22.11.12

"Anne Will"

Leben nach dem Tod – ein Fall für die Psychiatrie?

Anne Will suchte die "Letzte Ausfahrt Paradies". Über ein Leben nach dem Tod gab es ordentlich Zoff, aber den Gottesbeweis vermochten auch Wills Gäste nicht zu erbringen.

Foto: screenshot ARD
Im Rahmen der ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" diskutierte Anne Will mit Seyran Ateş, Philipp Möller, Mechthild Löhr, Vince Ebert und Heinz Eggert
Im Rahmen der ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" diskutierte Anne Will mit Seyran Ateş, Philipp Möller, Mechthild Löhr, Vince Ebert und Heinz Eggert

Nichts wäre einfacher, als sich über das Thema der Sendung lustig zu machen. Das Leben nach dem Tod, was gibt es da schon groß zu streiten? Man glaubt daran oder man lässt es bleiben. Sicher, die ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" soll auch in die Talkrunden hineinwirken, aber die Vermutung, daraus könne sich eine fruchtbare, kontroverse Diskussion entwickeln – die ist doch lächerlich. Oder?

Anne Will tat gut daran, der Rechtsanwältin Seyran Ateş als erster das Wort zu erteilen. Ateş hat sich als selbstbewusste Frauenrechtlerin einen Namen gemacht, sie engagiert sich vor allem für Migrantinnen, die in konservativen Familienstrukturen gefangen sind.

1984 wurde sie in einem Frauenberatungszentrum angeschossen und lebensgefährlich verletzt, und dies beschrieb sie durchaus plastisch. Die Kugel ging in den Hals, blieb dort stecken, die Frau neben ihr, mit der Ateş gerade ein Beratungsgespräch geführt hatte, konnte nicht mehr gerettet werden. "Ich habe geblutet wie ein Schwein" – das war nun gar nicht mehr lächerlich, und lustig erst recht nicht. Eigentlich.

Ateş erlebte eine Nahtoderfahrung, die sie in klassischen Kategorien beschrieb: Sie habe von oben auf sich selbst herab geblickt, sie hätte ins Licht gehen können, entschied sich aber, das Leben auf der Erde fortzusetzen. Doch das trug sie nicht wehleidig vor, kaum verklärt, sondern mit viel Witz. Denn ihr erster Gedanke galt ihrer entlaufenen Katze, und den Sanitätern, die mit ihrem Reißverschluss nicht zurechtkamen, hätte sie von dort oben auch gerne geholfen.

Die Hirnchemie spielt verrückt

Das mochte nun doch mancher lustig finden, etwa Heinz Eggert. Der studierte Theologe und ehemalige Innenminister von Sachsen fand die Sache mit der Katze so bemerkenswert, dass er sich gleich zwei Seitenhiebe darauf nicht verkneifen konnte, allein: Lächerlich machen wollte er Ateş' Erfahrung damit beileibe nicht. "Ich höre diese Dinge oft, ich bewerte sie nicht – aber sie allein würden mich von einem Leben nach dem Tode nicht überzeugen."

Auch Vince Ebert, Physiker und Kabarettist, der als Mann der Wissenschaft geladen war, wollte angesichts dieser Geschichte keine lauten Töne der Ablehnung anschlagen, einen leisen Hinweis auf die Hirnchemie, die in solchen Situationen erklärtermaßen verrückt spielt, verkniff er sich dennoch nicht.

Der Atheisten-Aktivist Philipp Möller schlug verhalten in dieselbe Kerbe – was deshalb bemerkenswert ist, weil die Diskussion bald eine Wende nehmen sollte, in deren Verlauf Möller regelrecht heiß lief und unter anderem Mechthild Löhr, der Bundesvorsitzenden der "Christdemokraten für das Leben" mitgab, es seien schon Menschen "für viel weniger in die Psychiatrie gekommen" als für die Vorstellungen, die Löhr hegt.

Ein Fundamentalist der Aufklärung

Denn natürlich kann man sich ein Leben nach dem Tod sehr schlecht vorstellen, ohne gleichzeitig an Gott zu glauben. Da sind die Fronten zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen nicht minder verhärtet, im Gegenteil, nur lässt sich darüber trefflich streiten, weil Gott ja die Grundlage von allem sein soll: von der Kirche, auf deren Dogmatik Möller lustvoll einprügelte. Von den Menschenrechten, die Eggert aus der Religion ableitete. Vom Paradies. Und natürlich von der Hölle.

Die Existenz Gottes wolle Ebert als Wissenschaftler nicht vollkommen ausschließen, aber: "Es gibt wesentlich plausiblere Erklärungen für das alles." Eggert erklärte, er sei nicht bereit, Glauben und Naturwissenschaft gegeneinander auszuspielen. Möller erwies sich als Fundamentalist der Aufklärung, der viel offensive Rhetorik aufbot, darunter einen besonders denkwürdigen Satz: "Die Beweislast für eine Behauptung liegt beim Behauptenden." Wenn er an alles glauben würde, dessen Nichtexistenz nicht bewiesen ist, dann wäre seine Welt von Elfen, Feen und zahllosen Gottheiten geradezu überbevölkert.

Mord auf dem Eso-Trip

So richtig hatte dem keiner etwas entgegen zu setzen. Heinz Eggert, der sich als engagierter und gleichzeitig reflektierter Diskutant erwies, betonte, es werde wohl niemals einen Gottesbeweis geben. Das unausweichliche Dilemma der Sendung war damit einmal mehr benannt: Man glaubt eben oder man lässt es bleiben. Es war wiederum Eggert, der darauf hinwies: "Zwei Menschen erleben dasselbe und bewerten es unterschiedlich" – was dem einen göttliche Fügung, sei dem anderen Zufall oder Glück.

Vince Ebert hat nicht genau dasselbe erlebt wie Seyran Ateş. Sein Schwager und dessen Freundin wurden auf den Bahamas, auf einer friedlichen Urlaubsreise, einem "Eso-Trip" gar, ermordet. Und Eberts Frau verzweifelte darüber derart, dass sie sich vom Glauben abwandte.

Zwei Gewalterfahrungen, zwei Opfergeschichten, zwei unterschiedliche Wege, damit umzugehen. Anne Will rahmte ihre Sendung damit klug ein, man kann auch sagen: Sie rettete, was zu retten war aus ihrer undankbaren Ausgangsposition. Denn so unterhaltsam es bisweilen auch hin und her ging, einen nennenswerten Erkenntnisgewinn konnte es dabei nicht geben.

Das sagten die Gäste bei "Anne Will"

 

Seyran Ateş,

Rechtsanwältin,

über ihre eigene Nahtoderfahrung:

 

"Als ich getroffen wurde, da war es,

als säße ich auf einem Thron."

 

Philipp Möller,

Atheist:

 

"Was ist ein Tag noch wert,

wenn das Leben unendlich ist?"

 

Heinz Eggert,

ehemaliger Innenminister von Sachsen:

 

"Sterben ist viel einfacher,

als wir manchmal glauben."

 

Vince Ebert,

Physiker und Kabarettist:

 

"Meine Frau kann nach diesem schrecklichen Ereignis

mittlerweile gut damit leben,

dass das Leben zufällig und sinnlos sein soll."

 

Mechthild Löhr,

Bundesvorsitzenden der

"Christdemokraten für das Leben":

 

"Ich empfinde das Leben als Geschenk.

Wir haben uns nicht selber gemacht –

warum sollte der Schöpfer uns dann

nach wenigen Jahren auslöschen?"

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