21.11.12

Late Night

Roth streitet bei Maischberger an der Seite der Roma

Es war ein konfliktreicher Talk mit Rassismus-Vorwürfen und "Zigeuner"-Hetze. Romani Rose wäre aus Maischbergers Studio gestürmt, hätte nicht Claudia Roth in der Runde gesessen.

Foto: WDR/Max Kohr/WDR Presse und Information

"Feindbild Sinti und Roma: Sind wir zu intolerant?", fragte Sandra Maischberger ihre Talkgäste (v.l.): Romani Rose, Philipp Gut, Nizaqete Bislimi, Damir Kovani, Joachim Herrmann und Claudia Roth.

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Mit ihrer Sendung zu "Feindbild Sinti und Roma: Sind wir zu intolerant?" hat sich Sandra Maischberger auf ein Minenfeld voller Vorurteile, Anklagen und Zurückweisungen getraut. Es war ein gerechtfertigtes Wagnis.

Gleich zu Anfang stellte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, klar: "Wir erwarten nicht Toleranz, sondern Respekt. Wir sind deutsche Staatsbürger seit 600 Jahren." Und zwar als Akademiker, Künstler, Juristen.

Monatlich bis zu 7000 Asylanträge

Nur ganz wenige Menschen hierzulande wissen um diesen historischen Fakt. Auch dass eine halbe Million "Zigeuner" in der Nazi-Zeit ermordet wurden, gelangte erst in diesem Oktober mit der Einweihung eines lange erstrittenen Denkmals in Berlin-Mitte ins breite öffentliche Bewusstsein.

Mitte November stellte nun Schleswig-Holstein als erstes Bundesland die Volksgruppe unter den Schutz ihrer Landesverfassung. Es bewegt sich langsam etwas. Nur was tun mit den monatlich 5000-7000 Asylanträgen von Sinti und Roma aus Serbien und Mazedonien?

Vor einem Jahr waren es nur 100 pro Monat, stellte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) fest. Durch den Wegfall der Visumspflicht und mit dem im Juli gefällten Urteil des Bundesverfassungsgerichts, Sozialleistungen für Asylbewerber anzugleichen, sei eine Welle von Flüchtlingen über Deutschland hereingebrochen. Er sprach von "Asylmissbrauch".

"Wohnsituation erinnert an Bangladesch, nicht die EU"

Weil Roma und Sinti in Serbien und Mazedonien keinerlei Unterstützung erhalten würden, flüchteten sie nach Deutschland, um hier zu kassieren, so Herrmann. Doch die Probleme könne Deutschland nicht für die ganze Welt lösen.

"Hören Sie auf mit der Missbrauchskampagne!", forderte die Parteivorsitzende der Grünen, Claudia Roth, und warf Herrmann Zynismus vor. "Deponia" heißt eines der Lager für Sinti und Roma in Serbiens Hauptstadt Belgrad. Roth war vor Ort und sagte empört: "Die hatten da auf einer Müllhalde zu leben. Sie konnten gut Deutsch, waren aus Nordrhein-Westfalen, sind hier teilweise in Schulen gegangen und dann dorthin abgeschoben worden."

Der Asylbewerber Damir Kovani ist serbischer Staatsbürger, kam während des jugoslawischen Bürgerkriegs im Alter von fünf Jahren nach Hamburg und wurde kurz vor seinem Schulabschluss mit seiner Familie abgeschoben. Zehn Jahre lebte er auf so einer Müllhalde ohne Dusche, diskriminiert, von serbischen Polizisten geschlagen und von der Gesellschaft ausgeschlossen.

"Ich habe das nicht mehr ausgehalten", sagte Kovani bei Maischberger. Sein Asylantrag von diesem Jahr wurde abgelehnt. Im Januar muss er mit Frau und Kindern wieder raus aus der Bundesrepublik.

"Deutschland kann nicht das Heil der Welt lösen", nahm Rose Herrmanns Statement noch einmal auf, doch es müsse Einfluss nehmen. Serbien und Mazedonien dürften nicht der EU beitreten, bevor sie nicht ihren Umgang mit Menschenrechten reformiert hätten. "Die Wohnsituation erinnert eher an Bangladesch als an die EU", so Rose zornig. "Ja, Einfluss nehmen", nickte Herrmann. Selten gab es bei dieser Debatte einen solchen Konsens unter den Talk-Gästen.

"Weltwoche"-Journalist als "Rassist" beschimpft

Sandra Maischberger versuchte eher ein chaotisches Anfänger-Orchester zu dirigieren als eine erwachsene Diskussion zu moderieren. Wenn nicht alle durcheinander redeten, machten sie sich gegenseitig Vorwürfe. Für Zündstoff sorgte vor allem Philipp Gut, stellvertretender Chefredakteur des Schweizer Wochenmagazins "Weltwoche".

Seine im April erschienene Titelgeschichte über Raubzüge der Roma-Banden in der Schweiz und einen wachsenden Kriminaltourismus samt Aufmacherbild, das ein verdrecktes Kind auf einer Müllhalde mit Pistole zeigt, provozierte Rose: "Sie sind ein Rassist! Das sage ich Ihnen hier ganz öffentlich."

Rose hatte mit seinem Büro vor dem Schweizer Presserat geklagt, wie viele andere auch, die sich über Guts Artikel empört hatten. Doch die Klagen wurden abgewiesen, nur das Bild erhielt eine Rüge. "Sie haben ein Kind missbraucht!", so Rose. Tatsächlich wurde das Foto zweckentfremdet – das abgebildete Kind war nie in der Schweiz, sondern wurde im Kosovo fotografiert. Claudia Roth warf Gut "unethischen Journalismus" vor und verlangte eine Entschuldigung bei Kind und Familie.

"Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht gekommen"

Gut berief sich jedoch auf die Fakten seines Artikels. Und die würden allesamt stimmen. Er habe auch überhaupt nichts gegen Roma. Es gehe rein um den in Clans organisierten Kriminaltourismus, der überwiegend den Roma zugeordnet werden konnte. Er habe sehr viel für seine Geschichte recherchiert.

Maischberger schürte das lodernde Feuer zwischen den Parteien noch mit Einspielern: Deutsche, die über neue Roma-Nachbarn klagen ("Wir wollen die weg haben!"), alarmierende Kriminalitätszahlen sowie Roma, die vom vielen Geld schwärmen, das sie in Deutschland bekommen könnten. Rose war entsetzt, dass jeweils nur die eine Seite zu Wort gekommen sei. Es sei "alles auf Ablehnung abgestimmt", sagte er enttäuscht. "Hätte ich das gewusst, hätte ich hier auf der Couch nicht Platz genommen."

Die Roma, die es geschafft hat

Rose war kurz davor, aufzustehen und aus Maischbergers Studio zu stürmen, wäre da nicht Claudia Roth gewesen, die durchgängig auf Roses Seite stritt. Wie ein Magnet hielt sie ihn fest.

Grund zu bleiben bot aber auch die romastämmige Rechtsanwältin Nizaqete Bislimi. Sie war als Teenager mit ihren Eltern aus dem Kosovo geflohen, wurde in Deutschland stets nur geduldet, zog jedoch diszipliniert ihr Abitur, Jurastudium und ihre Staatsexamina durch – trotz reichlicher Diskriminierungen.

Schließlich durfte Bislimi in Deutschland bleiben und vertritt heute – mit Anfang 30 – Asylbewerber in juristischen Belangen. Ihrer Meinung nach habe der Staat versagt, denn "man muss auf die Leute zugehen, man muss ihnen das Gefühl geben, dass sie in diesem Land gehört werden."

Es sei schließlich so: Weil man diskriminiert werde, weil man Randgesellschaft sei, habe man keine Mittel. Daher das kleinkriminelle Milieu vieler Sinti und Roma, die immer nur hin- und hergeschubst worden seien und immer noch würden.

Chaotische Krawall-Talkshow

Fazit der oft chaotischen Krawall-Talkshow: Sandra Maischberger arrangierte eine Art Runden Tisch – unterschiedlichste Positionen, Fakten und Interessen fanden einen Austausch und bisweilen sogar Gehör. Ein wichtiger, ein notwendiger Anfang in der EU, wo immerhin rund 12 Millionen Roma und Sinti leben.

"Man kann uns nicht auf den Mond schießen. Wir sind da und wir werden nicht weggehen", sagte der romastämmige Harri Stojka – einer der populärsten österreichischen Jazz-Musiker – in der Phoenix-Dokumentation "Volk ohne Land" (2011). Damit sollten wir besser klarkommen.

Das sagten Sandra Maischbergers Gäste

 

Romani Rose,

Vorsitzender des Zentralrats

Deutscher Sinti und Roma:

 

"Wir erwarten nicht Toleranz, sondern Respekt.

Wir sind deutsche Staatsbürger seit 600 Jahren."

 

Claudia Roth,

Parteivorsitzende B'90/Grüne

über ein Sinti- und Roma-Lager

namens "Deponia" in Belgrad:

 

"Die hatten da auf einer Müllhalde zu leben.

Sie konnten gut Deutsch, waren aus Nordrhein-Westfalen,

sind hier teilweise in Schulen gegangen und dann abgeschoben worden."

 

Joachim Herrmann,

CSU-Innenminister Bayern:

 

"Seit Juli [mit dem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts,

 Sozialleistungen für Asylbewerber anzugleichen, Anm. d. Red.]

ist die Zahl der Asylanträge sprunghaft angestiegen.

Da ist der Missbrauch unübersehbar."

 

Philipp Gut,

Journalist:

 

"Ich habe überhaupt nichts gegen Roma.

Es gibt Probleme mit kriminellen Banden aus Osteuropa,

meistens Roma. Kriminaltourismus, darum geht es."

 

Damir Kovani,

romastämmiger Asylbewerber aus Serbien:

 

"Ich wurde in Serbien mehrmals von der Polizei geschlagen,

weil ich Roma bin. Ich habe das nicht mehr ausgehalten."

 

Nizaqete Bislimi,

Juristin:

 

"Man muss auf die Leute zugehen,

man muss ihnen das Gefühl geben,

dass sie in diesem Land gehört werden."

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