15.11.12

"Late Night"

Machnig will Steinbrück von den Frauen fernhalten

Anne Will diskutierte mit ihren Gästen über den "Genossen Krösus" Peer Steinbrück und seine Kanzlerträume. Doch nicht die Bochum-Affäre lässt seinen Kopf rollen, sondern der eigene Wahlberater.

Von Caroline Stern
Foto: ARD/Anne Will
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist Peer Steinbrück Wahlkampfberater. Bei "Anne Will" entpuppte er sich allerdings als Blamage für den Kanzlerkandidaten
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist Peer Steinbrück Wahlkampfberater. Bei "Anne Will" entpuppte er sich allerdings als Blamage für den Kanzlerkandidaten

Es scheint, als habe Peer Steinbrück die besten Zeiten als Politiker hinter sich. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend gaben 67 Prozent der Bundesbürger an, dass dem designierten SPD-Kanzlerkandidaten die Debatte um seine millionenschweren Nebeneinkünfte bei der Bundestagswahl 2013 schaden werde. An Sympathiepunkten hat er ebenfalls eingebüßt.

Das Vertrauen ist angeknackst, weil fünfstellige Summen für einstündige Vorträge aus der Finanzbranche kamen. Und so einer will die Banken regulieren? Das Vertrauen leidet weiterhin unter der Tatsache, dass Steinbrück sein höchstes Honorar – 25.000 Euro – ausgerechnet von der Pleite-Stadt Bochum eingestrichen hat. Und so einer will soziale Gerechtigkeit schaffen?

Die Talkshow von Anne Will setzte nun das "i"-Tüpfelchen im Fall Peer Steinbrück. Dort war nämlich dessen Wahlkampfberater zu Gast, der Thüringer Wirtschaftsminister Matthias Machnig: Steinbrücks Mensch gewordenes Schafott.

Augstein fordert neuen SPD-Kanzlerkandidaten

Machnig diskutierte zum Thema "Genosse Krösus - Steinbrücks Kanzler-Träume schon geplatzt?" mit der Bundestagsabgeordneten der Partei Die Linke aus dem Wahlkreis Bochum, Sevim Dagdelen, und dem Sportreporter Werner Hansch. An der Runde nahmen auch das Mitglied der "Stern"-Chefredaktion Hans-Ulrich Jörges und der Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag", Jakob Augstein, teil.

Augstein hatte diese Woche in seiner "S.P.O.N."-Kolumne geschrieben, dass Steinbrück "der falsche Kandidat" für die SPD sei. Bei Anne Will führte er seinen Standpunkt aus und empfahl der SPD, dringend einen neuen Kanzlerkandidaten zu stellen. Denn die einzige Chance für die Partei, die Bundestagswahl zu gewinnen, wäre, mit dem Thema soziale Gerechtigkeit zu punkten. Doch Steinbrück habe seine Glaubwürdigkeit durch die exzessiven Honorare verjubelt.

Er sei nach Ansicht Augsteins ohnehin für die aktuelle Katastrophe, die Deregulierung der Banken und Finanzwirtschaft mitverantwortlich. Für den Journalisten sei der Wahlkampf ganz klar eine Kandidaten-, keine Parteifrage: "Ich hätte es Sigmar Gabriel eher geglaubt", sagte Augstein. Regelrecht geknickt saß er bei Anne Wills Sendung um Mitternacht.

Hansch, der den umstrittenen Bochumer "Atrium-Talk" moderiert und mit Steinbrück auf der Bühne im November 2011 geplaudert hatte, lobte dessen Rednerqualitäten. Steinbrück sei unterhaltsam, ironisch, habe Charme und könne Witze erzählen. Worauf er gleich einen zum besten gab. Daraufhin erwiderte Dagdelen: "Er soll nicht der Entertainer der Republik sein, sondern der Kanzler. Er soll gegen Armut kämpfen."

Die ostdeutsche Asketin

Will schritt ein, sagte, dass Steinbrück für Mindestlöhne von 8,50 Euro und eine Rentenreform sei. Doch damit konnte sie Augsteins nachdenklichen, beinahe schon traurigen Blick nicht aufhellen. Und Dagdelen war auch nicht überzeugt: "Da ist man immer noch arm."

Umso aufgekratzter wurde Jörges von Minute zu Minute. Steinbrück sei eindeutig nicht gekauft worden, wie oft vermutet. Er rede der Industrie und den Verbänden nicht nach dem Mund, sondern wolle halt "einfach noch einmal Geld verdienen". Überhaupt sei Jörges für eine Erhöhung der Diäten von Abgeordneten, dann würden sich die Nebentätigkeiten von selbst erledigen. "Vier Reden im Bundestag und 89 Vorträge nebenbei – dann soll er sein Mandat niederlegen und draußen arbeiten", erwiderte Augstein. "Der Bundestag ist doch kein Gnadenhof."

Hansch pushte Steinbrück. Bei der starken CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse ein Herausforderer her, der mit ihr auf Augenhöhe sei. "Merkwürdig, dass Sie in der Euro- und Finanzkrise von Steinbrück als Kandidat auf Augenhöhe sprechen", entgegnete Augstein. Der Kanzlerkandidat, der Millionen nebenher verdiene und die ostdeutsche Asketin – darin sah der Verleger absolut kein gleiches Niveau.

Machnig, der Steinbrück in Sachen politischer Strategie für den Bundestagswahlkampf berät, entpuppte sich in der Talkshow als grandiose Blamage für Steinbrück und machte, wenn auch ungewollt, kurzen Prozess mit seinem Herrn. Er plusterte sich völlig unangebracht auf, schrie seine Anliegen aufgepeitscht hervor, sprach gefühlte siebzig Mal von "Klartext reden", wollte dann aber ebenso oft auch erst einmal schauen, wie es wird.

Steinbrück "wird einfach neu gebacken"

Aus seinem überwältigenden Unmaß an Worten destillierte sich folgende Essenz heraus: Machnig will Steinbrück binnen eines Jahres komplett umkonstruieren, empfiehlt ihm, von der SPD-Basis abzurücken hin zur Mitte sowie weg von Millionen möglichen Wählern – den Frauen. Augstein resignierte schon fast: "Der wird einfach neu gebacken."

Beim Bürger-Dialog in Hamburg am vergangenen Dienstag sagte Steinbrück: "Wir brauchen eine Frauenquote." Und am Mittwoch darauf fährt ihm sein Wahlberater aufs Gröbste in die Parade, indem er das Thema einfach erstickt? Abgesehen davon, dass Steinbrück den Kardinalfehler begangen hat, mit seinem kleinen Wahlkampfteam ausschließlich Männer zu präsentieren. Ist das glaubwürdig?

Als Anne Will in die Runde fragte, ob Steinbrück gar kein Interesse an weiblichen Wählerstimmen habe, antwortete Jörges: "Er hatte ja schon vorher Probleme mit den Frauen." Man solle nicht den Fehler machen, Steinbrück jetzt umzuschminken und auf Frauenkongresse zu schicken. So weit, so abgeschmackt. Doch dann wurde Jörges geradewegs trivial.

Steinbrück habe eine Schnapprhetorik, hängende Mundwinkel und eine randlose Brille. Das gebe ihm einen Fischblick und das würden Frauen wiederum nicht mögen. Nun, immerhin kommen aktuell 53 Prozent der Wählerinnen mit Merkels hängenden Mundwinkeln ganz gut klar. Wahrscheinlicher aber ist, dass es der Bundeskanzlerin tatsächlich eher um substanzielle Belange beim Führen dieses Landes geht als um Äußerlichkeiten. Die Bundestagswahl ist doch kein Model-Casting!

Deutschland will Europa führen – was will Steinbrück?

Vielleicht hat Steinbrück die besten Zeiten als Politiker – und damit Volksvertreter – hinter sich, muss der ein oder andere Zuschauer nach der Talkshow gedacht haben. Vielleicht sollte er nur noch Vorträge halten draußen in der freien Wirtschaft. Denn sein Markt sei ja so groß, wie er stetig in die Kameras tönt. Das Bundeskanzleramt erfordert jedenfalls ein wenig mehr, als das, was Steinbrück und seine Genossen bisher geboten haben.

Vielleicht passt er auch einfach nicht in diese Ära, wo persönliche Bescheidenheit und Dialog angesagt ist, statt privater Höhenflüge auf Kosten anderer und kantiges Abwürgen sämtlichen zivilen Fortschritts. Es geht immerhin um Deutschland, das Land, welches bereit ist und langfristig die Stärke besitzen soll, Europa zu führen. Insofern hat Anne Wills Talkshow erheblich zur Klärung der aktuellen politischen Lage beigetragen. Denn nach Machnigs Aussage, "Steinbrück will nur noch eins politisch: Bundeskanzler werden", war im Prinzip alles gesagt.

In 24 Tagen wählt die SPD nun endgültig ihren Kanzlerkandidaten auf dem Parteitag. Zwar steht auf dem Türschild von Steinbrücks Büro im Berliner Willy-Brandt-Haus schon siegessicher "Kanzlerkandidat", wie ein Film von Anne Wills Redaktion enthüllte. Augstein quittierte dies übrigens mit dem Satz: "Das war im Osten Berlins auch immer so, die wussten das auch immer schon vorher." Aber noch kann die Partei selbst entscheiden, wer, wie, was und mit wem. Wir leben schließlich in einem freien Land.

Das sagten die Gäste bei Anne Will

 

 

Jakob Augstein,

 Journalist und Verleger:

 

"Der Bundestag ist doch

kein Gnadenhof."

 

 

 

Matthias Machnig,

Thüringer Wirtschaftsminister:

 

"Steinbrück will nur noch eins politisch:

Bundeskanzler werden."

 

 

 

Werner Hansch,

Sportreporter und Moderator,

über Peer Steibrück:

 

"Der hat Charme

 und kann Witze erzählen!"

 

 

 

Sevim Dagdelen,

MdB, Die Linke:

 

"Er soll nicht der Entertainer der Republik sein,

sondern der Kanzler. Er soll gegen Armut kämpfen."

 

 

 

Hans-Ulrich Jörges,

 Journalist:

 

"Er hatte ja schon vorher

Probleme mit den Frauen."

 

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