17.11.12

TV-Total

Nach Unfall bei Raab-Show liegen die Nerven blank

Schauspieler Stephen Dürr ist wieder ansprechbar. Doch sein Unfall wirft erneut die Frage nach der Verantwortung von Fernsehsendern auf.

Von Antje Hildebrandt
Foto: picture alliance / dpa

Verrenkte Halswirbel: Welche Folgen der Unfall für Schauspieler Stephen Dürr haben wird, ist noch unklar
Verrenkte Halswirbel: Welche Folgen der Unfall für Schauspieler Stephen Dürr haben wird, ist noch unklar

Es ist sein 50. Sprung vom Dreimeter-Brett. Turmspringen als Fernseh-Event, TV Total. 49 Mal ist alles gut gegangen, dann passiert etwas, mit dem keiner gerechnet hat. Statt mit den Händen schlägt der ehemalige Soap-Schauspieler Stephen Dürr ("Alles, was zählt") mit der Stirn zuerst auf die Wasseroberfläche auf. Sein Kopf wird in den Nacken gerissen, er verrenkt sich Halswirbel.

Der Vater zweier kleiner Töchter schafft es gerade noch an den Beckenrand. Das war am Mittwoch. Die Feuerwehr bestätigte Morgenpost Online, dass sie an diesem Tag um 13.55 Uhr zum Schwimmbad in die Landsberger Allee alarmiert wurde. Ein Rettungswagen und ein Notarzt waren vor Ort. Ein Rettungshubschrauber wurde zwar angefordert, dann aber doch nicht benötigt.

Ein Krankwagen brachte Stephen Dürr ins Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Vorläufiges Fazit dieser Mutprobe: Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen. Es bestehe der Verdacht, dass das Rückenmark bei dem Aufprall beschädigt worden sein könnte, berichtet die "Bild". Dürr sei vorübergehend sogar ins künstliche Koma versetzt worden.

Inzwischen ist der 38-jährige Hamburger jedoch offenbar wieder ansprechbar. Das Blatt zitiert ihn mit den Worten: "Mein erster Gedanke war: Bitte, lieber Gott, lass mich nicht gelähmt bleiben! Lass mich nicht im Rollstuhl enden! Dann wurde mir schwarz vor Augen." Ein Foto zeigt den verletzten Schauspieler auf der Intensivstation. Sein Kopf ist mit einer Halskrause fixiert.

Nicht der erste Unfall der Sendung

Weder sein Management noch die TV-Produktionsfirma Brainpool wollen den Bericht der Bild bestätigen. Die Nerven liegen blank. Das Foto vom bettlägerigen Dürr hat schlimme Erinnerungen an einen anderen Unfall geweckt. Man denkt an Samuel Koch, den jungen Kunstturner, der sich am 4. Dezember 2010 in der ZDF-Show "Wetten, dass ..." vor laufender Kamera das Genick brach. Seither ist er querschnittgelähmt.

Der unglückliche Aufprall beim Turmspringen in einem Berliner Schwimmbad hat jetzt eine Frage aufgeworfen, die immer dann reflexartig aufkommt, wenn im Fernsehen wieder ein Unfall passiert. Wie viel Risiko dürfen Spielshows ihren Kandidaten zumuten? Wo fängt die Verantwortung der Sender an? Und wo hört sie auf? Es war nicht der erste Unfall in der Geschichte des "TV Total Turmspringens." 2010 prallte Elton, der ewige ProSieben-Showpraktikant, beim Salto rückwärts aus fünf Metern Höhe mit dem Gesicht aufs Wasser. Er kam mit einem blauen Auge davon.

ProSieben Moderator Daniel Aminati hatte ein Jahr zuvor weniger Glück. Noch heute kursiert im Internet ein Videoclip von "Daniels Horrorsprung". Man sieht, wie er aus zehn Metern Höhe mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche aufschlägt. Beim Aufprall platzen Adern an den Oberschenkeln, Aminati klagt über Rückenschmerzen, doch er beißt die Zähne zusammen und wiederholt den Sprung - diesmal fehlerfrei.

Stefan Raab lud ihn anschließend zu "TV Total" ein, um die Szene vom Klatscher immer wieder zurückzuspulen. Der Entertainer ist dafür bekannt, dass er sich selber auch nicht schont. Gewinnen wollen um jeden Preis, das ist sein Erfolgsrezept.

Ausrutscher als PR-Gag

Als er im April 2010 mit dem Mountainbike in seiner Show "Schlag den Raab stürzte", rappelte er sich wieder auf und schaffte es noch über die Ziellinie - trotz Gehirnerschütterung. Seinen Kollegen Aminati verlieh er für den Rückenklatscher die "Goldene TV-Tapferkeitsmedaille in Silber". Der Ausrutscher als PR-Gag. Es war ja gerade noch mal gutgegangen.

Stephen Dürr hat allem Anschein nach weniger Glück gehabt. Trotzdem warnen Experten davor, den Unfall hochzuspielen. "Dass sich jemand beim Sprung vom Dreimeterbrett den Halswirbel verrenkt hat, höre ich zum ersten Mal", sagt beispielsweise Werner Alt, Fachreferent für Turmspringen beim Deutschen Schwimmverband (DSV).

Er spricht von einer Verkettung unglücklicher Zufälle und davon, dass man sich eine solche Verletzung auch überall anders hätte zuziehen können - zum Beispiel beim Treppensteigen. Das Risiko beim Turmspringen hält der Profi für überschaubar. Er sagt, er selber habe schon das hessische Comedy-Duo Mundstuhl für einen Auftritt bei Raabs TV-Event fit gemacht - offenbar mit einigem Erfolg. Schon binnen kurzer Zeit hätten die beiden Komiker einen zweieinhalbfachen Salto vom Dreimeterbrett geschafft.

Kein Vergleich mit Samuel Koch

Auch der Medienpsychologe Jo Groebel mag Dürrs Sturz nicht als Indiz dafür werten, dass die TV-Unterhaltung immer unkalkulierbarere Risiken eingehe, um die Quote anzukurbeln. Er sagt: "Das war ein ganz normaler Sportunfall." Mit dem folgenschweren Sturz von Samuel Koch könne man ihn nicht vergleichen. Und selbst der querschnittgelähmte ZDF-Kandidat hat ja inzwischen öffentlich beteuert, er alleine trage die Verantwortung für den Unfall. "Ich würde es wieder machen."

Bei ProSieben wird man solche Äußerungen erleichtert registriert haben. Das Turmspringen am 24. November finde auf jeden Fall statt, sagte ein Sprecher. Ob die Szene vom Sturz bei den Proben gezeigt wird, ließ er offen.

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