15.11.12

World Record Day

Aufmerksamkeit, Zuwendung, Mitleid - Weltrekord

Pfeile-Fangen und Kokosnüsse zerschlagen – was rekordtauglich ist, liegt im Ermessen der Firma Guinness World Records. Am Weltrekord-Tag versuchen auch neun deutsche Kandidaten zu überzeugen.

Foto: dpa

Am „Guinness World Records Day“ dreht sich weltweit alles um Bestleistungen: Joe Alexander fing zum Beispiel in Hamburg Harpunenpfeile mit der Hand. Er schaffte neun in einer Minute …

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Donnerstag, der 15. November 2012, ist World Record Day. Es werden jede Menge neue Bestleistungen erwartet. So gehört es sich am Weltrekordtag. Sportliche Meisterschaften und internationale Juroren sind dafür nicht vonnöten. Am Weltrekordtag hagelt es Weltrekorde ohne Stadion, ohne Turnhalle, Schwimmbecken oder sonstige Sportparcours – und größtenteils auch ohne Sport.

Jedenfalls wenn man unter Sport den olympischen Kanon der Leibesübungen versteht. Anstrengend ist es aber durchaus, was die Kandidaten so tun, um Weltrekordler zu werden. Außerdem nicht selten ganz schön gefährlich. Manchmal ist es lustig. Ziemlich oft ist es peinlich. Und immer: einfach nur bescheuert.

In Mittweida zum Beispiel, Kleinstadt in Mittelsachsen, stehen folgende Disziplinen auf dem Programm: Gewichtheben mit dem Mund. Der Rekordhalter René Richter will seinen eigenen Rekord auf 173,5 Kilogramm steigern. Außerdem: Hüpfen auf einer Hand mit Zwischenklatschern. Und die Breakdance-Disziplin Munchmill. Munchmill nennt man jene Drehbewegungen, halb auf Rücken, halb auf dem Kopf, bei dem normal konstituierten Menschen schon beim Zuschauen schwindelig wird.

Oder in Hamburg: Der Kandidat Joe Alexander hat sich gleich zwei Weltrekord-Ziele gesetzt: Er will die meisten Marshmallows aus der Luft fischen – mit Essstäbchen. Danach versucht er sich noch im Fangen von Harpunenpfeilen. Es handelt sich um Fluggeschosse, die aus einer 60-Zentimeter-Harpune abgefeuert werden. Acht Stück davon will er mit bloßen Händen aus der Luft holen. Dieses Jahr verzichtet Alexander darauf, sich fürs Pfeilefangen die Augen zu verbinden wie beim letzten Weltrekordtag.

Achtenfahren mit dem Auto

Ebenfalls in Hamburg stellt sich der Kandidat Michael Kopp folgendem Wettbewerb: Er will einen Basketball auf einer im Mund befindlichen Zahnbürste mindestens 13,5 Sekunden lang drehen. In Hamburg geht es ferner um Achtenfahren mit Auto auf vereister Fläche – im Duo. Noch was? Ach ja. Kokosnüsse zerschlagen. Mit der nackten Hand.

Verglichen damit geht es in Berlin echt bodenständig zu: Ein internationaler Lego-Workshop, an acht Standorten rund um die Welt zeitgleich. Ganz früh müssen die amerikanischen Lego-Workshopper aufstehen und am späten Abend die japanischen. Wenn in Berlin die per Los ausgewählten Kandidaten im Sony-Center zum Wettbewerb antreten, um 30 Minuten lang unter Anleitung eine Eisenbahn zusammenzubauen, ist es in Deutschland gerade 13 Uhr.

Unterdessen findet in London eine fast schon klassische Disziplin statt: ein Mini-Cooper (Ursprungsmodell) wird mit einer unfassbaren Anzahl lebender Menschen vollgestopft. 28 wäre Weltrekord. Sehr, sehr kleine junge Damen treten zu diesem Wettbewerb an. Große Mengen mobilisiert Amerika: 450.000 Kinder und Jugendliche aus den USA treten an, um den Weltrekord im Pappbecherstapeln zu erlangen. Geht es um viele gestapelte Becher? Oder um viele Becherstapler? Egal. In Sydney will der 15-jährige Lachlan Phelps den längsten Ton auf dem Didgeridoo blasen – mehr als eine Minute lang. Sport ist das nicht, aber trotzdem schwer.

Dichteste Gesichtsbehaarung und größter Po

An irre Rekorde jeder Art hat Guinness die Welt längst gewöhnt. Ein Teil der Weltrekorde wird im "Guinnesbuch der Rekorde" zusammengetragen. Es sammelt Rekorde aller Art. Nicht nur die quasisportlichen, für die man ebenso lange trainieren muss wie für Olympia, sondern auch die naturgegebenen. Die kleinsten Männer, die größten Frauen, die längsten Haare und Fingernägel.

Und dann die, die man staunend beglotzt und dabei die politische Korrektheit vergisst: die größte Mundöffnung, die meisten Finger und Zehen, die dichteste Gesichtsbehaarung, die dicksten Bäuche und Pos. Kranke als Weltrekordler. Sie stellen wie einst auf dem Jahrmarkt Leiden zur Schau. Um Aufmerksamkeit, Zuwendung, Mitleid, Geld zu verdienen. Weltrekord!

Das "Guinnessbuch" selbst ist ein Rekord. Angaben der in London ansässigen Verleger zufolge handelt es sich um das meistverkaufte kommerzielle Buch der Welt – mehr als 100 Millionen Mal ging es über den Ladentisch, übersetzt in 30 Sprachen. Nur die Bibel und der Koran finden sich häufiger in den Bücherregalen.

Werbegag eines Bierbrauers

Was 1955 als Marketing-Idee eines englischen Bierbrauers begann (angeblich, um Stammtischstreitereien im Pub schlichten zu helfen), ist inzwischen ein eigenständiges Unternehmen, das seit 2008 nicht mal mehr britisch ist, sondern an die kanadische Jim Pattison Group verkauft wurde.

Die Firma Guinness World Records ist inzwischen bekannter als das Bier, das ihm einst seinen Namen gab. Die 50 Mitarbeiter reisen auf Kosten der Sponsoren um die Welt, um bei spektakulären Rekordversuchen, wie dem Stratosphärensprung des Österreichers Felix Baumgartner, anwesend zu sein. Doch der größte Teil aller Rekordversuche findet ohne einen Guinness-Offiziellen statt. Jeder kann in seinem heimischen Wohnzimmer einen Weltrekord versuchen. Er braucht nur eine Videokamera, zwei unabhängige Zuschauer und eben eine weltrekordtaugliche Idee.

Was eigentlich weltrekordtauglich ist, liegt vor allem aber im geschäftlichen Ermessen von Guinness. Guinness World Records gibt offen zu, dass die Vermarktbarkeit eines Rekordversuchs ein zentrales Argument ist. Die Tatsache, dass Sponsoren Kapital aus einer verrückten Leistung ziehen, ist also nicht Nebeneffekt, sondern Voraussetzung für die Aufnahme ins "Guinness Buch". Der Erfolg gibt den Machern recht.

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