12.11.12

George Blake

Flucht des Dreifachagenten blamierte die Briten

Er war Dreifachagent, verriet eine der größten CIA-Operationen in Ost-Berlin und lebt in Moskau: Zu seinem 90. feierte Russlands Staatsfernsehen den Briten George Blake mit einer Dokumentation.

Foto: picture-alliance / akg-images

Auf diesem DDR-Propagandafoto bewachen im April 1956 ostdeutsche Volkspolizisten mit Sturmgewehren den aufgedeckten britisch-amerikanischen Spionagetunnel in Berlin. Er war eigentlich schon vor seiner Fertigstellung von George Blake verraten worden
Auf diesem DDR-Propagandafoto bewachen im April 1956 ostdeutsche Volkspolizisten mit Sturmgewehren den aufgedeckten britisch-amerikanischen Spionagetunnel in Berlin. Er war eigentlich schon vor seiner Fertigstellung von George Blake verraten worden

Nur sehr wenige 90-Jährige sind so gefährlich, dass gegen sie noch ein Haftbefehl besteht. Zu den Ausnahmen gehört George Blake, nach dem seit Oktober 1966 in Großbritannien und allen westlichen Staaten gefahndet wird. Obwohl bekannt ist, dass er in Moskau lebt und dort auch erreichbar ist, jedenfalls für Fernsehteams.

Zu seinem 90. Geburtstag hat ihm jetzt das russische Staatsfernsehen eine 51 Minuten lange Dokumentation mit dem Titel "Die zwei Leben des George Blake" geschenkt. Autor des Film ist Alexei Rafaenko, gedreht worden ist außer in Moskau auch in Berlin und Pasewalk.

Denn dort, etwa 120 Kilometer nordöstlich von Berlin in Mecklenburg-Vorpommern, liegen in einem Forst die Reste des spektakulärsten Verrates von George Blake: Hier hat die DDR-Staatssicherheit Teile des Spionagetunnels des britischen und US-Geheimdienstes vergraben und zu Übungszwecken benutzt. Sie wurden erst kürzlich von Wissenschaftlern des Alliiertenmuseums Berlin entdeckt.

Schon seit 1939 prokommunistisch

George Blake gehört mit den "Cambridge Five", zu denen er oft gezählt wurde, aber nie gehört hat, zu den schlimmsten Verrätern des britischen Geheimdienstes. Im Gegensatz zu den fünf Söhnen aus gehobenen Elternhäusern, die an der britischen Eliteuniversität in den Dreißigerjahren zu Salonbolschewisten mutierten, stammt Blake aus komplizierteren Verhältnissen.

Geboren 1922 als Sohn einer Holländerin und eines Ägypters mit britischem Pass, wuchs er als George Behar in Holland auf. 1936, nach dem Tod seines Vaters, schickte ihn seine Mutter nach Kairo zu Verwandten. Dort besuchte Blake die englische Schule und näherte sich unter dem Einfluss eines älteren Cousins kommunistischen Ideen an. 1939 war er wieder in Rotterdam.

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 half der junge Behar unter dem Tarnnamen Max de Vries dem entstehenden holländischen Widerstand. Dort wurde er ertappt und interniert, wegen seines Alters von noch nicht einmal 18 Jahren aber wieder freigelassen.

Behar schlug sich nach London durch, nahm hier den Namen Blake an und bewarb sich beim britischen Sabotagedienst Special Operations Executive. Fortan vernahm er deutsche Kriegsgefangene und übersetzte Dokumente. Nach dem Krieg wechselte er zum militärischen Geheimdienst MI6, in dem der sprachbegabte junge Mann weiter Karriere machte.

Einsatz in Korea

Als die Spannung auf der zwischen Kommunisten im Norden und westlich orientierten Militärs im Süden gespaltenen koreanischen Halbinsel 1948 zunahmen, wurde Blake als junger Nachrichtendienst-Offizier nach Seoul versetzt. Zuvor hatte er noch einen Schnellkurs in Russisch absolviert. Seine Aufgabe war, unter den sowjetischen Militärberatern in Nordkorea ein Agentennetz aufzubauen.

Als die Kommunisten im Juni 1950 den Süden angriffen, wurde Blake gefangen genommen. Was in den folgenden drei Jahren geschah, ist unklar. Vielleicht wurde Blake einer Gehirnwäsche in nordkoreanischen Gefängnissen unterzogen. Vielleicht gab er sich aber auch als Kommunist zu erkennen und kooperierte.

1953 jedenfalls wurde er freigelassen und kehrte als Held nach Großbritannien zurück. Für eine so lange Zeit im Kerker eines stalinistischen Regimes war er erstaunlich gesund und fit. Doch das fiel seinerzeit niemandem auf.

Bald nahm er seine Tätigkeit als MI6-Agent wieder auf und kam nach Berlin, an den heißesten Brennpunkt des Kalten Krieges. Er sollte hier gegenüber sowjetischen Offizieren als potenzieller Überläufer auftreten und sie so anwerben. In Wirklichkeit war Blake längst ein Doppelagent, der seinen Führungsoffizieren alle Geheimnisse verriet, die er erfuhr.

Triumph im Agentenkrieg

Darunter war auch die aufwendigste Einzelaktion der CIA überhaupt, der Bau eines mehrere hundert Meter langen Tunnels zu einem von der Roten Armee benutzten ehemaligen Wehrmachtstelefonkabel in Rudow im Südosten Berlins. Bevor die Abhöraktion nach jahrelanger streng geheimer Vorbereitung überhaupt beginnen konnte, hatte Blake sie an seine Auftraggeber verraten.

Doch die sowjetischen Geheimdienstler entschieden, die Rote Armee nicht zu informieren, weil auf diese Weise Blake gefährdet worden wäre. So wurde der Spionagetunnel erst "entdeckt", als heftiger Regen einen Teil der Erde darüber wegspülte.

Blake blieb eine Topquelle des KGB – nicht anders als die ein bis anderthalb Jahrzehnte älteren "Cambridge Five" Kim Philby, Donald Maclean, Guy Burgess, Anthony Blunt und John Cairncross. 1959 etwa erfuhr er von einem CIA-Topagenten im sowjetischen Militärgeheimdienst GRU. Pjotr Popw wurde 1960 hingerichtet.

Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis

Zu dieser Zeit stand Blake schon selbst unter Verdacht. Ein polnischer Überläufer hatte Informationen geliefert, die ihn indirekt belasteten. 1961 wurde der Dreifachagent festgenommen und in einem Geheimverfahren zu 42 Jahren Haft verurteilt. Britische Zeitungen berichteten, für jeden von ihm ausgelieferten westlichen Agenten habe er ein Jahr Haft erhalten, doch das war eine reine Erfindung.

Vergeblich hoffte Blake auf einen Austausch gegen britische Agenten in sowjetischer Haft. Schließlich entschloss er sich, einen Fluchtversuch zu wagen. Mit viel Glück und perfekter Vorbereitung gelang ihm im Oktober 1966 die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis und anschließend nach Moskau. Großbritannien war blamiert.

George Blake ließ sich von seiner britischen Frau scheiden und heiratete in Moskau neu. Er wurde sowjetischer Staatsbürger und schrieb 1990 seine Erinnerungen auf, deren Umsätze allerdings in Großbritannien eingefroren wurden. Das war nicht so schlimm, denn er bekam und bekommt eine Pension des KGB.

Das Honorar für die Memoiren

Seit dem Machtantritt Wladimir Putins, ehemals KGB-Offizier in Dresden, werden Ex-Spione in Russland wieder hoch geehrt. So bekam Blake zum 80. Und zum 85. Geburtstag jeweils offizielle Glückwünsche, auch von Putin persönlich.

Zum 90. Geburtstag aber hat sich der russische Geheimdienst etwas Besonderes ausgedacht: einen Dokumentarfilm, der am Sonntag zur besten Sendezeit um fünf Uhr nachmittags ausgestrahlt worden ist. Er handelt von Blakes erstem Leben als Spion und seinem zweiten in Moskau.

Im Interview erzählt er mit einem nach wie vor harten russischen Akzent. Blake geht es altersgemäß gut, aber er sieht nur noch schlecht. Seine "britischen" Kinder haben ihn mehrfach besucht und sich sogar mit seinen "russischen" Kindern angefreundet. Und Blake bekam sogar das lange in London gesperrte restliche Geld für seine Memoiren ausbezahlt.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
25.05.13Dortmund-Bayern
So erlebte Berlin das Champions-League-Finale

Auf der Fanmeile war noch Platz, einige Tausend Menschen feierten hier das Spiel zwischen Dortmund und Bayern. Die Kneipen Berlins waren hingegen voll. Das Protokoll des Champions-League-Abends. mehr...

Borussia Dortmund - FC Bayern München
25.05.13Champions League
Arjen Robben schießt die Bayern auf Europas Thron

Es war ein würdiges, hochklassiges und spannendes Champions-League-Finale mit einem verdienten Sieger. In der 89. Minute erzielte Arjen Robben des erlösende 2:1 für den FC Bayern gegen den BVB. mehr...


Jupp Heynckes und Jürgen Klopp zeigen, wie man richtig führt
00:33Kommentar
Die wahren Stars dieses besonderen Champions-League-Abends

Fußball ist die letzte Bastion des Darwinismus. In einer überwaldorften Welt setzt sich hier noch immer der Stärkere durch: Jürgen Klopp und Jupp Heynckes sind beide Gewinner dieses Systems. mehr...


Natalie Dawn spielt am Sonntagabend im Privatclub
25.05.13Tagesvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonntag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 26. Mai. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. FC Bayern München2:1 gegen den BVBRobben schießt die Bayern auf Europas Thron
  2. 2. FC Bayern MünchenJupp Heynckes„Die Entscheidung über meine Zukunft ist gefallen“
  3. 3. FC Bayern MünchenMatchwinnerArjen Robben – vom Finalpatienten zum Bayern-Helden
  4. 4. SportEinzelkritik BayernStarker Neuer hielt seine Bayern im Spiel
  5. 5. Borussia DortmundEinzelkritik BVBGündogan, Reus und Weidenfeller ragen heraus
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote