19.11.12

Getötete Küsterin

Der Mord, bei dem zehn Kinder ihre Mutter verloren

Fassungslosigkeit in einer katholischen Gemeinde in Niedersachsen: Nachdem eine Küsterin erschossen wurde, ist Haftbefehl gegen den Ehemann erlassen worden. Der Mann hat sich der Polizei gestellt.

Von Claudia Becker
Foto: dpa

Ein Absperrband der Polizei vor der Kirche „Heilige Familie“ in Braunlage (Niedersachsen).

7 Bilder

Sie lag im Keller. Im Untergeschoss jenes Hauses, das ihr Leben war. Dort, in der katholischen Kirche in Braunlage im Harz, wurde sie am Samstagmorgen um neun Uhr gefunden. Ob ihr Leben auch dort zu Ende ging, muss noch geklärt werden. Sicher ist, dass sie das Opfer einer Gewalttat wurde.

Erschossen wurde sie. Das hatte die Polizei von Anfang an vermutet. Gestern bestätigte die Staatsanwaltschaft Braunschweig nach Bekanntwerden der Obduktionsergebnisse den Verdacht. Und vieles deutet darauf hin, dass der Ehemann der Täter war.

48 Jahre alt ist sie geworden, die Frau, die sich so engagiert hat für die Gemeinde der Heiligen Familie. Als Küsterin besorgte sie Kerzen und Blumen und was sonst noch für die äußerliche Gestaltung eines Gottesdienstes wichtig ist.

Als Lektorin las sie in der heiligen Messe biblische Texte vor. Als Kommunionhelferin unterstützte sie den Pfarrer bei der Austeilung der Hostie. Als Katechetin erteilte sie Kindern Religionsunterricht und bereitete sie auf die Firmung vor. Als Vorsitzende des Gemeindekirchenrates kümmerte sie sich um all die organisatorischen Belange der Kirchengemeinde.

"Wir sind alle betroffen"

Viel Zeit schenkte sie der Gemeinde. Eine gute Katholikin, eine, die bei ihrem Einsatz für ihre Kirche auch immer die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche im Blick hatte und sich sehr für die Ökumene engagierte.

Jetzt ist sie tot. Und die Gemeinde ist fassungslos. "Wir sind alle betroffen", sagt Pfarrer Stanislaw Poreba. "Wir sind traurig." Ihm fehlen die Worte.

Am Wochenende feierte die Gemeinde keine Messe in der Kirche. Am Wochenende war die Polizei in dem Gotteshaus, suchten Kriminaltechniker in weißen Anzügen mit einem Rechtsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover nach Spuren, schnüffelte ein Hund im Vorgarten nach Waffen, Munition und Schmauchspuren.

Am Wochenende war das Gotteshaus der Heiligen Familie kein Haus des Friedens mehr, sondern ein Tatort – mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Tatort eines Familiendramas.

"Warum lässt Gott so etwas zu?"

Pfarrer Poreba wollte am Sonntagmorgen trotzdem einen Gottesdienst abhalten. Er lud zu einer Andacht auf den Stufen der Kirche ein. Rund 20 Gläubige kamen, um für die Getötete und ihre Familie zu beten. Darin sieht der Pfarrer jetzt seine Aufgabe. Er kann den Fall nicht aufklären. "Ich bin Seelsorger", sagt er. "Ich muss den Menschen helfen, die Hoffnung nicht zu verlieren."

Trost muss er schenken, Tränen trocknen. Und er muss versuchen, die Zweifel aufzufangen, die ihm jetzt entgegengebracht werden. Warum lässt Gott so etwas zu? Warum sie? Die engagierte Christin? Warum ausgerechnet in der Kirche?

"Dass die Kirche, die traditionell als Schutzraum verstanden wird, möglicherweise der Ort ist, an dem ein Mensch getötet wurde, ist besonders tragisch", sagt Stefan Gresing, der Pfarrer der evangelischen Gemeinde der Stadt, der ebenfalls erschüttert ist.

Er kannte die Frau von einigen ökumenischen Gottesdiensten. Beim Gottesdienst zur Einschulung der Erstklässler zum Beispiel, da habe sie tatkräftig mitgeholfen. Kekse und Kuchen gebacken. Zuletzt hatte er mit ihr am 11. November zu tun gehabt, bei der Vorbereitung und Feier des gemeinsamen Gottesdienstes zu Sankt Martin. Beim Laternenumzug war sie auch dabei. Sie hatte ihre Jüngsten begleitet.

Bereits einige Jahre vom Ehemann getrennt

Die Küsterin war Mutter von zehn Kindern. Sie lebte bereits einige Jahre von ihrem Mann getrennt, der in Süddeutschland wohnte. So lange schon meisterte sie ihren Alltag allein, kümmerte sich mittlerweile auch um erste Enkelkinder. In der Kleinstadt genoss die Frau Anerkennung für ihre Leistungen, für ihr ehrenamtliches Engagement.

Auf die Frage, ob auch ihr Ehemann so aktiv in der katholischen Gemeinde war, will Pfarrer Poreba keine Antwort geben. Mit dem Ehemann soll es Streit gegeben haben, so sagt man in Braunlage. Um Geld und Grundbesitz ging es angeblich. Das sind Gerüchte. Tatsache ist, dass der 51-jährige Ehemann unter dringendem Tatverdacht steht.

Mit seiner zwölfjährigen Tochter und seinem 20-jährigen Sohn war er am Wochenende nach Süddeutschland gefahren. Am Sonntagabend tauchte er in Begleitung seiner beiden Kinder plötzlich auf einem Polizeirevier in München auf, um sich zu stellen. Gemeinsam mit der Tochter und dem Sohn wurde er in Polizeigewahrsam genommen.

Haftbefehl wegen Mordes

Ob er die Tat gestanden hat, ist noch unklar. Das Amtsgericht Braunschweig hat mittlerweile Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Die weiteren Untersuchungen übernimmt die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Dorthin wird der Verdächtige überführt.

Das katholische Bistum Hildesheim reagierte mit Erschütterung auf den Tod der Küsterin. "Meine Gedanken und Gebete gelten in diesen Tagen den Angehörigen der Toten", sagte Bischof Norbert Trelle am Montag in Hildesheim. Er sicherte den ermittelnden Behörden jede Unterstützung des Bistums zu. Außerdem werde man der Pfarrgemeinde bei der Verarbeitung des schrecklichen Geschehens helfend zur Seite stehen, hieß es weiter.

Pfarrer Poreba will auch in den nächsten Tagen mit den Menschen in der Gemeinde für die Verstorbene beten, für alle, die nicht fassen können, was passiert ist. Die Kirche in Braunlage ist aus ermittlungstechnischen Gründen noch geschlossen.

Am nächsten Sonntag wird dort wieder Gottesdienst gefeiert. Bis dahin soll in anderen Kirchen an die Küsterin gedacht werden. Pfarrer Poreba aber denkt vor allem an die Kinder. Ihnen gilt sein größtes Mitgefühl.

"Es sind noch nicht alle erwachsen", sagt er. Mit einigen von ihnen hat er engen Kontakt. Zwei Mädchen sind Messdiener. Zwei Kinder bereiten sich gerade auf die Firmung vor.

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