19.11.12

Infektionskrankheiten

Wann Antibiotika wirklich sinnvoll sind

Die Entwicklung der Antibiotika gehört zu den Meilensteinen der modernen Medizin. Doch gegen Viren helfen sie nicht und unnötig eingesetzt, fördern sie Keimresistenzen. Patienten sind oft ahnungslos.

Bei Lungenentzündungen etwa oder Blutvergiftung retten Antibiotika Leben. Und sie können die Symptome bakterieller Erkrankungen lindern und die Genesung beschleunigen. Im Vertrauen auf die hohe Wirksamkeit werden jedoch häufiger Antibiotika eingenommen, als notwendig und sinnvoll ist.

Die Gefahr dabei: Mit jeder (unter Umständen unnötigen) Dosis eines solchen Medikaments bekommen die eigentlich zu bekämpfenden Bakterien die Chance, sich durch genetische Anpassung (Mutationen) an das Antibiotikum anzupassen und resistent zu werden.

Das Medikament wirkt dann in der Folge bei diesem Menschen nicht mehr. Gibt der die resistenten Bakterien an andere weiter, wirken die Antibiotika über kurz oder lang auch in größeren Bevölkerungsgruppen nicht mehr.

"Unser Ziel muss sein, Antibiotika so gezielt wie möglich einzusetzen, so wenig wie möglich und so viel wie nötig", fasst Professor Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, zusammen.

Auch Patienten können ihren Beitrag dazu leisten. "Es gibt durchaus Patienten, die beim Arzt eine Behandlung mit Antibiotika verlangen", sagt Professor Markus Dettenkofer vom Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. Er verweist auf Eltern mit schmerzgeplagten Kindern, aber auch auf Berufstätige, die rasch voll einsatzfähig sein wollen.

Der oft massive Druck der Kranken veranlasst die Ärzte vielfach, ein Präparat zu verschreiben, obwohl sie eigentlich wissen, dass das Antibiotikum unnötig ist und auf lange Sicht sogar gefährlich wirken kann.

Klassische Grippe durch Viren

"Viele Patienten wissen zu wenig über die Wirkweise von Antibiotika", bestätigt auch Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK in Berlin. Antibiotika gezielt einsetzen - das heißt zunächst: Sie dürfen nur verwendet werden, um bakterielle Infektionen zu behandeln. "Ganz unbestritten müssen Antibiotika bei einer Lungenentzündung, bei Verdacht auf Borreliose nach einem Zeckenbiss und bei Harnweginfektionen eingesetzt werden."

Gegen Viren oder Pilze sind die Mittel jedoch wirkungslos. Nur: Um eindeutig zu unterscheiden, ob eine Infektion durch ein Virus oder ein Bakterium verursacht wurde, müsste der Arzt manchmal Urin oder Speichelproben im Labor untersuchen lassen. Das dauert meist mehrere Tage. So lange kann oder will manch ein Arzt oder auch Patient nicht warten. Das Ergebnis: Oft werden sinnlos Antibiotika verschrieben.

"Eine klassische Grippe wird meist durch Viren hervorgerufen", erklärt Schröder. Ein Antibiotikum sei in diesem Fall unsinnig. Doch die völlig unwirksame Einnahme kommt offenbar häufig vor: Es sei zu beobachten, dass parallel zur Grippehäufigkeit die Antibiotikaverordnungszahlen im Winter steigen.

Sinnvoll sind Antibiotika bei einem grippalen Infekt nur, wenn zusätzlich Bakterien nach einer anfänglich rein viralen Infektion die vorgeschädigten Atemwege befallen.

Antibiotika ist nicht gleich Antibiotika

Antibiotika unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus. "Je nach Wirkstoffzusammensetzung hemmen sie entweder das Wachstum von Bakterien, oder sie töten diese sogar", erläutert Gerlach. Während einige Antibiotika gezielt bestimmte Erreger angreifen, wirken Breitbandantibiotika wie Penizillin oder Tetracyclin gegen mehrere Bakterienarten.

Kenne man den Erreger, dann könne und sollte man gezielt behandeln, sagt Gerlach. Ist der Erreger nicht bekannt, ist im Akutfall eine versuchsweise Behandlung sinnvoll. "Man wird zuerst ein Breitbandantibiotikum einsetzen und parallel eine Diagnostik im Labor durchführen", sagt Dettenkofer. Wenn das Medikament nicht anschlägt oder wenn die Laborergebnisse vorliegen, wird die Therapie angepasst.

Darüber hinaus muss nicht jede bakterielle Infektion sofort mit Antibiotika behandelt werden. So haben viele Ärzte ihren Umgang mit Mittelohrentzündungen mittlerweile geändert. "Bei einer akuten Mittelohrentzündung ist der Krankheitsverlauf mit und ohne Antibiotika sehr ähnlich", sagt Gerlach.

"Wir empfehlen deshalb folgende Strategie: Vier von fünf Kindern haben nach 24 Stunden keine Schmerzen mehr, wenn ihnen schmerzlindernde Mittel wie Säfte gegeben werden." Außerdem sind körperliche Schonung und - vor allem bei Fieber - ausreichend Flüssigkeitszufuhr angesagt. "Erst wenn die Beschwerden nach zwei bis drei Tagen nicht abklingen, sollte der Arzt aufgesucht werden und eine Antibiotikatherapie in Betracht gezogen werden", sagt Schröder.

Erbrechen als Nebenwirkung

Doch was tun, wenn eine Mutter am Freitagnachmittag mit ihrem vor Ohrenschmerzen weinenden Sprössling zum Kinderarzt kommt? "Wir geben Eltern dann eine Verordnung für ein Antibiotikum mit. Diese sollen sie einlösen, wenn nach 48 Stunden keine Besserung eintritt. So fühlen sich die Eltern beruhigt", erklärt Gerlach. In den allermeisten Fällen werde das Rezept nicht eingelöst.

Jede unnötige oder nicht zielgerichtete Antibiotikatherapie hat jedoch Folgen. "Antibiotika haben zahlreiche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Erbrechen", betont Gerlach. Auch allergische Reaktionen zählen dazu.

Hinzu kommt, dass Bakterien in kürzester Zeit erfolgreich natürliche Anpassungsmechanismen entwickeln oder ihr Erbgut verändern. So werden sie unempfindlich gegen einen oder mehrere Wirkstoffe.

Was die ambulante Behandlung erschwert, kann für Kleinkinder, für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder Krankenhauspatienten lebensgefährlich sein. "Bei schweren Verletzungen oder großen Operationen besteht immer die Gefahr, dass es zu einer bakteriellen Infektion wie einer Lungenentzündung oder einer Blutvergiftung kommt", sagt Dettenkofer.

Damit dann sofort ein Mittel verabreicht werden kann, das garantiert anschlägt, werden Risikopatienten bei einer Krankenhausaufnahme auf bestimmte Keime getestet.

Quelle: DWTV
21.05.12 4:52 min.
Biologisch wirksame Substanzen wie Antibiotika, Psychopharmaka oder Hormone gelangen über das Trinkwasser in die Nahrungskette, da sie in Kläranlagen nicht vollständig abgebaut werden.
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