18.11.12

Flüchtiger McAfee

Verfolgungswahn, Paranoia – Absturz eines Genies

Seine Antiviren-Programme machten John McAfee reich. Dann zog er sich mit blutjungen Geliebten in eine Festung nach Belize zurück. Nun ist er auf der Flucht, weil sein Nachbar ermordet wurde.

Quelle: Reuters
16.11.12 1:17 min.
Die Journalistin Tamara Sniffin in Belize behauptet, mit dem von der Polizei wegen Mordverdacht gesuchten John McAfee, gesprochen zu haben. Er soll laut Sniffin das Land nicht verlassen wollen.

Der Name McAfee steht für verlässliche Absicherung gegen die digitalen Übeltäter der Onlinewelt: Die gleichnamige Tochterfirma des US-Chipherstellers Intel ist der älteste und bis heute einer der größten Anbieter von Antiviren-Software. Doch Gründer John McAfee hat der Erfolg seiner Firma kein Glück gebracht, er wird des Mordes verdächtigt, und ist seit über einer Woche auf der Flucht vor Behörden in Mittelamerika. McAfee, der Ende der 80er-Jahre dank der aufkommenden Angst vor Computerschädlingen reich wurde, hat sich in dem karibischen Kleinstaat Belize in ein Netz von wahnhafter Paranoia, Verbrechen und Gewalt verstrickt.

Vergangenes Wochenende stürmten über ein Dutzend Polizisten von Belizes Spezialeinheit gegen organisiertes Verbrechen McAfees Anwesen in der Nähe des Dorfes Carmelita an Belizes paradiesischer Karibikküste – die Behörden verdächtigen den Millionär, seinen Nachbarn Gregory Faull erschossen zu haben. Der hatte sich über McAfees Hunde und Wachleute beschwert, und war am Sonntag vor einer Woche mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden.

Spielt mit den Behörden Katz und Maus

McAfee versteckte sich eigenen Angaben zufolge vor der Polizei, indem er sich im Sand seines Anwesens unter einer Pappe vergrub. Seitdem ist er auf der Flucht vor den Behörden Belizes wie auch vor aufgebrachten Drogendealern und liefert sich dabei ein höchst öffentliches Public-Relations-Gefecht mit der Regierung seiner Wahlheimat: Während er Belizes Premierminister Dean Barrow als korrupten "Freibeuter" beschimpft, nennt dieser McAfee "übergeschnappt" und fordert den Antivirus-Pionier öffentlich dazu auf, sich endlich den Behörden zu stellen.

Doch McAfee denkt gar nicht daran, kommuniziert per Internet und Mobiltelefon aus seinem Versteck mit diversen US-Medien und äußert so laut wie möglich die Befürchtung, er könne seine Befragung durch die Polizei des mittelamerikanischen Staates gar nicht erst überleben: "Die Liste der Gefangenen, die in Belizes Untersuchungsgefängnissen durch Überdosen, Selbstmord oder ihrem eigenen Erbrochenem zu Tode gekommen sind, ist verdächtig lang", schreibt er, und spielt mit den Behörden Katz und Maus.

McAfees Flucht vor Belizes Behörden ist der Höhepunkt des von Verfolgungswahn und Paranoia geprägten Niedergangs des einstigen Antivirus-Genies, den der US-Journalist Joshua Davis vom Magazin "Wired" in monatelanger Recherche akribisch verfolgt und chronologisiert hat: Mehrfach hatte Davis McAfee in seinem Tropen-Paradies besucht und brachte am Freitag einen angesichts der aktuellen Ereignisse hastig fertig gestellten Essay im Ebook-Format über das Schicksal des Millionärs heraus.

Seine Gründung distanziert sich lautstark

Seine Anteile an der nach ihm benannten Antivirus-Firma hatte John McAfee bereits 1994 verkauft, die Firma beeilte sich in dieser Woche, sich von ihrem Namensgeber zu distanzieren.

Sein Reichtum hat McAfee psychologisch überfordert: Aus einer irrational erscheinenden Angst vor Armut durch laufende Gerichtsverfahren zog sich der Millionär nach 20 Jahren im Silicon Valley erst nach Mexiko und im Jahr 2009 schließlich in eine Villa auf der Insel Ambergris Caye zurück. Doch auch dort fand er keine Ruhe, erwarb schließlich das Dschungelanwesen an der Küste.

Er trennte sich von seiner langjährigen Lebensgefährtin, lebte laut Joshua Davis mit mehreren teils minderjährigen Geliebten zusammen und startete diverse überambitionierte Reformprojekte in seiner Umgebung: Er stellte eine US-Biologin ein und baute ihr ein eigenes Labor auf dem Gelände, um in Dschungelpflanzen nach Antibiotika zu suchen. Er kaufte ein Bordell in dem Nachbarort, um es zum Familienclub zu reformieren. Er stattete die Polizei von Carmelita mit Ausrüstung und Waffen aus, baute ihnen eine eigene Wache und bezahlte die Männer fürs Patrouille-Gehen – angeblich, um dem Drogenhandel im Nachbarort ein Ende zu bereiten.

Wachen mit großkalibrigen Schrotflinten

Als er mit diesen Aktivitäten tatsächlich den Zorn lokaler Krimineller auf sich zog, stellte er einen Teil der Männer prompt als Wachleute ein, um sich den Rest vom Hals zu halten, baute sein Anwesen mit Zäunen und Wachhunden zur Festung aus, ließ sich mit großkalibrigen Schrotflinten fotografieren. Als Davis ihn besuchte, führte er ihn herum – und spielte Russisch Roulette mit ihm.

Im russischen Internetforum bluelight.ru zum Thema Drogen schrieb er unter dem Pseudonym "John" über Experimente mit synthetischen Rauschmitteln und veröffentliche Fotos von weißem Pulver – angeblich als Scherz. Kurz, McAfee verfiel dem "Wired"-Report zufolge zusehends in einem schizophren anmutenden Wahn. All dem konnten Belizes Behörden nicht lange untätig zusehen: Gründung einer eigenen Bande, Sammeln von Waffen, Bestechung der lokalen Polizei, Bau eines Labors für undurchsichtige Zwecke.

Ob McAfee oder seine zwielichten Angestellten tatsächlich etwas mit dem Tod von Gregory Faull zu tun haben, ist weiterhin völlig ungeklärt. Doch Belizes Behörden halten McAfee für völlig unzurechnungsfähig, wären ihn am liebsten los – und sehen den Mord an seinem Nachbarn als Chance, ein für alle Mal in McAfees Dschungel-Camp aufzuräumen.

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