11.11.12

Beth Ditto

"Ich werde das Kind austragen, das steht fest"

Sie ist die Frontfrau der Band Gossip, Lagerfeld-Muse, Mode-Ikone: Beth Ditto hat ihre Biografie veröffentlicht. Jetzt spricht sie über Inzest und Vergewaltigung in der Kindheit und ihre Baby-Pläne.

Foto: picture alliance / BREUEL BILD

Die Gossip-Sängerin Beth Ditto ist für viele eine Ikone. Sie ist lesbisch, laut und dick - und sie steht dazu. Schon einige Designer wie Karl Lagerfeld machten die Frau, die mit einem Gewicht von knapp 100 Kilogramm so gar nicht zum Hungerwahn der Modewelt passte, zu ihrer Muse.

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Berliner Morgenpost: Ihre Lebensgeschichte ist faszinierend und schockierend zugleich. Viele würden so schreckliche Familiendetails wie Missbrauch, Hunger, Inzest und Armut lieber verschweigen. Sie aber legen alles offen. Warum?

Beth Ditto: Naja, ich sage immer: wegen des Geldes! (lacht) Tatsächlich wollte ich meiner Mutter unbedingt ein Haus kaufen, damit sie aus dem Trailerpark rauskommt, und ihr einen Ort geben, der nur ihr gehört. Das hat sie tatsächlich bekommen. Nichts Besonderes, einfach nur ein Haus. Aber als ich vor vier Jahren das Angebot bekam, meine Memoiren zu schreiben, hab ich zuerst nur gedacht: "Das ist doch verrückt, ich bin erst 27!

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie sich beim Schreiben gefühlt?

Ditto: Es war schwierig, die Wahrheit zu sagen. Ich wollte nicht, dass meine Familie verletzt wird.

Berliner Morgenpost: Und dennoch beschreiben Sie, wie ihre Mutter selbst an einer Essstörung litt, selten zu Hause war und wieder schwanger wurde von einem neuen Mann. In Ihrem Buch heißt es: "Wir hatten nie etwas zu essen im Haus. Wir hatten auch kein Telefon, um Hilfe zu rufen, wenn die Not zu groß wurde.

Ditto: Meine Mutter weiß heute, wie ich gelitten habe. Und sie weiß auch, dass ich alles für sie tun würde, damit es ihr besser geht. Sie ist eine sehr bescheidene Frau. Ich verstehe jetzt, warum sie so ist, wie sie ist. Sie war damals so jung, als sie ihr erstes Kind bekommen hat. Und ich glaube, darum geht es: Sie hatte nie gute Vorbilder in ihrem Leben. Und in dem Alter, in dem ich jetzt bin, hatte sie bereits fünf Kinder. Sie bekam ihr letztes Kind, da war sie schon Großmutter.

Berliner Morgenpost: Sind Sie nicht unheimlich wütend?

Ditto: Nein, die Probleme in meiner Familie haben nicht mit ihr angefangen. Sie hat ihr Bestes gegeben, um mich und meine Geschwister durchzukriegen. Ich bin immer noch so überrascht, dass sie trotz der Umstände so eine gute Mutter sein konnte. Aber ich finde es interessant, dass man mich immer nach meiner Mutter fragt und nie nach meinem Vater. Niemand will wissen, wo mein Vater war. Man verurteilt sie viel mehr als ihn.

Berliner Morgenpost: Wo war denn Homer Ditto, als Ihr Onkel Lee Roy Sie missbraucht hat? Sie schreiben über diesen Mann, dass er seine "perverse Form von Sexualität um sich förmlich verströmte" und auch Ihre Mutter von ihm als Kind "befummelt" wurde …

Ditto: Ich habe damals niemandem davon erzählt – weder meiner Mutter noch meinem Vater. Mein Vater war damals nicht mehr mit meiner Mutter zusammen. Er war auch nicht mein leiblicher Vater, sondern er hat mich als Kind angenommen und mir seinen Namen gegeben. Erst sehr viel später konnte ich meiner Mom erzählen, was Onkel Lee Roy mit mir gemacht hat. Und sie hat dann meinen Vater angerufen. Schluss war mit dem Missbrauch erst, als ich zu Lee Roy sagte: "Du musst aufhören." Viele Jahre später nahmen wir in einem Tonstudio den schwermütigen Song "Holy Water" auf – über Geheimnisse, die im Verborgenen fortleben. Da rief mein Dad an und sagte mir, dass Onkel Lee Roy gestorben ist. Er meinte: "Ich dachte, du solltest es wissen."

Berliner Morgenpost: Wünschen Sie sich nach solchen Erfahrungen keine andere Kindheit?

Ditto: Niemals, auch wenn wir als Kinder oft völlig auf uns allein gestellt waren. Wenn wir irgendetwas haben wollten, mussten wir uns selbst darum kümmern. Aber ich habe das Beste daraus gemacht. Und ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin. Ich wäre vielleicht nicht so kreativ. Ich bin analytischer, geduldiger – weil ich akzeptieren kann, dass wir verschieden sind, jeder hat eine andere Herkunft: Der eine war als Kind arm, der andere eben reich.

Berliner Morgenpost: Was glauben Sie, haben Sie an Ihrer Kindheit am meisten vermisst – außer MTV und einen guten Friseur?

Ditto:(lacht) Ich glaube, Sensibilität und eine gewisse Sorgenfreiheit. Ich hatte als Kind immer Angst, dass meine Geschwister hungern oder meinen Cousins und Cousinen etwas passiert. So eine gewisse Unschuld, verstehen Sie?

Berliner Morgenpost: In Ihrem Buch beschreiben Sie auch Ihre Wahlfamilie, also Ihre Band, die besten Freunde, die Ihnen geholfen haben, aus Judsonia rauszukommen. Wie findet man eine solche Familie?

Ditto: Wenn man eine Familie sucht, muss man die Augen aufhalten. Denn es ist möglicherweise genau die Person, die man schon lange um sich herum hat und die einen höchstwahrscheinlich in den absoluten Wahnsinn treibt. Deine besten Freunde sind immer genau die Menschen, die dich am meisten wütend, traurig oder besonders fröhlich machen.

Berliner Morgenpost: Es heißt, sie wollen bald eine weitere Familie gründen …

Ditto: Yeah! Jippiee …

Berliner Morgenpost: … und ihre Verlobte Kirsten heiraten.

Ditto: Ja, sehr bald, im Juni auf Hawaii. Ihre Familie stammt von dort.

Berliner Morgenpost: Und wer von Ihnen wird die Kinder bekommen?

Ditto: Ich werde das Kind austragen, das steht fest. Und ich kann es echt kaum erwarten. Wir wissen nur nicht genau, wie wir es anstellen sollen, es gibt ja so viele Optionen. Aber erst einmal heiraten wir, und nach der Hochzeit sehen wir weiter.

Berliner Morgenpost: Wissen Sie denn schon, wer der Vater des Babys werden soll?

Ditto: Wir sind noch unschlüssig.

Berliner Morgenpost: Jemanden, den Sie kennen?

Ditto: Ich glaube, ich würde nicht so gerne jemanden nehmen, den ich kenne. Das ist mir wahrscheinlich zu gefährlich.

Berliner Morgenpost: Und was möchten Sie Ihren Kindern als Mutter mit auf den Weg geben?

Ditto: Vor allem Selbstvertrauen und Aufmerksamkeit.

Berliner Morgenpost: Würden Sie denn mit Ihrem Kind zurück zu Ihrer Familie nach Arkansas ziehen?

Ditto: Oh ... nie, nie, niemals! Auch wenn ich meine Familie jeden Tag vermisse und sehr liebe.

Ab dem 12. November startet Gossip mit ihrer Deutschlandtour in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Mehr Informationen und alle Tourdaten unter: http://www.gossipyouth.com/de

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