20.11.12

Twilight-Kinofilm

Und ewig saugt der Spießer am Hals

Bisse, Küsse und Askese: Jetzt kommt "Breaking Dawn II", der letzte Teil der Vampir-Sage von Stephenie Meyer. Passend dazu ein letzter Versuch, diesen vampiristischen Welterfolg zu erklären.

Foto: dapd

Armdrücken im finsteren Wald: Kellan Lutz als Emmett und Kristen Stewart als Bella in „Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht, Teil 2“, dem letzten Teil der beliebten Vampirfilme
Armdrücken im finsteren Wald: Kellan Lutz als Emmett und Kristen Stewart als Bella in "Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht, Teil 2", dem letzten Teil der beliebten Vampirfilme

Prinzen haben die manchmal doch eher unangenehme Eigenschaft, die Väter jener Aschenputtel, mit denen sie glücklich bis in alle Ewigkeit zusammenleben am Ende eines jeden Märchens, aussehen zu lassen wie die letzten Peinsäcke. Das muss so sein. Das macht einen nicht unerheblichen Teil ihrer Anziehungskraft für die Aschenputtel jeder Generation aus. Deswegen werden sie so geliebt. Notfalls bis in alle Ewigkeit. Oder jedenfalls, bis ihnen der Kopf abgerissen wird.

Womit wir bei Edward Anthony Masen Cullen wären, dem – noch deutlich vor William von England – archetypischen Prinzen unserer Zeit. Ein bleiches Wesen, das seit mehr als hundert Jahren keinen Tag älter ist als siebzehn. Mitglied einer Familie von glücklichen Vampiren, die des Nachts nicht mehr in Särgen schlafen müssen, dafür ein gigantisches Niedrigenergiehaus in den ständig verregneten Wäldern des Staates Washington bewohnen. Ein literarisches Wesen, das eine Hobbyautorin, Mormonin und dreifache Mutter binnen nicht einmal zehn Jahren zu einer der reichsten Frauen der Vereinigten Staaten machte, ein paar Schauspieler zu Superstars und Millionen vermeintlicher Aschenputtel in ihren Träumen zu Prinzessinnen.

Was hat es mit dem Vampir-Rausch bloß auf sich?

Edward Cullen – für die paar verbliebenen Nicht-Vampirexperten sei's gesagt – ist der Held von Stephenie Meyers"Twilight"-Saga. Am Donnerstag, wenn der fünfte und letzte Teil der "Twilight"-Verfilmungen in den Kinos anläuft, werden er und Bella Swan, das Aschenputtel aus Forks, dem regenreichsten und lichtärmsten Kaff der USA, endgültig in alle kulturgeschichtliche Ewigkeit verschickt. Ein letztes Mal Gelegenheit für Menschen wie Charlie Swan, den Vater von Edward Cullens Aschenputtel Bella, sich zu fragen, was es mit diesem Vampirrausch auf sich hatte, in den alle unmittelbar nach dem Harry-Potter-Wahn fielen.

Zur Beantwortung dieser Frage kann man sich nun mit Enzyklopädien bewaffnen und tief aus der Kulturgeschichte schöpfen. Und die Erkenntnis formulieren, dass Vampire vor allem in Umbruch- und Krisenzeiten unsere Nächte unsicher machen. Oder sich eingestehen, dass alles Theoretisieren wenig bringt. Dass man das Phänomen von Edward, dem geliebten Vampir, nur mit dem Blick in den Spiegel in den Griff kriegt. Hinein ins eigene, durchschnittliche Leben. Dem Peinsack, den man da sieht, ins Auge.

Der Prinz kann Debussy spielen

Charlie Swan ist der Durchschnitt, so archetypisch als Vater wie Edward als Prinz. Charlie leert gern Bierdosen, trägt seit Jahrzehnten seine alte Jacke auf und mit Stolz einen Oberlippenbart. Er hackt Holz und jagt mit abgesägten Schrotflinten kaum vorhandene Verbrecher durch die nassen Wälder von Forks/Washington. Charlie Swan ist Polizeichef. Eine Ehe hat er ruiniert, seine Frau lebt mittlerweile mit Tochter Bella in Arizona, was doch ziemlich weit weg ist. Seitdem ist er ein einsamer Wolf. Bis Bella, dank Kristen Stewart in den Filmen eher miesepetrige, denn süße siebzehn, keine Lust auf das ewige Herumziehen mit der hippiesken Mutter hat und zu Papa in den Regen zieht.

Eines Tages, sie ist noch kein halbes Jahr da, steht der Prinz schon im Wohnzimmer. Er trägt Anzug und stets einen süffisanten Zug um den Mund, fein gegelte Haare hat er und fährt Volvo, wohl nicht als Anspielung an den Schneewittchensarg der Sechziger, sondern aufgrund von Sponsorenverträgen. Debussy beherrscht er am Piano und Shakespeare aus dem Stegreif. Und er sagt, als er da steht in Charlies ranzigem Zimmer: "Ich wollte mich höflicherweise vorstellen."

Die Verweigerung des Beischlafs

Edward Cullen ist ein Albtraum. Er verkörpert alles, wogegen vermutlich schon Charlies Eltern rebelliert haben. Ein Spießer, wahrscheinlich, der – das schrecklich idyllische Landlust-Cottage, was Bella und Edward im letzten Teil geschenkt bekommen, spricht dafür – höchstwahrscheinlich sogar einen Bausparvertrag hat. Einer wie Edward ist genau der Typ, mit dem man einen linksliberalen, ehemals jugendbewegten Vater heutzutage noch auf die Palme bringen könnte. Als rebellischen Akt nach all den Rebellionen der vergangenen Jahrzehnte.

Und er treibt es sogar noch weiter, der furchtbare Feingeist, der Blutbürger von Forke/Washington. Er verweigert Bella den Beischlaf. Vampirforscher und "Twilight"-Leser wissen warum. Für jeden nichtmormonischen Vater des 21. Jahrhunderts, der um Bellas Gefährdung beim sexuellen Akt nicht weiß, wäre das allerdings fast ein Grund, einen Therapeuten einzuschalten. Sex soll es erst nach der Hochzeit geben, sagt Edward. Was ihn, zur kulturhistorisch richtigen Zeit am richtigen Platz – erst recht zum Traumprinzen der Pubertierenden aller Kontinente machte. Weil Mädchen – "Twilight" ist anders als die Potter-Saga beinahe ausschließlich ein Mädchending – auf einmal Keuschheitsringe trugen, über Askese, Treue und wahre Liebe nachdachten. Das konnte man reaktionär nennen. Aber die modernen Edwardianerinnen wollten gar nicht Mormoninnen werden, noch nicht einmal die Emanzipationsschraube zurückdrehen, sie wollten einfach mal Pause haben, sich instinktiv der Übersexualisierung entziehen, dem Druck, mit Youporn mithalten zu müssen.

Sie wollen nicht erwachsen werden

Und sie träumten – ein weiterer der vielen Albträume, die Patchwork-Vätern wie mir aus der "Twilight"-Erfahrung zuwachsen – von richtiger Romantik, von einer Liebe, die nimmer endet, in alle Ewigkeit geht und nicht bis zum Scheidungsrichter. Robert Pattinsons Edward Cullen verkörpert sie zielgruppengerecht und allumfassend. Wobei er wohl auch kaum anders kann (von geschiedenen Vampiren weiß "Twilight" nichts, die Cullens leben – na ja – konservative, heterosexuelle Beziehungen).

Zur millionenfach genutzten Projektionsfläche des neuen Jahrtausends wurden die mormonischen Vampire aller Wahrscheinlichkeit nach noch aus einem anderen Grund. Edward und Bella sind nämlich anders als Anton und Rüdiger. Anton, der kleine, ängstliche Junge, und Rüdiger, der nur in Deutschland und aus dem Geist der Siebziger zur Legende gewordene "Kleine Vampir". Als Anton eines Nachts am Ende der Buchserie gefragt wird, ob er sich denn nicht endlich beißen lassen will, verweigert der sich und sagt, dass er erwachsen werden will. Für Bella kann es mit dem Gebissen werden gar nicht schnell genug gehen. Sie will nicht erwachsen werden, Edward kann es gar nicht. Er ist als Heiliger der vorehelichen Askese nicht nur rechtzeitig an seinem kulturgeschichtlichen Ort. Er und Bella und ihr späteres Kind mit dem unfassbar dämlichen Namen Renesmee haben fast mühelos erreicht, wovon die Heranwachsenden der Nullerjahre träumten. Für die heilige Familie der Untoten wird die Pubertät nicht enden. Sie werden nicht erwachsener, als sie sind. Man soll sich den Vampir als glücklichen Menschen vorstellen.

Green Day besingen ein Mormonenmärchen

Das Ganze ist natürlich nicht zum Aushalten. Soll es auch nicht. Jedenfalls nicht für die Charlie Swans dieser Welt. Da funktioniert Edward Cullen wie Justin Bieber. Als Abwehrzauber gegen Erwachsene.

Die sollen draußen bleiben, vor den Kinos. Die sind voll peinlich. Verstehen nichts, weil nichts erklärt wird in den Filmen. Ersparen sich aber viel. Die Stunden der Belanglosigkeit. Die Langsamkeit der Erzählung. Die Schuppenflechte, die man im Kopf kriegt vom Daueraufenthalt in verregneten Wäldern. Die seelenvollen Blicke der blutleeren Schauspieler. Die Peinlichkeit, dass im exquisiten Soundtrack Punkrocker wie Green Day ein Mormonenmärchen besingen. Das dramaturgische Desaster, das Drehbuchautorin Melanie Rosenberg aus den nicht eben subtilen Büchern der Stephenie Meyer macht. Den kümmerlichen Showdown einer Schlacht, in deren Verlauf den Untoten munter Gliedmaßen abgerissen werden, woraufhin sie sich als das entpuppen, was man angesichts ihrer darstellerischen Leistungen eh in ihnen vermutet hatte – Gipsstatuen aus dem Gartenbaumarkt. Die kaum belebten Kitschpostkarten mit schönen Menschen in Wiesen voller blauer Blumen.

Da liegen sie dann. Das Aschenputtel und ihr Prinz. Robert Pattinson und Kristen Stewart, lebende Wachspuppen. In ewiger Liebe. Sollen sie da liegen bleiben. Wir gehen Bier trinken. Mit Charlie.

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