eine Raubkatze. Entsprechend gesättigt, hält das Paar alsdann zum ersten Mal sein Neugeborenes in den Armen, aber nicht sehr lange, weil Bella und Edward sich schon wieder an die Wäsche wollen. Befriedigt besichtigen sie ihr neues Heim, ein Hexenhäuschen im Wald, wo sie abermals übereinander herfallen.

So vergeht die erste Viertelstunde des fünften und – vorerst – letzten Teils der Verfilmung von Stephenie Meyers sagenhaft erfolgreicher "Twilight"-Saga. Er heißt "Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht (Teil 2)" und birgt zwei Neuerungen. Erstens: Bella Swan, das leidlich hübsche, tollpatschige, stets ein wenig mürrisch dreinschauende Highschool-Girl, ist jetzt auch ein Vampir. Zweitens: Bella und ihr Ehemann, der sehr hübsche, höfliche, stets äußerst melancholisch dreinschauende Vampir Edward Cullen haben Sex. Viel Sex.

Das ist die gute Nachricht. Schließlich wirkte die Enthaltsamkeit, die das Paar bis zu seiner Hochzeit in der Mitte des vierten Films vor sich hertrug, wie eine Monstranz, einfach nur lächerlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um eine im 21. Jahrhundert erfundene Liebesgeschichte für moderne junge Leute handelt. Zahllose Kritiker wetterten deshalb, das "Twilight"-Epos sei bigotter Schund, ersonnen von einer noch bigotteren Mormonin, die versuchte, in Teenagerseelen die überkommene Moralvorstellung einzupflanzen, nur Keuschheit mache wirklich glücklich.

Für immer Kuscheln

Die sensationell schlechte Nachricht ist, dass es das für das junge Bilderbuchehepaar jetzt ist. Es muss für immer so weiterleben, wird bis in alle Ewigkeit in einem Häuschen im Grünen wohnen, die immer gleichen Liebesschwüre austauschen, den immer gleichen Kuschelsex haben. Anders als bei Normalsterblichen, wo bei so viel weichgespülter Harmonieseligkeit nach spätestens sieben Jahren die Scheidung anstehen würde, sind sie verdammt dazu, ein Leben in Monotonie zu führen. Eine grauenhafte Vorstellung.

Sicher, bevor die wahre Spießerhölle anfängt, gibt es noch ein paar retardierende Momente, in denen die bösen Volturi aus Italien dem Baby Renesmee den Garaus machen wollen. Das führt zu rasanten Kopf-Abreiß-Szenen, die vor allem wegen ihres plastischen Sounddesigns im Gedächtnis bleiben. Aber das ist Beiwerk, sonst hätte der Film überhaupt keine Handlung – und das würden vermutlich nicht mal die hartgesottensten Verehrer und Verehrerinnen von Edward und Bella mitmachen.

Mit jeder Filmminute drängt sich die Frage mehr auf: Taugt dieses Langweiler-Szenario wirklich als Sehnsuchtsschablone für Abermillionen verunsicherte Teenager? Man kann doch unmöglich herbeisehnen, was Bella durchlebt: Während ihre Schulfreunde durch Kneipen ziehen, sich ver- und entlieben und alle Privilegien der Jugend auskosten, ist für Bella der Spaß vorbei.

Von hysterischen Weinkrämpfen geschüttelt

Sie lebt jetzt das Leben einer Erwachsenen mit Mann, Kind, Haus und (Werwolfs)Hund – wenn auch in der Hülle der Ewigjugendlichen. Was, wenn dieser Film in Wahrheit als Weckruf an Pubertierende gedacht ist, es bloß nicht zu eilig zu haben mit dem Erwachsenwerden?

Man könnte mit den Thesen, die Feuilletonisten im Laufe der Jahre zu "Twilight" zu Papier gebracht haben, locker ein Proseminar an der Uni bestücken. Mögliche Referatsthemen: Der Vampir als Außenseiter, als Freak und Rebell. Der Todeskuss des Vampirs als Symbol für die Defloration der unschuldigen Jungfrau. Die moralische Ambivalenz zwischen gefahrvoller Hingabe und wonniger Enthaltsamkeit. Der aristokratische, zivilisierte Vampir-Clan als Idealbild der Großfamilie und Zufluchtsort für ein Scheidungskind.

Alles sehr interessant und alles vermutlich wahr. Aber keine Erklärung, warum Tausende "Twilight"-Fans tagelang vor einem Kino in Los Angeles campen, um die Premiere erleben zu dürfen. Warum Mädchen im Angesicht der Hauptdarsteller Robert Pattinson und Kristen Stewart von hysterischen Weinkrämpfen geschüttelt werden, bevor sie ohnmächtig zu Boden sinken.

Elvis – die hüftkreisende Bedrohung

Machen wir uns nichts vor, es ist völlig unerheblich, was Erwachsene von "Twilight" halten. Sie verstehen es sowieso nicht. Müssen sie auch nicht. Schließlich war es schon immer so, dass Eltern wenig Verständnis für die Hysterien ihrer Kinder aufbrachten.

In den 50er-Jahren sah die Elterngeneration in Elvis keinen Rock 'n' Roller, sondern eine hüftkreisende Bedrohung, in den Sechzigern standen dann die Beatles auf dem Index der Altvorderen. Und heute ist es der Techno, über den viele der vor 1970 Geborenen die Meinung verbreiten, das sei "seelenlose Maschinenmusik".

Die Lösung wäre die Einführung einer strikten Altersobergrenze. Das würde beiden Seiten viel Ärger ersparen. Die Jungen hätten ihre Ruhe vor Bemerkungen ihrer Eltern bezüglich Qualität und Botschaft des von ihnen verehrten Artefaktes. Und die Alten könnten Sinnvolleres mit ihrer Zeit anfangen, mal wieder ein gutes Buch lesen, zum Beispiel. Wie wäre es mit einem Roman, der von einem Jungen handelt, der seit seinem dritten Geburtstag nicht mehr wachsen und ewig Kind bleiben will? Klingt konstruiert? Ist aber Weltliteratur – "Die Blechtrommel" von Günter Grass.

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