11.11.12

Rücktritt

BBC-Chef Entwistle war total überfordert

Der überforderte Sender-Chef George Entwistle musste nach nur 54 Tagen seinen Posten abgeben. Im BBC-Skandal machte er eine klägliche Figur.

Von Thomas Kielinger
Foto: Getty Images

Konsequenz: BBC-Generaldirektor George Entwistle ist zurückgetreten
Konsequenz: BBC-Generaldirektor George Entwistle ist zurückgetreten

Dies ist die Geschichte vom Sturz des Generaldirektors der BBC und davon, was uns das lehrt. Sie liest sich wie ein Krimi, aber berührt zentrale Fragen organisatorischer Stabilität in Zeiten wachsender Skepsis gegenüber den Hochburgen des Establishments. Sie ist ein Lehrbeispiel dafür, wie schnell ein gewachsenes Renommee durch laxe Führung und eine unförmig gewordene Bürokratie verspielt werden kann.

Die British Broadcasting Corporation, besser bekannt als BBC, gehört zu den Säulen der britischen Kultur – eine Institution von weltweiter Ausstrahlung und Vertrauenswürdigkeit. Sie verbreitet Respekt und das Wohlgefühl wärmender Verlässlichkeit – Pfründen, die erklären, warum die Briten für ihre staatliche BBC weiterhin jährlich umgerechnet 170 Euro berappen.

Er wusste nichts, er hörte nichts

Und dies auch meist gerne tun, weil es zur BBC, zur neunzig Jahre alten "Auntie" (Tantchen), wie man sie liebevoll nennt, einfach keine Alternative gibt. 23.000 Angestellte stehen für den Goldstandard des Journalismus, an dem sich viele in der globalen Medienwelt messen. Ihn zu verlieren, käme einer Tragödie gleich, dem Verlust eines Teils des Familiensilbers dieser auf ihre Tradition stolzen Nation.

Dies muss man wissen, um die Krise zu begreifen, von der die BBC jetzt erfasst worden ist. Es geht um den Kernbestand nachrichtlicher Verlässlichkeit. Deren oberster Sachwalter ist der Generaldirektor, der zugleich als Chefredakteur fungiert, mithin als die letzte Instanz der Verantwortung für das, was unter der Marke BBC gesendet wird.

Dieser "Director General" nun, George Entwistle, musste nach nur 54 Tagen im Amt in den späten Stunden des Sonnabends zurücktreten, eine klägliche Figur der Überforderung durch Aufgaben, denen er nicht gewachsen war: zu wissen und zu überwachen, was in dem wichtigsten politischen TV-Ressort der BBC, "Newsnight", vor sich geht, das täglich um 22.30 Uhr nachrichtlichen Hintergrund mit zum Teil investigativen Reports bringt. Ein Muss für alle, die wissen wollen, was auf der nationalen und internationalen Agenda spielt.

Entwistle aber wusste von nichts, hörte von nichts und redete sich infolgedessen in eine Blamage nach der anderen hinein, als der Skandal der "Newsnight"-Sendung vom 2. November zutage trat. Es ging wieder einmal um Kindesmissbrauch, dieses brisante Thema, das vor allem durch die Enthüllungen um den langjährigen BBC-Entertainer und Pädophilen Jimmy Savile die Gesellschaft seit Wochen umtreibt.

Hetzjagd auf Facebook und Twitter

"Newsnight" hatte sich für den 2. November andere unglaubliche Vorfälle zu recherchieren vorgenommen, jahrelangen Missbrauch an Kindern in walisischen Kinderheimen in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In der Folge der Savile-Schandtaten sind etliche der damals in Wales Missbrauchten an die Öffentlichkeit getreten und packen heute ausführlicher aus als vor der damaligen Untersuchungskommission 1997–2000.

Darunter auch ein gewisser Steve Messham (49), der einem "Newsnight"-Reporter gegenüber zu Protokoll gab, als 14-Jähriger in einem walisischen Kinderheim systematisch geschändet worden zu sein. Unter den Tätern, so sagte er vor laufender Kamera, war auch ein ehemals hochgestellter Tory-Politiker aus der Thatcher-Ära.

Diese Andeutung, auch ohne dass der Name im Fernsehen genannt wurde, reichte aus, auf Twitter und Facebook eine wahre Hetzjagd auszulösen, die sehr schnell auf den ehemaligen stellvertretenden Schatzmeister der konservativen Partei, Lord McAlpine, zulief, dessen Name dann online herumgereicht wurde wie ein Vorausverurteilter.

"Newsnight" hatte einen unverzeihlichen Fehler begangen: Messham, der vertraulich McAlpine als den Verdächtigten nannte, wurde nicht einmal ein Foto des Politikers gezeigt, noch konsultierte die Redaktion den Untersuchungsbericht von 2000, in dem Messham bereits als "unzuverlässige" Quelle beschrieben worden war. Jetzt überstürzten sich die Ereignisse. Endlich mit einem Foto des von ihm Beschuldigten konfrontiert, musste Steve Messham in der letzten Woche zugeben, er habe sich geirrt – das sei nicht der Mann, es müsse wohl eine Verwechslung vorliegen.

Der nicht neugierige George

Noch am Freitag entschuldigte sich die Anstalt ihrerseits für das Programm vom 2. November. Doch der Generaldirektor war nicht mehr zu halten. Obwohl schon Stunden vor der Sendung über Twitter Meldungen liefen, was für eine dramatische "Enthüllung" am Abend bevorstand, wusste er nichts davon, noch machten höhere Chargen ihren Boss darauf aufmerksam, was im Busche war. Der Chefredakteur in ihm blieb ahnungslos. "Incurious George", der nicht neugierige George, so wurde er schon vor Wochen genannt, als seine Ahnungslosigkeit über eine andere "Newsnight"-Sendung vom November 2011 vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Sprache kam.

Einen "beklagenswerten Mangel an Neugier" attestierten ihm im Oktober die Abgeordneten. Das war nach dem jüngsten "Newsnight"-Skandal an der Spitze der BBC nicht mehr tragbar, und so tat Entwistle "das Ehrenhafte", wie Lord Patten, der Vorsitzende des BBC-Aufsichtsrats, am Sonnabend sagte, und trat zurück. Die gute alte BBC schwankt, und mit ihr das Vertrauen der Briten in ihren beliebten Sender. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, das angeschlagene Renommee zurückzugewinnen.

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