17.11.12

Zwei tote Kinder

Vor dem Mord ärgerte sich die Nanny über die Eltern

Yosely Ortega hat zwei ihr anvertraute Kinder erstochen. Ermittler rätseln über ihr Motiv: Die Kinderfrau hatte offenbar Geldnöte und ärgerte sich über das Angebot der Eltern, noch mehr zu arbeiten.

Von Hannes Stein
Foto: dapd

Der Tatort in New York: Ein traurige Mutter legt Blumen am Eingang des Hauses in der Upper West Side nieder
Der Tatort in New York: Ein traurige Mutter legt Blumen am Eingang des Hauses in der Upper West Side nieder

Eine Grand Jury in New York hat beschlossen, dass die Beweismittel der Staatsanwaltschaft ausreichen, um Anklage wegen Mordes gegen Yoselyn Ortega zu erheben. Die 50-jährige Kinderfrau, hat am 25. Oktober die sechsjährige Lucia und den zweijährigen Leo Krim in ihrer Badewanne erstochen.

Die Mutter der beiden, Marina Krim, war mit ihrem dritten Kind spazieren gegangen, kehrte in ihre dunkle Wohnung in der Upper West Side von Manhattan zurück und fand ihren kleinen Sohn und ihre Tochter voll bekleidet und mit Stichwunden in der Badewanne; Yoselyn Ortega lag daneben, hatte sich die Handgelenke aufgeschlitzt und stach sich ein Messer in die Kehle, als Marina Krim eintrat.

Der Vater, Kevin Krim, kehrte gerade von einer Dienstreise aus San Francisco zurück; Polizisten fingen ihn am Flughafen ab und geleiteten ihn zum Krankenhaus, wo seine Frau und seine überlebende Tochter auf ihn warteten. Die beiden andere Kinder waren in der Zwischenzeit ihren schweren Verletzungen erlegen.

Anklage auf Mord ersten und zweiten Grades

Yoselyn Ortega, die nach der Tat in ein künstliches Koma versetzt wurde, hat sich des "Angriffs" auf die Kinder schuldig bekannt. Die Anklage lautet jedoch (im Jargon des amerikanischen Strafrechts) auf einen Mord ersten und einen Mord zweiten Grades – das heißt: ein Tötungsdelikt mit und eines ohne Vorsatz.

Was zu der Bluttat geführt hat, liegt weiterhin im Zwielicht. Klar ist nur, dass das Verhältnis der Krims zu ihrer Kinderfrau weit über ein normales Dienstverhältnis hinausging. Sie hatten Yoselyn Ortega vor zwei Jahren angeheuert, sie war ihnen von Freunden empfohlen worden. Die Kinderfrau begleitete die Krims auf Urlaubreisen; einmal flogen sie zusammen in die Dominikanische Republik, um Yoselyn Ortegas Familie zu besuchen.

Klar ist allerdings auch, dass die Kinderfrau Schwierigkeiten hatte. Ein Nachbar sagte, sie sei in den letzten paar Monaten "um Jahre gealtert", sie habe stark abgenommen. Eine Nachbarin berichtet, frühe habe Yoselyn Ortega sie immer mit einem fröhlichen "Hola, vecina" (Hallo, Nachbarin!) begrüßt, in letzter Zeit aber sei sie mürrisch und in sich gekehrt gewesen.

Yoselyn Ortega lebte bei ihrer Schwester in Morningside Heights, einem Viertel, das im Norden von Manhattan gleich neben dem hispanischen Teil von Harlem liegt. Eigentlich wollte sie mit ihrem Sohn in eine eigene Wohnung in der Bronx umziehen, ein paar Monate lang lebte sie auch dort. Sie habe, hieß es, viel Geld in jene Wohnung gesteckt – aber dann kehrte die Hauptmieterin zurück und machte Ansprüche geltend.

Die Kinderfrau hatte Schulden

Yoselyn Ortega musste wieder aus- und zurück zu ihrer Schwester ziehen. Sie habe Schulden gehabt, sei in ihrem Mietshaus von Tür zu Tür gegangen und habe versucht, Kosmetika zu verkaufen. Ein Taxifahrer, der zur Untermiete bei ihr wohnte, sagte aus, Yoselyn Ortegas Schwester habe ihm erzählt, dass Yoselyn fürchtete, den Verstand zu verlieren.

Ihre Familie wiederum berichtete, Yoselyn Ortega habe geplant, Hilfe bei einem Psychiater zu suchen. Die Polizei bestätigt diesen Bericht – aber es ist überhaupt nicht sicher, ob sie tatsächlich eine Psychiater aufgesucht hat.

Auch das Verhältnis zu den Krims soll sich in letzter Zeit verschlechtert haben. Um ihr aus ihren Geldnöten herauszuhelfen, bot die Familie ihr an, fünf zusätzliche Stunden im Haushalt zu arbeiten, dadurch hätte sie ihr Gehalt aufbessern können. Ein Polizist, der Yoselyn Ortega in ihrem Krankenbett verhörte, sagte hinterher, sie habe auf dieses Angebot nicht etwa erfreut, sondern verletzt und verärgert reagiert. Der Grund für ihre Ablehnung: Die zusätzlichen Stunden hätten die Kinderfrau daran gehindert, zum Arzt zu gehen. Die Krims hätten sie herumkommandiert.

Außerdem will eine anonyme Quelle aus der Polizeibehörde wissen, die Krims hätten Yoselyn Ortega zuletzt mit der Entlassung gedroht, weil die Qualität ihrer Arbeit stark nachgelassen habe. Die Kinderfrau betonte, sie habe sich nur über die Eltern, nicht aber über die Kinder geärgert.

"Unsere Herzen sind gebrochen"

"Marina weiß, was passiert ist", sagte sie dem Polizisten am Krankenbett. Bei dem kurzen Polizeiverhör habe die 50-Jährige "verwirrt" gewirkt, obwohl sie nicht mehr unter dem Einfluss von Medikamenten stand. Nachdem sie aus dem Koma erwacht sei, habe sie nach ihrer Familie, nicht aber nach den Kindern der Krims gefragt. Es sei kein Anwalt dabei gewesen. Gleich nach dem Gespräch am Krankenbett heuerte ihre Familie aber einen Rechtsbeistand an.

Es ist nicht zu erwarten, dass die des Doppelmordes Beschuldigte sich vor Prozessbeginn noch einmal äußern wird. Marina und Kevin Krim und ihre überlebende Tochter sind nach dem Tod ihrer Kinder wohl nicht mehr in ihre Wohnung zurückgekehrt. Angeblich sind sie bei Freunden in Manhattan untergekommen.

Kurz nach der Mordnacht hatte Kevin Krim noch eine SMS-Botschaft abgeschickt, in der er sich für die Anteilnahme am Schicksal seiner Familie bedankte: "Es versteht sich von selbst, dass unsere Herzen gebrochen sind", hatte er dort geschrieben. Nachbarn, Freunde und Wildfremde legten danach Blumen und Plüschtiere an der Haustür der Krims nieder. Auf einem Spielplatz in der Upper West Side wurde eine Kerzenwache abgehalten.

Andere Eltern sorgen sich um Sicherheit ihrer Kinder

Die unmittelbare Folge dieses Falles ist, dass viele New Yorker sich nicht mehr auf mündliche Empfehlungen verlassen, wenn sie nach einer Kinderfrau suchen. Stattdessen besuchen sie Webseiten wie "Sittercity" oder "care.com", die versprechen: "Bei uns steht Sicherheit an erster Stelle."

Solche Webseiten bieten an, nachzuprüfen, ob die Bewerberin je von der Polizei verhaftet wurde oder in psychiatrischer Behandlung war. Allerdings hätte ein solcher "background check" gerade bei Yoselyn Ortega nichts Schlimmes zutage gefördert. Ihre psychiatrische Akte war ein unbeschriebenes Blatt.

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