12.11.12

76,02 Karat

Erzherzog-Joseph-Diamant, der perfekte Stein

Wird einer der schönsten nun auch einer der teuersten Steine der Welt? Christie's versteigert den in Größe, Farbe und Reinheit perfekten Diamanten. Celiné Dion trug ihn, und wohl auch Sissi.

Von Claudia Becker
Foto: dpa

Ein Model hält den zwischen zwei Fingern. Für den 76,02 Karat schweren Stein rechnet das Auktionshaus Christie's mit einem Preis zwischen 15 und 20 Millionen Dollar.
Ein Model hält den zwischen zwei Fingern. Für den 76,02 Karat schweren Stein rechnet das Auktionshaus Christie's mit einem Preis zwischen 15 und 20 Millionen Dollar.

Diamanten bringen Glück. Oder sollen es. Im April 2002 kehrte die kanadische Sängerin Céline Dion triumphal zurück, nach drei Jahren Pause. Sie war abgetreten, nachdem der "Titanic"-Song ihr weltweiten Ruhm eingebracht hatte. In "Titanic" ging es um einen Diamanten, den fiktiven Stein namens "Heart of the Ocean".

Zum Comeback war ebenfalls ein Diamant fällig. Céline Dion trat mit einer Sensation um den Hals auf, um "A New Day Has Come" zu singen. Ein neuer Tag! Im US-Fernsehen trug sie eine Halskette, daran hing der legendäre Erzherzog-Joseph-Diamant. Alfred J. Molina, damaliger Besitzer und Juwelier, schwärmte: Schön und rein, wie ihre Stimme. Er lieh das Juwel aus.

An diesem Dienstag kommt der Erzherzog-Joseph-Diamant bei Christie's in Genf unter den Hammer; er zählt sicher zu den berühmtesten Steinen der Geschichte. Francois Curiel, internationaler Chef der Schmuckabteilung des Auktionshauses, erwartet mindestens 15 Millionen Dollar für das Stück. Ein Rekordpreis wäre das nicht – Sotheby's hat erst vor zwei Jahren in Genf einen pinkfarbenen Diamanten für 46 Millionen Dollar versteigert.

Zwei Karat Verlust beim Umschleifen

Der Erzherzog-Joseph-Diamant ist dennoch einzigartig. Er verkörpert die perfekte Mischung aus Größe, Farbe und Reinheit. 76,02 Karat ist er schwer – und er wog ursprünglich noch mehr. Alfred Molina, der den Stein 1999 von einem privaten anonymen Eigentümer gekauft hatte, ließ den ursprünglich 78,54 Karäter umschleifen, um kleine Einschlüsse zu beseitigen und ihn in eine lupenreine Kostbarkeit zu verwandeln, die von einer Farbe ist, die das "Gemological Institute of America" (GIA) als die bestmögliche Stufe D beurteilte.

Céline Dion war 2002 nicht die einzige Trägerin des Diamanten. Schauspielerin Laura Harring, die eine Hauptrolle in David Lynchs Film "Mulholland Drive" spielte und ansonsten als erste lateinamerikanerische "Miss USA" in die Geschichte einging, bekam den Stein ausgeliehen – für die Oscarverleihung. Harring trug nicht nur den berühmten Stein, sie trägt auch einen berühmten Namen.

Seit ihrer Hochzeit mit Carl-Eduard von Bismarck 1987, von dem sie zwei Jahre später geschieden wurde, ist sie eine Gräfin von Bismarck-Schönhausen. Ihr Hals bot also einen durchaus würdigen Platz für einen Stein, der seinen Namen von dem Angehörigen eines anderen großen europäischen Adelsgeschlechts erhielt.

Ein Familienstück?

Seit wann der Diamant zu den Schätzen der Habsburger gehörte, ist nicht bekannt. Als gesichert gilt, dass Erzherzog Joseph August von Österreich den Stein sein eigen nennen durfte.

Vielleicht war der Diamant, dem der Erzherzog seinen Namen gab, schon lange ein Familienstück. Der Blick auf den Stammbaum legt die Vermutung nahe. Joseph Augusts Vater war Erzherzog Joseph Karl Ludwig von Österreich, seine Mutter Prinzessin Clotilde von Sachsen-Coburg und Gotha, sein Urgroßvater war der französische König Louis-Phillippe I. Gut möglich, dass in einer dieser Familien der Diamant ohne viel Aufsehen von Generation zu Generation weiter gegeben wurde.

Die Spur führt zu Kaiserin Sisi

Oder gehörte der Stein etwa Kaiserin Sisi? Schließlich war Auguste, die Gattin des Erzherzogs, eine Enkelin der Monarchin, die nicht nur für ihre Schönheit und Sensibilität berühmt war, sondern auch für ihre Schwäche für teure glitzernde Steine.

In der Schmucksammlung der Gemahlin von Kaiser Franz Joseph fanden sich nicht zuletzt 27 mit Juwelen besetzte Sterne, die sie gerne in ihr Haar flechten ließ. Ein Stein vom Format des Erzherzog-Joseph-Diamants hätte sich in ihrer Kollektion sicher gut gemacht.

Erzherzog Joseph August indes war weniger bekannt für einen luxuriösen Lebensstil als für sein ausgeprägtes kulturelles Interesse. Die Universitäten Budapest und Kolozsvar hatten ihn mit Ehrendoktortiteln bedacht, der Ungarischen Akademie der Wissenschaften stand er von 1936 bis 1944 als Präsident vor.

Wie weiter nach dem Zweiten Weltkrieg?

In Hörsälen sah man ihn häufiger als bei rauschenden Festen. Und auch Ehefrau Auguste Maria Luise von Bayern galt als bodenständig und war nicht gerade als Dame bekannt, die dem Luxus frönte und sich überaus häufig in teuren Roben und glänzend geschmückt zeigte.

Sie engagierte sich in der Wohlfahrtspflege und warb während des Ersten Weltkriegs für die "Gold für Eisen"-Aktion, die die Bevölkerung motivieren sollte, ihre Edelmetalle in kriegswichtiges Metall einzutauschen. Gut möglich, dass sich die beiden nicht wirklich viel aus dem Klunker machten.

Joseph August jedenfalls vererbte ihn schon in jungen Jahren an seinen Sohn Joseph Franz. Der hinterlegte ihn im Juni 1933 in einer ungarischen Bank. Nach dem Zweiten Weltkrieg soll der Stein in den Besitz eines europäischen Bankers übergegangen sein.

Bis 1961 verschwunden

Jahrzehntelang blieb der wertvolle Diamant in der Versenkung, bis er am 22. Juni 1961 plötzlich bei einer Auktion in London auftauchte. Doch der Stein fand keinen Käufer – und verschwand wieder für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit.

Als er 1993 von einem anonymen Eigentümer bei Christie's angeboten wurde, sorgte er für das sensationelle Ergebnis von 6,5 Millionen Dollar. Aber auch damals blieb der Käufer namenlos, von dem schließlich Alfred J. Molina, der Schmuckhändler aus Phoenix, den Stein erwarb, um ihn wieder an einen der Öffentlichkeit namentlich Unbekannten zu verkaufen.

Es liegt so Vieles im Dunkeln. Aber das macht den Reiz eines Diamanten aus, der nicht nur von seiner seltenen Schönheit lebt und von der Tatsache, dass er sich in Millionen von Jahren unter der Erde aus einem Stück Kohle in einen Stein verwandelt hat, der so klar ist wie Wasser und so hart wie nichts Natürliches auf der Welt.

Die Faszination des schönen Steins

Je geheimnisvoller die Herkunft, desto faszinierender ist er. Und bisweilen schreiben Menschen Diamanten magische Fähigkeiten zu.

Er soll Kraft verleihen, vor Feinden schützen. Manchmal soll er sogar verflucht sein.

So wie der blaue "Hope", der angeblich aus der Statue der indischen Gottheit Vishnu gestohlen wurde. Marie-Antoinette, so die Anhänger des Diamanten-Aberglaubens, soll dem Fluch zum Opfer gefallen sein, als die Guillotine ihren Hals zerschnitt, den einst der "Hope"-Diamant schmückte.

Gruselgeschichten. Sie ändern nichts daran, dass Menschen heute in Diamantenminen ihr Leben lassen. Blutdiamanten nennt man die Steine, mit denen Demagogen Bürgerkriege finanzieren.

Aus indischen Minen

Der Erzherzog-Joseph-Diamant wurde vermutlich in den indische Minen von Golkonda entdeckt. Dort, wo der blaue "Hope" gefunden wurde. Und der Dresdener grüne Diamant, der Regent und der Koh-i-Noor, aus den britischen Kronjuwelen.

Im 16. oder 17. Jahrhundert soll der Erzherzog-Joseph-Diamant gefunden worden sein, als Indien der einzige Diamanten-Fundort war.

Sagenumwoben sind die Steine, die hier aus der Erde geholt wurden. Hoffen wir, dass der Diamant seinem neuen Besitzer Glück bringt. Um einiges ärmer wird er ihn auf jeden Fall machen.

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