14.11.12

Hanks und Berry

"Ihr seid wirklich diabolisch raffiniert!"

Was braucht ein Film, um in die Geschichte einzugehen? Ein Gespräch mit Tom Hanks und Halle Berry über den "Cloud Atlas", Stanley Kubrick und den ersten "Frankenstein"

Quelle: X-Verleih
09.11.12 5:42 min.
"Cloud Atlas" verspricht der Film des Jahres zu werden. Den Matrix-Machern und Tom Tykwer gelang es, einen fast unverfilmbaren Roman mit tollen Schauspielern und wunderbaren Bildern zu inszenieren.

Ein Drehbuch wie den "Cloud Atlas" bekommen auch Tom Hanks und Halle Berry nur alle Jubeljahre auf den Tisch. Hanks musste sogar drei Mal neu zu lesen anfangen, so ungewöhnlich war es. Doch das Resultat, sagen beide, ist etwas Revolutionäres.

Die Welt: Fangen wir mit dem Schwierigsten an. Ich bitte um eine Zusammenfassung, worum es im "Cloud Atlas" eigentlich geht. In maximal zwei Sätzen.

Tom Hanks: Sechs Geschichten demonstrieren, wie kleine Entscheidungen, die die Figuren in ihren Jahrhunderten fällen, die nächsten Tausend Jahre der Menschheitsgeschichte beeinflussen. Ein Satz!

Halle Berry: Dem schließe ich mich an. Kürzer und besser geht es nicht.

War Ihnen die Sache so klar, als Sie zum ersten Mal das Drehbuch gelesen haben?

Berry: Nein. Aber das ist es, wofür wir Schauspieler da sind, das Papier zum Leben zu erwecken. Normalerweise liest man in einem Drehbuch vor allem die Dialoge, aber hier musste ich höllisch aufpassen und jeder Kopfzeile Beachtung schenken, die einem genau sagte, in welchem Zeitalter und in welcher Figur und an welchem Ort man sich befand.

Hanks: Als ich das Drehbuch zu Ende gelesen hatte, habe ich mich völlig zurecht gefunden. Denn irgendwann beim Lesen waren die Abgrenzungen zwischen den sechs verschiedenen Geschichten in meinem Kopf gefallen, und jede Szene floss perfekt in die folgende über. Ungefähr ab der Mitte nahm die große, übergreifende Geschichte in meiner Kopf Gestalt an. Ich muss allerdings zugeben, dass ich drei Mal neu zu lesen anfing, weil ich irgendetwas Wichtiges verpasst hatte. Ein Drehbuch ist ein merkwürdiges Gebilde, nicht wirklich Literatur, aber doch eine Art Erzählung. Ich lese Hunderte von Drehbüchern, und viele sind durchaus gut, und das merkt man oft schon bei Seite zwei oder Seite sieben. Beim "Cloud Atlas"-Drehbuch war ich schon auf Seite 17 und konnte erst dunkel ahnen, wie komplex es war. Ich habe dann irgendwann beschlossen, all die Regeln fahren zu lassen, nach denen wir Schauspieler normalerweise Drehbücher lesen - und da habe ich die vielfältigen Verbindungen zwischen den Geschichten zu sehen begonnen. Aber noch längst nicht alle. Eines Morgens, als ich rekapitulierte, was wir an diesem Tag drehen würden, ging mir plötzlich noch so eine Verbindung auf, und ich sagte zu Tom und den Wachowskis: "Das ist ja diabolisch raffiniert!" In meiner Rolle als Zachry sage zu Halle in Ihrer Rolle als Meronym "Ich führe dich durch die Tore zur Hölle!" Und direkt danach öffnen sich für Jim Broadbent Hunderte Jahre früher die Tore zur Hölle, sprich, zu dem Altenheim, aus dem es kein Entkommen gibt.

Das klingt doch etwas verwirrend.

Hanks: Es ist genau umgekehrt, es ist wunderschön wie die einzelnen Motive eines orientalischen Teppichs.

Nun reden wir hier mit Worten über Bilder, und das ist immer schwierig. Und die meisten haben Schwierigkeiten, diesen Film in ein paar kurzen Worten zu beschreiben.

Hanks: Als jemand, der sich in das Kino verliebt hat, sobald er mit drei Jahren seinen ersten Film sah, sage ich: Die meisten guten Filme geben einem erst mal Rätsel auf. Ich habe Fellinis "Achteinhalb" zum ersten Mal gesehen, als ich zwölf war, und hatte keine Ahnung, worum es eigentlich ging. Aber der Film war hinreißend. Kurosawas "Sieben Samurai" habe ich zum erstmals mit fünfzehn im Fernsehen gesehen, und am nächsten Morgen ging ich voll Enthusiasmus in die Schule und erwartete, dass auch alle Mitschüler die "Samurai" gesehen hätten. Aber niemand außer mir hatte. Es kommt immer wieder ein Film, der Zuschauer völlig neu herausfordert.

Woran erinnert Sie "Cloud Atlas"?

Hanks: Da fällt mir Stanley Stanley Kubricks "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" ein. Peter Sellers spielt darin drei Rollen, den deutschen Dr. Seltsam, den englischen Offizier und den amerikanischen Präsidenten, und alles wird verwoben. Aber fragen Sie mich nicht, wie viele Regeln Kubrick darin gebrochen hat, wie in den meisten seiner Filme! Es gibt einen sogenannten Vertrag, den der Regisseur mit seinem Publikum hat, und der handelt davon, dass man sich an die etablierten Formen hält. Aber so entstehen keine richtungsweisenden Filme. Die entstehen nur, indem man diese Regeln bricht.

Und das tut "Cloud Atlas"?

Hanks: Ja, er bricht Regeln. Aber Regeln brechen, damit ist für mich kein negativer Unterton verbunden. Ganz das Gegenteil: Es befreit unsere Sehgewohnheiten, und das Publikum hat keinerlei Seh-Arbeit zu leisten. Außer: Es muss offen dafür sein.

Berry: Der Film ist noch besser auf einer Imax-Leinwand. Ich habe wieder ein paar neue Dinge gesehen, wieder ein paar kleine Juwelen, die Tykwer und die Wachowskis auf dem Weg verstreuten.

Wenn "Atlas" einer dieser Richtungsweiser ist – dann hätte ich gern eine Liste von Meilensteinen, in die Sie den "Wolkenatlas" mit einordnen.

Hanks: Wie weit soll ich zurück gehen?

Bis 1912 (Gelächter).

Hanks: Ich nehme die Herausforderung an! Zuerst fällt für "Das Cabinet des Dr. Caligari" ein, dann würde ich mit "Metropolis" fortsetzen…

Sie brauchen jetzt nicht nur deutsche Filme zu erwähnen.

Hanks: Okay, okay. Dann "2001 - Odyssee im Weltraum", der für mich die Kinokunst komplett verändert hat, weil es in den ersten dreißig Minuten lediglich um Farbe und Ton ging.

Berry: Ich würde den "Krieg der Sterne" nominieren.

Hanks: Auch der hat eine Menge Regeln gebrochen. Ich würde allerdings für "Unheimliche Begegnung der dritten Art" plädieren. Erinnert ihr euch daran, dass man lange Zeit gar nicht verstanden hat, wovon diese Leute besessen waren?

Berry: Auf jeden Fall "Inception".

Hanks: Fällt mir etwas aus den Vierzigern und Fünfzigern ein? "La Strada"!

"Citizen Kane"?

Hanks: Ja, klar. Ich habe gerade an den ersten "Frankenstein"-Film gedacht, von James Whale. Die Leute sind in Ohnmacht gefallen, schreiend aus den Kinos gelaufen. Darum geht es: Dinge zu zeigen, wie man sie noch nie gesehen hat.

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