16.11.12

Berliner Szene-Cafe

Wo die Groupies etwas ganz anderes als Sex suchen

Das Café "St. Oberholz" ist der Inbegriff des hippen Berlin: Die Laptopdichte an den Tischen ist enorm, täglich treffen sich hier junge Kreative. Wie es dazu kam, verrät Gründer Ansgar Oberholz.

Von Judith Luig
Foto: Martin U. K. Lengemann
Ja
Ansgar Oberholz auf dem Rosenthaler Platz in Berlin, rechts im Hintergrund seine florierende Gaststätte St. Oberholz

Den Moment hat er heute noch. Diese Spannung noch vor der Tür. Wer ist heute da? Läuft der Laden? Was entsteht? Seit sieben Jahren betreibt Ansgar Oberholz nun die "Gaststätte St. Oberholz" am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte.

Das Café steht in jedem Reiseführer über die Hauptstadt, alle einschlägigen Medien haben längst über das erhöhte Hipsteraufkommen hier berichtet, keine Reportage über Digitales, IT oder Gentrifizierung kommt an Oberholz vorbei.

Sogar das "Wall Street Journal" hat schon über Berlins Silicon Crossroads berichtet. Aber wenn Ansgar Oberholz seinen Laden zum ersten Mal am Tag betritt, dann sieht er immer noch aus, als entdecke er gerade etwas Neues.

Tatsächlich bleibt das St. Oberholz ein Phänomen. Das Café hat eine höhere Laptopdichte als eine amerikanische Forschungsbibliothek, und jede führende Wirtschaftsnation scheint einen Nachwuchsvertreter gesandt zu haben.

Es ist 3 Uhr am Nachmittag, die Tische auf den zwei Etagen sind voll besetzt, und überall wird eifrig kommuniziert. Mal laut miteinander, mal stumm über die Tastatur mit der Welt da draußen. Alle Arten, Größen und Farben tragbarer Rechner und Telefone scheinen vorhanden und werden benutzt. Ein paar Erasmus-Studenten erarbeiten ein Referat zur Zukunft der Atomenergie, ein junger Wilder skypt mit seiner Mutter, und eine sehr ernsthaft aussehende junge Frau streitet über Facebook mit einer Freundin.

Dazwischen sitzen analoge Leser. Einige mit einer Tageszeitung, einer mit einem Paul-Auster-Roman auf Spanisch, und ein etwas angestrengt Wirkender vertieft sich in "The Essence of Christianity". Im Oberholz passieren unglaublich viele Geschichten gleichzeitig.

Kostenloses WiFi, Hörspiele auf den Toiletten

Wie all das gekommen ist, das hat Ansgar Oberholz jetzt aufgeschrieben. Ausgehend von genau diesem Moment, als er hier zum ersten Mal vor der Tür des damals verlassenen Gebäudes stand. Es ist nicht alles hundertprozentig genau so passiert, schließlich ist sein bei Ullstein erscheinendes Buch ja ein Roman.

Aber man kann in "Für hier oder zum Mitnehmen?" erlesen, wie ein Mann aus dem Haus, das 1898 als die neunte Bierquelle der Gebrüder Aschinger erbaut wurde, einen der angesagtesten Plätze der neuen Hauptstadt geschaffen hat. Mit kostenlosem WiFi, ohne Konsumzwang, mit Hörspielen auf den Toiletten, tausenden Steckdosen zum Geräteladen, mit renitenten Kellnerinnen und schnuckeligen Barkeepern und einer Speisekarte, die Indisch und Italienisch mit Quiche und Molle kreuzt.

Ansgar Oberholz ist 1993 in die Stadt gekommen. Heute, mit 40 Jahren, sind seine Kinder fast näher am Alter seiner Gäste, und trotzdem hat das, was im St. Oberholz passiert, immer noch viel mit seiner Person zu tun. Offen ist er, und neugierig. Es interessiert ihn, wie sich die Welt entwickelt, das scheint auch seine Gäste anzustecken. Sein eigener Look ist ein bisschen wie der Laden ein Mix: Turnschuhe, existentialistenschwarze Kleidung, dazu die Haare "ein bisschen angepunkt, aber sauberer Scheitel", wie er sagt. "Sieht nach 20er-Jahren aus."

Zum Gespräch müssen wir leider das Lokal wechseln, im St. Oberholz ist kein Platz mehr frei. "Berlin und ich sind quitt", hat Ansgar Oberholz gerade in einem Interview gesagt. Soll dieser Satz bedeuten, die digitalen Fantasten in ihren schicken Sneakers hängen ihm langsam zum Halse raus? "Nein", sagt Oberholz und lacht. "Ich meinte, auch wenn das vielleicht etwas pathetisch klingt, dass mir Berlin viel gegeben hat, und ich der Stadt etwas zurückgeben wollte, als ich das St. Oberholz gründete. Und das habe ich getan. Meine Schuld ist beglichen. Jetzt kann Berlin erst nochmal vorlegen. "

Krach am Rosenthaler Platz wie in Paris oder London

Seit er 2005 das Oberholz gründete, ist die Gegend um den Rosenthaler Platz zur Hostel-Landschaft geworden. "Die Obrigkeit hat kapiert, dass man aus der Tourismusbranche noch etwas rausholen kann, und hat ziemlich wahllos Baugenehmigungen verteilt", sagt Oberholz. Noch aber haben die Touristenbusse nicht gewonnen.

Anders als in der Oranienburger Straße um die Ecke. "Die war mal 'ne echte Meile", sagt Oberholz, "mittlerweile aber herrscht da Ballermannfeeling. " Die Besucher dächten dann, so sei Berlin. Ist es aber nicht. Letztens habe jemand zum ihm gesagt, die Kreuzung am Rosenthaler Platz sei der einzige Punkt, an dem Berlin ihn an London oder Paris erinnert. Wegen des Krachs.

Ursprünglich hatte Ansgar Oberholz ein Buch über Patchworkfamilien schreiben wollen, aber dann hat er seiner Agentin bei den Vorbesprechungen ständig von den Geschichten über Gäste und Kellner im St. Oberholz erzählt, und so wurde es dann eben ein Buch über all das, was in so einer Gastronomie in Berlin-Mitte passieren kann, die genau in dem Wirrwarr zwischen Hostels, Touristenhorden und alten Bewohnern, über dem beliebtesten Junkie-U-Bahnhof und direkt am Galerien- Szeneviertel liegt.

Brands4friends haben sich an den hohen Tischen im Oberholz gegründet, und Soundcloud, aber auch unendlich viele kleine Startups. "Man erfährt ja immer erst hinterher, ob eine Idee dann auch wirklich Erfolg hatte", sagt Oberholz, aber spüren könne man es schon vorher. "Was aber immer da ist, ist dieses Gefühl, dass vielleicht gerade am Nachbartisch was ganz Großes erdacht wird."

Zu seiner Gründerzeit war das St. Oberholz die Heimat der Freelancer-Szene, Bücher wie "Wir nennen es Arbeit" beschrieben das Lebensgefühl, heute trifft sich die Start-Up-Szene hier. Kai Diekmann, der Chefredakteur der "Bild", ist vor seiner Forschungsreise zu digitalen Neuheiten im Silicon-Valley nochmal bei einer Start-Up-Tour durch Berlin am Rosenthaler Platz vorbeigekommen.

"Es hat ein Generationswechsel stattgefunden, die digitale Welt ist heute weniger Bohème. Die haben ziemlich klare Ziele", erklärt Oberholz, "für die ist das 'Im Café sitzen und an Projekten basteln' eine Lebensphase und kein Lebensentwurf."

"Bei uns gibt es Start-Up-Groupies"

Viele der Geschäftsmodelle arbeiten nur darauf hin, so bedeutend zu werden, dass ein Größerer sie kaufen muss, um die Konkurrenz zu vermeiden. Amazon, zum Beispiel, oder Google, die Giganten der Branche. Aber es gibt auch noch Idealisten, die etwas langsam aufbauen wollen, damit es gut wird. "Fraisr.com – Commerce with a cause" – zum Beispiel, ein Internet-Marktplatz, bei dem ein Teil des erwirtschafteten Geldes gespendet wird.

Moment – was ist denn eigentlich mit seinem eigenen Laden? Was würde denn das Oberholz kosten? Der Besitzer lacht. "Das muss Apple sagen." Und dann überlegt er. "So ein Angebot wäre ein großes Kompliment, und dann würde ich trotzdem nein sagen."

Kann er den Begriff digitale Bohème noch hören? "Na, ja, da klingt das Prekäre mit an, aber das passt nicht mehr so ganz. Wer heute ein Start-Up gründet, ist meist in einer ganz guten Situation." Kommen auch Headhunter im Oberholz vorbei? "Das eher nicht, aber man lernt sich untereinander kennen, die Leute knüpfen Verbindungen. Wir werden zwar gern als Autisten-Club bezeichnet, aber trotzdem spielen Netzwerke bei uns eine große Rolle."

Über Twitter verbreitet die Szene auch gerne Tipps wie, 'Geh doch mal ins Oberholz und häng da ein bisschen rum, dann triffst du schon wen.' "Bei uns gibt es Start-Up-Groupies", klärt Ansgar Oberholz auf. "Das sind alles Männer, die wollen keinen Sex, sie wolle nur in der Nähe der Stars der Szene sein."

Seit Start-Ups zu einer richtigen Branche geworden sind, ist das St. Oberholz an Abenden und am Wochenende auch eine ganz normale Bar. "Bei den Freelancern gab es ja so was wie Feierabend gar nicht", erzählt Oberholz. Mittlerweile werden aber auch bei ihm ab einer bestimmten Uhrzeit die Laptops zugeklappt und das Bier aufgemacht. Das war bei den Freiberuflern eher nicht drin. "Es hat mal jemand ausgerechnet, ab wie viel Kaffee am Tag man sich eigentlich bereits ein eigenes Büro leisten könnte."

In der Anfangsphase lief es sehr schlecht

"Für hier oder zum Mitnehmen" ist der erste Roman von Ansgar Oberholz. Allerdings hat er bereits eine große Leserschaft, denn natürlich braucht ein digitales Café auch einen Blog, und den schreibt Oberholz selbst. Mit einer leicht melancholischen Nüchternheit beschreibt er in seinem "Fundbüro" Gegenstände, die von den Gästen übrigblieben. Einen Ring mit der Inschrift 'Für immer Dein', ebenso wie eine Serviette mit einer Telefonnummer für den Barkeeper – allerdings einer falschen.

"In der Anfangsphase lief es sehr schlecht, wir dachten, Mist, was haben wir da nur angerichtet, so ein Riesenteil." Damals, so steht es zumindest im Buch, dachte der Gründer darüber nach, ob er vor Passanten auf die Knie fallen sollte, damit sie einen Gratis-Kaffee annehmen. Und da hatte er nur Erdgeschoss und erste Etage gemietet. Seit einem Jahr nun bespielt Oberholz mit den Büroräumen, in die man sich einmieten kann, auch den zweiten Stock; seit 2009 schon vermietet er tageweise Apartments in den beiden Etagen darüber. Das Oberholz-Imperium im ganzen Haus.

Momentan fasziniert ihn am meisten die Bloggerszene und alles, was dazu gehört. "Twitter überholt gerade Nachrichtengiganten wie CNN. Die Energie von unten, das finde ich spannend." Die Medien setzten momentan keine Trends, sie griffen sie nur auf. "Da wälzt sich etwas um", sagt Oberholz.

Und was kommt für ihn als Nächstes? Oberholz lacht, das sei klar: "St. Oberholz, der Film."

Ansgar Oberholz: "Für hier oder zum Mitnehmen? St. Oberholz – der Roman", 240 Seiten, Ullstein extra, 14,99 Euro

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