15.11.12

Magersucht

"Ich wollte immer eine perfekte Figur haben"

Hanna ist 20 Jahre alt und seit vier Jahren magersüchtig. Nach mehreren Therapien hat sie Normalgewicht. Ihr Kampf gegen die Krankheit geht weiter. Ein Gespräch über den fatalen Reiz, zu dünn zu sein.

Von Inga Pylypchuk
Foto: Stefanie Heider

Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn hat über ihre Magersucht das Buch „Kontrolliert außer Kontrolle“ geschrieben
Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn hat über ihre Magersucht das Buch "Kontrolliert außer Kontrolle" geschrieben

Über Magersucht wird eher selten gesprochen. Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn will das ändern. Sie ist 20, seit vier Jahren magersüchtig und hat mehrere Therapien hinter sich. Doch ihr Kampf ist noch nicht zu Ende. Wir haben mit ihr über den gefährlichen Reiz, zu dünn zu sein, und über ihr Buch "Kontrolliert außer Kontrolle" gesprochen.

Die Welt: Frau Blumroth, woran denken Sie, wenn Sie sich Ihre alten Bilder anschauen, auf denen Sie 29 Kilo gewogen haben?

Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn: Ich empfinde immer noch eine Sehnsucht danach, so auszusehen. Meine gesunde Seite sagt mir dann aber, dass es schlecht ist, dass man normalerweise so nicht aussieht, dass es auch keinem gefällt.

Die Welt: Warum ließen Sie sich in diesem Zustand professionell fotografieren?

Blumroth: Das war vor meinem vierten Klinikaufenthalt. Ich wusste, dass ich bald wieder gesünder werden muss. Ich wollte aber dieses Körpergefühl für mich irgendwie festhalten.

Die Welt: In Ihrem Buch beschreiben Sie viele negative Gefühle, die man bei der Magersucht empfindet: Schmerzen, das ständige Frieren, starken Hunger. Was ist denn so reizvoll daran, mager zu sein?

Blumroth: Mir hat dieses Spüren meiner Knochen immer sehr gut getan – das war ein Gefühl von Sicherheit. Ich dachte immer: je dünner du bist, desto mehr Puffer hast du nach oben hin, falls du mal zunimmst.

Die Welt: Sie schreiben, dass in der Hochphase der Krankheit die Magersucht Ihre beste Freundin war. Was war ihre schlimmste Erfahrung mit ihr?

Blumroth: An dem Morgen, als ich zum vierten Mal in die Klinik gehen sollte, bin ich mehrmals umgekippt. Ich habe plötzlich verstanden, dass mein Körper nicht mehr lange mitmachen kann.

Die Welt: Haben Sie auch gute Erinnerungen an diese Zeit?

Blumroth: Die Krankheit hat mir auch total viel gegeben. Immer, wenn es mir schlecht ging, hat die Magersucht mich so pseudomäßig besser fühlen lassen. Weil ich dachte: ja, dir geht es schlecht, aber wenigstens bist du magersüchtig, du bist dünner als Andere und kannst dich kontrollieren. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben.

Die Welt: Heißt das, wenn man Ihnen sagt, dass Sie magersüchtig sind, empfinden Sie das eher als ein Kompliment, und nicht als eine Beleidigung?

Blumroth: Ja.

Die Welt: Warum will man immer dünner werden?

Blumroth: Magersüchtige haben eine gestörte Wahrnehmung. Alle sagen: "du bist extrem dürr", und man guckt in den Spiegel und denkt: "Nein, hier muss was weg, und da." Die Zahl auf der Waage wird immer geringer, aber man sieht es gar nicht im Spiegel.

Die Welt: Wollten Sie vielleicht mit Ihrem Körper Anderen auch sagen: "Guckt mal, es geht mir schlecht, ich brauche Hilfe"?

Blumroth: Unterbewusst bestimmt. Ich habe aber immer gesagt, dass es mir gut geht, dass ich keine Probleme habe, auch mit dem Essen nicht. Ich habe das immer ein bisschen verdrängt.

Die Welt: Wie würden Sie eine schöne Frau beschreiben?

Blumroth: Ich finde dünne Frauen schon sehr anziehend. Aber manchmal, wenn ich Frauen mit einer Rundung sehe, denke ich: Ach, vielleicht ist das auch ganz schön.

Die Welt: Sie sind schon bei "Stern TV" aufgetreten, nun haben Sie ein Buch über Ihre Krankheit geschrieben. Werden Sie nicht müde, immer wieder über die Magersucht zu sprechen?

Blumroth: Nee, gar nicht. Das ist so, dass ich über etwas erzählen kann, worüber ich perfekt Bescheid weiß. Es hat mir gut getan, weil ich meine Geschichte erzählen konnte. Ich musste mich erklären. Viele denken, Magersüchtige haben keinen Hunger oder keinen Appetit, das war bei mir nie der Fall. Bei Facebook haben mich viele Frauen angeschrieben. Das tut gut, wenn man Anderen helfen kann. Ich kann gute Tipps geben wie "man soll regelmäßig essen" und "kleine Mahlzeiten nehmen", aber selbst schaffe ich das leider nicht so richtig.

Die Welt: Das heißt?

Blumroth: Ich kann immer noch nicht tagsüber essen. Aber desto mehr freue ich mich auf meinen Salat am Abend. Auch wenn ich einkaufen gehe, frage ich mich immer, was denkt jetzt die an der Kasse, warum ich so viel einkaufe. Und habe immer Angst, dass ich als undiszipliniert gelte, wenn ich draußen esse.

Die Welt: Bei "Stern TV" haben Sie gesagt, dass "Hanna, die Magersüchtige" ein großer Teil Ihrer Identität ist. Haben Sie vor, eine andere Identität aufzubauen?

Blumroth: Ich will immer noch stark an der Magersucht festhalten, und "Hanna, die Magersüchtige" bleiben. Aber andererseits will ich sie auch loswerden und ein neues Leben starten. Viele sagen: "Dann nenn dich doch "Hanna, die Autorin", aber das kann ich irgendwie noch nicht so richtig.

Die Welt: Was würden Sie gerne im Leben machen?

Blumroth: Da ich es noch nicht genau weiß, kann ich nur sagen, dass ich gerne in dem, was ich tun werde, erfolgreich wäre. Ich will allen zeigen, dass ich was kann. Ich will perfekt sein in dem, was ich tue.

Die Welt: Hat die Magersucht etwas mit dem Perfekt-Sein-Wollen zu tun?

Blumroth: Ja, schon. Ich wollte immer eine perfekte Figur haben und dachte, je weniger du hast, desto perfekter bist du. Ich war nie zufrieden.

Die Welt: Sie studieren Erziehungswissenschaften. Hilft das, um die Krankheit zu überwinden?

Blumroth: Sehr. Ich bin froh, wenn ich eine Aufgabe habe. An den Tagen, an denen ich nichts zu tun habe, geht es mir extrem schlecht. Deswegen nehme ich mir vor, immer etwas zu tun: zu lernen, mich mit Freunden zu treffen, normale Dinge zu tun.

Die Welt: Haben Sie immer noch Angst zuzunehmen?

Blumroth: Eigentlich ist die Angst noch sehr da, zuzunehmen und die Kontrolle zu verlieren.

Die Welt: Was ist nun Ihre größte Herausforderung?

Blumroth: Auszuhalten, wie ich zurzeit aussehe. Wenn mir Andere sagen, dass ich jetzt gut aussehe, denke ich immer, dass sie meinen, ich wäre zu dick.

Die Welt: Besonders rührend beschreiben Sie im Buch das Verhältnis zu Ihrer Mutter. Sie hat schon früh Ihre Krankheit bemerkt und Sie darauf angesprochen. Hätte sie etwas anders tun können, um Sie von der Selbstzerstörung abzuhalten?

Blumroth: Nein, ich glaube, sie hat alles richtig gemacht. Ich könnte leider auch keine Elterntipps geben. Was auf jeden Fall nichts bringt ist, Druck beim Essen zu machen.

Die Welt: Ihre Mutter hatte auch eine kurze Phase im Leben, in der sie magersüchtig war. Erst die Schwangerschaft hat ihr geholfen, ins normale Leben zurückzukehren. Wäre das auch ein Weg für Sie?

Blumroth: Nicht bald, da will ich mir schon Zeit lassen. Aber in der Zukunft will ich unbedingt Kinder haben. Ich weiß nur noch nicht, ob ich es aushalte, wenn mein Bauch ständig wächst. Aber vielleicht tritt genau das Gegenteil ein, und meine Wahrnehmung wird sich ändern.

Die Welt: Es geht Ihnen jetzt besser, Sie haben wieder zugenommen. Wann kann man sagen, dass man richtig gesund ist?

Blumroth: Wenn man mit seinem Körper zufrieden ist und ein geregeltes Essverhalten hat. Wenn man sich nicht jedes Mal nach dem Essen schlecht fühlt. Ich fühle mich immer noch schlecht danach.

Kontrolliert außer Kontrolle: Das Tagebuch einer Magersüchtigen. Von Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn. 352 Seiten. Schwarzkopf & Schwarzkopf. 9,95 Euro

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