12.11.12

Erotischer Roman

Diese subtile Kunst der Perversion

Wollen Männer insgeheim alle betrogen werden? Das behauptet der Erzähler in "Liebesdienst", dem neuen Roman von Howard Jacobson. Ein kluges und böse-komisches Meisterwerk der erotischen Literatur.

Foto: Getty Images

Hauptsache, die Schuhe bleiben an: Bei Howard Jacobson findet der Seitensprung vor allem im Kopf statt.
Hauptsache, die Schuhe bleiben an: Bei Howard Jacobson findet der Seitensprung vor allem im Kopf statt.

Es gibt Bilder, die man besser allein betrachtet. "Die Schaukel" von Jean-Honoré Fragonard gehört zu dieser besonderen Gattung. Felix Quinn muss erfahren, dass seine Ehefrau Marisa das Werk, "diese wohl schlüpfrigeste Ikone rokokohafter Oberflächlichkeit", gemeinsam mit ihrer neuen Bekanntschaft eingehend studiert hat. Zu eingehend. "Meiner Einschätzung nach haben die beiden mehr Zeit mit der Betrachtung dieses Bildes verbracht, als es einem Mann und einer Frau, die offiziell nicht verlobt sind, erlaubt sein dürfte."

Denn worüber werden die beiden wohl gesprochen haben, wenn nicht über die Vagina der schaukelnden Frau, die sich mit hochfliegendem Rock einem Voyeur darbietet? Und sich eine Viertelstunde über Geschlechtsorgane zu unterhalten, das ist schon so gut wie Sex. "So wurde der Koitus zwischen ihnen vollzogen, als Akt rein intellektueller Anstößigkeit, in einem Raum voller Kunstliebhaber, von denen nicht ein einziger merkte, dass etwas Unschickliches geschehen war. Außer mir, und ich war nicht einmal dabei." Der Witz aber ist, dass der letzte Satz gar nicht stimmt, wie so viele Sätze, die Felix Quinn von sich gibt. Er war dabei. Er ist der Mann im Bildhintergrund, der, der die Schaukel anschiebt.

Ein zuverlässig perverser Erzähler

In "Liebesdienst", die englische Originalausgabe "The Act of Love" erschien 2008, hat der letztjährige Bookerpreisträger Howard Jacobson eine jener großartigen, herrlich bösen Erzähler erschaffen, an denen gerade die angloamerikanische Literatur so reich ist. Das traditionelle Label "unzuverlässig" wäre für Felix Quinn allerdings unpassend. Er ist im Gegenteil so zuverlässig wie alle Perversen. Denn eben ihre Perversion drängt sie mit der ganzen Macht des Schicksals zu ihren Taten oder auch zu ihrer Passivität, je nachdem. Sie zwingt sie, knechtet sie, unterwirft sie. Mit allergrößter Zuverlässigkeit bestimmt ihre spezielle Obsession jede ihrer Handlungen und die Geschichte, die sie uns auftischen und die wir schlucken müssen.

"Wir haben alle unsere Macken", heißt es einmal. Quinns Macke ist das Schaukelanschieben. Er wird angetrieben von dem masochistischen Wunsch, seine Frau einem anderen Mann zuzuführen, betrogen, erniedrigt und vor aller Welt zum Narren gemacht zu werden: Er träumt davon, ein Gehörnter, ein Cuckold zu sein: "Kein Mann, der seine Frau wahrhaft liebt und sie nie in den Armen eines anderen wähnt."

Und so ist er es selbst, der seine wunderschöne Frau Marisa mit dem Frauenverführer Marius im Museum zusammenbringt. Quinn ersehnt nichts mehr, als tiefste Qualen der Eifersucht zu empfinden, und dieser Wunsch ist sein einziger Lebensinhalt. Er ist ein Ingenieur der Gefühle, der sich mit Kunstfertigkeit und Intelligenz seine eigene Foltermaschinerie konstruiert.

Ohne Joyce geht es nicht in die Kiste

Im Nebenberuf ist Felix Quinn Antiquar, seine in Familientradition geführte Londoner Buchhandlung liegt ganz in der Nähe der Wallace Collection, in dem Fragonards "Schaukel" als ein Hauptwerk hängt. Seine Frau Marisa, die Frau seines Lebens, wie er unermüdlich beteuert, arbeitet ehrenamtlich im Museum. Auch ihr bald nicht mehr nur virtueller Liebhaber Marius, ein verkrachter Literaturstudent, ist ein Kunstkenner; wir befinden uns im Milieu des britischen Bildungsbürgertums, in dem literarische Anspielungen als Anmache noch funktionieren und man stolz darauf ist, dass man nicht ohne Joyce-Zitat in die Kiste springt.

"Gebildeten Menschen, besonders den in Literatur und Kunst bewanderten, stehen mehr Möglichkeiten zur Verfügung, sich über die Scheide der Frau zu unterhalten, als denjenigen, die mit fünfzehn die Schule verlassen haben." So fährt auch Quinn zur Legitimierung seines Triebs Gewährsleute von Shakespeare bis Georges Bataille auf: die Macke als Teil der Kulturgeschichte.

Quinn ist der Strippenzieher. Er macht Marius zur Marionette in einem langfristig angelegten Plan, der scheinbar auch aufs Schönste aufgeht. Seine Frau, die eigentlich gar nicht fremdgehen will, beginnt eine Affäre; Quinn beobachtet die Fortschritte aus der Ferne und genießt als Spanner die Leiden seiner eigenen Eifersucht. Später schließt er mit Marisa einen Vertrag: Die Liebenden treffen sich bei Quinns zu Hause, während er bei der Arbeit ist; hinterher muss Marisa minutiös berichten.

Ausschweifungen in literarischer Brechung

Gerade deswegen darf man "Liebesdienst" nicht mit einem pornografischen Roman verwechseln. Alle Ausschweifungen finden nur in doppelter literarischer Brechung statt: Marisa erzählt Felix, und der erzählt es dem Leser, und auch Felix erzählt statt von sexuellen Handlungen mehr von deren Wirkungen auf ihn, von seinen Aufenthalten im seelischen "Subspace", wie der Fachbegriff der Sadomasoszene für seinen ekstatischen Zustand des Schmerzes lautet.

Dass es nicht um Körperliches geht, macht ein – ausnahmsweise in der dritten Person erzählter – Besuch Quinns in einem Swingerclub deutlich, der ihm, nicht anders als all den Spießerpärchen, die er sonst so verachtet, als "Hölle" erscheint, wie von Hieronymus Bosch gemalt. BDSM ist also nicht so seins. Aber als Kunstgeschichte kann man es einsortieren.

Nabokov und Philip Roth als Ahnen

Felix Quinn gehört zu den großen, in ihrer Egomanie monströsen Icherzählern der Weltliteratur – wie der geile Puppenspieler Mickey Sabbath aus Philip Roths "Sabbath's Theater", der Mörder Freddy Montgomery aus John Banvilles "Buch der Beweise" oder der liebeswahnsinnige Bradley Pearson aus Iris Murdochs Meisterwerk "Der Schwarze Prinz" von 1973. Oder natürlich, am bekanntesten, Humbert Humbert aus Nabokovs "Lolita".

Sie sind die Ahnen von Felix Quinn, dessen Perversität gar nicht im Sexuellen liegt. Krankhaft ist vielmehr seine Unfähigkeit, von sich abzusehen. Sich vorstellen zu können, dass Menschen anders empfinden könnten als er selbst. Gefangen in seinem Schmerz, ist er zugleich blind vor Lust. Und im Glauben, Marisa und Marius nach Belieben lenken zu können, unterliegt er selbst einer fatalen Täuschung.

2010 erhielt Jacobson den Booker-Preis für "Die Finkler-Frage", eine hochkomische und tieftraurige Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität. Mit "Liebesdienst" wird der Siebzigjährige vollends sichtbar als einer der großen Romanciers unserer Zeit.

Der Leser ist der Gehörnte

Am Ende erzählt dieses raffinierte Buch über die Liebe und den Tod auch vom Erzählen selbst. Wenn Marisa in allen Details von ihren Stunden in den Armen des anderen berichtet, erreichen Erfüllung und Qual ihren Gipfel: "Wie lange noch, bis mein lüsternes Leserherz vor verzehrender wahnsinniger Freude entzweibrechen würde?" Doch wie hoch dabei der Anteil der Fiktion ist, kann Felix nicht wissen. Er will glauben, was er sich vorstellt – das ist seine wahre Macke.

Die Literatur, so heißt es einmal, "bedient unsere unreinen Wünsche. Und daher ist der Leser, in seinem ewigen Verlangen, erzählt zu bekommen – was dann, was dann –, so unrein wie jeder Gehörnte." Jeder Leser will betrogen werden. Virtuoser als in diesem Buch kann sein Verlangen kaum befriedigt werden.

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