18.11.12

Entführte Französin

Chloés psychologisches Geschick mit ihrem Entführer

Ein Sexualstraftäter hat sie im Kofferraum nach Deutschland verschleppt. Nun ist die 15-jährige Chloé wieder frei. Der Französin ist es wohl gelungen, einen Dialog mit ihrem Entführer zu etablieren.

Foto: AFP

Frankreich: Violette und Jesus Rodriguez sind sichtbar erleichtert über die Befreiung ihrer Tochter Chloé. Ein vorbestrafter Sexualverbrecher hatte das 15-jährige Mädchen im Kofferraum bis nach Deutschland verschleppt
Frankreich: Violette und Jesus Rodriguez sind sichtbar erleichtert über die Befreiung ihrer Tochter Chloé. Ein vorbestrafter Sexualverbrecher hatte das 15-jährige Mädchen im Kofferraum bis nach Deutschland verschleppt

Die 15 Jahre alte Chloé ist seit Samstag wieder zu Hause in ihrem Heimatdorf Barjac im südfranzösischen Departement Gard. Doch was in der Woche zwischen ihrer Verschleppung vor der Haustür ihres Elternhauses und ihrer Befreiung aus dem Kofferraum des Fahrzeugs ihres Entführers in Offenburg geschah, ist weiterhin unklar.

Der Täter, ein vorbestrafter Sexualverbrecher, der auf seiner Irrfahrt mit dem Mädchen nach Deutschland gelangte, dort einen Computer stahl und danach einen Unfall verursachte, der schließlich zur Entdeckung des Mädchens führte, sitzt in Untersuchungshaft. Auf Anraten seines Anwalts schweigt er bislang zu den Vorwürfen.

Frankreich hat einen europäischen Haftbefehl für den 32-Jährigen ausgestellt, er wird sich jedoch vermutlich zunächst in Deutschland wegen des Diebstahls und dem auf der Flucht vor der Polizei verursachten Unfalls verantworten müssen, bevor er nach Frankreich ausgeliefert werden kann.

Die Eltern der 15-Jährigen, Violette und Jésus Rodriguez, gaben in ihrem Heimatort Barjac eine Pressekonferenz. Ihre Tochter habe die Hoffnung nie aufgegeben, berichteten die Eltern: "Ich bin eine Rodriguez. Ich will leben", habe sie sich gesagt, als sie gefesselt im Kofferraum lag. Um sich Mut zu machen habe sie gesungen und an ihre Eltern, ihre Schwester und ihren kleinen Neffen gedacht. "Sie hat innerlich fest daran geglaubt, dass sie uns wieder sieht", sagte Chloés Mutter.

Chloé rationierte sich ihre Nahrung

Mit beträchtlichem psychologischen Geschick ist es der 15-Jährigen wohl gelungen, einen Dialog mit ihrem Entführer zu etablieren. "Nicht freundschaftlich, aber nennen wir es respektvoll", erläuterte Jésus Rodriguez. "Sie hat seinen Befehlen gehorcht, um sich nicht zu gefährden. Sie hat nie versucht zu flüchten. Erst als es bei der Verfolgungsjagd zu dem Unfall kam, hat sie in dem Kofferraum, in dem sie eingesperrt war, angefangen zu weinen."

Chloé habe sich die Nahrung rationiert, da sie nur unregelmäßig welche erhalten habe. Acht Tage lang haben der Entführer und das Mädchen in dem Auto gehaust, so die Mutter. Körperliche Gewalt habe der Mann ihr dabei nicht zugefügt. "Sie hat gegessen, sie ist nicht misshandelt worden. Sie wurde nicht geschlagen, soviel konnten wir feststellen. Das ist das, was sie uns gesagt hat", erläuterte der Vater. "Sie ist jedoch emotional und physisch sehr erschöpft."

Nähere Ausführungen zum Ablauf der vergangenen zehn Tage machte Jésus Rodriguez nicht. Am Freitagabend hatten die Eltern ihre Tochter in Straßburg wieder in die Arme schließen können. "Ich lebe noch", waren ihre ersten Worte, als sie ihre Eltern wieder sah.

Der Täter saß bereits wegen Sexualdelikten in Haft

Bislang hat das Mädchen ihren Eltern den genauen Ablauf der Entführung offenbar noch nicht geschildert. "Wir stellen keine Fragen, aber wir erhoffen uns natürlich Antworten", sagte der Vater während der Pressekonferenz in dem 1400-Seelen-Dorf. Bislang habe sie noch keine zusammenhängende Erzählung abgeliefert, sondern eher "Erinnerungsflashs".

Seit dem 9. November galt Chloé als vermisst. Vom Besuch einer Freundin im Nachbardorf war sie nicht zurückgekehrt, ihr Motorroller war jedoch vor dem Haus ihrer Eltern gefunden worden. Anscheinend hat der Entführer ihr dort aufgelauert und sie gezwungen, in den Kofferraum zu steigen. Der Mann fesselte das Mädchen, fuhr dann vermutlich mit ihr zunächst nach Italien und dann über die Alpen nach Deutschland.

"Dieser Mann ist wahrscheinlich durch die Straßen gelaufen und hat entweder auf unsere Tochter gewartet oder hätte sonst irgendein Mädchen genommen", sagte Jésus Rodriguez. Der 32 Jahre alte Täter stammt aus Bagnols-sur-Cèze, einem Ort, der ebenfalls im Gard liegt. Wegen mehrerer Sexualdelikte war er 2009 bereits zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, von denen er drei Jahre absaß.

Ein mit dem Fall vertrauter Jurist hat den Täter als "psychologisch instabil" beschrieben. Zum Zeitpunkt seiner ersten Verhaftung soll er indes die Notwendigkeit erkannt haben, sich psychiatrisch behandeln zu lassen. Damals hatte der Mann offenbar wiederholt Joggerinnen angegriffen, die sich jedoch wehrten und entkommen konnten.

"Ich hoffe, dass er angemessen bestraft wird"

"Er war sich seines Zustandes durchaus bewusst. Er hat den Untersuchungsrichter sogar gebeten, eingewiesen zu werden. Er hat eine psychologische Betreuung beantragt, um seine Triebe unter Kontrolle zu bringen", sagte der Anwalt Jean François Corral, der den Täter damals verteidigte.

Insgesamt elf sexuelle Angriffe wurden ihm zur Last gelegt. Erst am 14. September dieses Jahres war der Täter aus der Haft entlassen worden. Am 24. September sollte er sich in Avignon bei einem Bewährungshelfer zu einem Termin für die Unterstützung der Resozialisierung melden. "Dort ist er jedoch nicht erschienen", teilte der zuständige Staatsanwalt von Nîmes, Robert Gelli mit.

Gelli wartet jetzt auf die Entscheidung der deutschen Justizbehörden. "Nun, da er in Haft ist, muss sich die deutsche Justiz zu dem europäischen Haftbefehl äußern, den wir am Freitag erlassen haben, aber ich weiß nicht, wann das geschehen wird. Das kann sofort geschehen, oder erst nach weiteren Ermittlungen." Der Staatsanwalt in Nîmes ermittelt wegen Entführung und Freiheitsberaubung gegen den Täter.

"Ich hoffe, dass er angemessen bestraft wird", sagte Chloés Mutter in Barjac. "Sonst geschieht beim nächsten Mal vielleicht etwas, was nicht mehr gut zu machen ist." Ein für Samstagabend in ihrem Heimatdorf geplantes Fest zu Ehren der Befreiten wurde abgesagt.

"Wir haben eine Jugendliche gerettet. Wir sollten sie nicht zerstören", mahnte der Vater. "Man muss ihre Privatsphäre schützen. Sie fühlt sich wohl im Kreise ihrer Familie, aber es wird Zeit brauchen, bis sie wieder Leute von außen treffen kann. Diese Zeit werden wir uns nehmen."

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