11.11.12

Hinrichtung in Texas

Ein Mord und seine tödliche Vergeltung

Werner Herzog hat einen Mörder getroffen – acht Tage vor dessen Hinrichtung. Welchen Sinn hat der Tod? Der Regisseur zeigt ein brutales Verbrechen, fassungslose Familien und eine unbequeme Erkenntnis.

Foto: ZDF/Creative Differences

Michael Perry hat drei Menschen ermordet, darunter eine Mutter, die er beim Kekse backen überraschte und tötete. Er wurde deshalb in einer texanischen Strafanstalt mit der Giftspritze hingerichtet.

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Der Mörder lächelt ganz lieb. Wie ein Schuljunge sieht Michael Perry aus, der in Handschellen hinter die Glasscheibe zum Telefon geführt wird. Topfschnitt, pummelige Wangen, schüchterner Blick. Er war ein Teenager, als er drei Menschen tötete. Heute, neun Jahre später, wirkt er, als ginge er noch immer zur High School.

"Wie geht es Ihnen?", fragt Werner Herzog. In acht Tagen soll Perry hingerichtet werden.

Der Regisseur hat ihn im Todestrakt besucht. Herzogs preisgekrönter Dokumentarfilm "Tod in Texas" erzählt die Geschichte eines Verbrechens, an dessen Ende der Tod durch die Giftspritze steht.

Seinen Standpunkt zur Todesstrafe macht Herzog gleich zu Beginn klar: "Ich respektiere Sie als Mensch und bin der Meinung, dass Menschen nicht hingerichtet werden sollten." Doch Mitleid – auch das schildert der Regisseur – muss man mit Perry nicht haben.

Original-Aufnahmen vom Tatort

In knapp zwei Stunden entfaltet Herzog ein detailliertes Panorama des Mordes. Er hat mit Ermittlern, Zeugen, Angehörigen gesprochen, alle Tatorte besucht und Spuren verfolgt.

Dass der akribische Blick zurück so gut gelingt, liegt vor allem an dem Material, das Herzog aufgespürt hat. Ein Polizeivideo zeigt die Tatortbegehung: Blutlachen auf dem Wohnzimmerteppich eines gutbürgerlichen Hauses, dunkel eingetrocknete Spritzer bis an die Decke. In der Küche brennt noch Licht, auf einem Blech kleben Teigkleckse, daneben Eierschalen.

Das Opfer, die Mutter einer Familie aus der oberen Mittelschicht, haben Perry und sein Kumpan beim Kekse backen getötet. Dann haben sie ihren Sohn und dessen Freund in einen nahen Wald gelockt und dort erschossen.

Herzog fährt mit dem Sheriff zum Fundort. "Standen sie unter Drogen?" fragt er den Polizisten über die Verbrecher aus.

"Keine Ahnung", antwortet der Polizist. "Die Familie hatte ein neues Auto, das wollten sie."

Drei Menschen getötet – wegen eines Cabrios

Das Motiv für den dreifachen Mord steht noch immer auf dem Parkplatz der Polizei: Der Sheriff weist auf ein rotes Cabrio mit weißem Verdeck, die Stoßstange ist kaputt, die Reifen platt. "Deswegen wurden drei Menschen getötet." Herzogs Kamera ruht quälend lange auf dem alten Blechwrack.

Es sind solche Szenen, die "Tod in Texas" bisweilen an den Rande des Unerträglichen treiben. Denn mindestens ebenso ungeheuer wie die Sinnlosigkeit ihrer Tat ist die trostlose Lebensgeschichte der Verbrecher.

Auf seiner Spurensuche rund um die texanische Gemeinde Conroe passiert Herzog öde Felder, leer stehende Gebäude, einen Trailerpark. Dort ist Jason Burkett aufgewachsen, der Komplize Perrys. Burketts Vater sitzt ebenfalls im Gefängnis. Lebenslänglich. Im Prozess gegen seinen Sohn trat er als Zeuge auf.

Vater und Sohn sitzen in benachbarten Gefängnissen

"Was haben Sie den Geschworenen gesagt?", will Herzog wissen. "Ich habe ihnen gesagt, dass es diese Menschen auch nicht wieder zum Leben erweckt, wenn sie ihn töten. Ich habe gesagt 'Bitte töten Sie meinen Sohn nicht. Er hatte nie eine Chance weil er nie einen Vater gehabt hatte'. Ich habe ihnen erzählt, dass ich nie da war. Seine Mutter hatte vier Kinder und war alleinerziehend. Die meiste Zeit bekamen sie also Essensmarken und lebten in Sozialwohnungen und so was. Er ist in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen. Ich würde mir wünschen, dass ich seine Strafe absitzen kann, weil ich das Gefühl habe, dass es meine Schuld ist. Wenn ich mehr für ihn da gewesen wäre, wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen."

Anders als Michael Perry ist Jason Burkett der Todesstrafe knapp entgangen. Er hat lebenslänglich bekommen. Sein Gefängnis liegt gegenüber von dem seines Vaters.

Herzog gelingt es wunderbar, das Eis zu brechen, seinen Gesprächspartnern – sei es aus dem Umfeld der Mörder oder der Hinterbliebenen – bewegende Details zu entlocken.

Der Mörder beteuert seine Unschuld

Eine große Enttäuschung ist hingegen sein Gespräch mit Perry. Der Mörder stellt sich als Unschuldslamm dar, schiebt die Tat seinem Komplizen Burkett zu. Herzog hakt nicht richtig nach, lässt Perry mit seinen Beteuerungen davonkommen. Andererseits: Was war zu erwarten? Eine schlüssige Erklärung, warum er drei Menschen tötete?

"Tod in Texas" ist kein Film, der klare Antworten gibt. "Warum erlaubt Gott die Todesstrafe?" wendet sich Herzog an den Gefängnis-Pfarrer. "Das kann ich Ihnen nicht beantworten", sagt der.

War der Moment der Vergeltung für die Hinterbliebenen wenigstens befriedigend? "Irgendwie war es befreiend", sagen die Tochter und Schwester der Ermordeten nach der Hinrichtung von Michael Perry.

Das Monster ist nur ein kleiner Junge

Doch in dem Moment, als die Schwester in den Zuschauerraum tritt und durch die Glasscheibe in die grün gekachelte Hinrichtungszelle blickt, ist sie irritiert.

"Ich hatte mir im Kopf dieses riesige mordende Monster vorgestellt", erzählt sie. "Aber da lag nur dieser Junge auf der Liege." Der bis zuletzt nicht bereut.

"Tod in Texas" ist nicht rund, spart nicht aus, fügt hinzu oder interpretiert, um ein schlüssiges Bild zu liefern. Herzog hat auf einen verbindenden Kommentar aus dem Off verzichtet.

Film verzichtet auf Plädoyer gegen Todesstrafe

Er hat Mörder, Hinterbliebene, Ermittler, ehemalige Vollstrecker, Freunde, Zeugen, Protokolle, Clips und Fotos zu einem Chor zusammengeschnitten, der alle erreichbaren Fakten offenlegt, aber auf ein Plädoyer verzichtet.

Die Schilderung eines sinnlosen Mordes und einer trostlosen Hinrichtung dürfte daher weder Befürworter noch Gegner der Todesstrafe befriedigen. Doch das war wohl auch nicht Herzogs Ziel.

Der englische Original-Titel seines Films ("Into the Abyss") verspricht einen Blick in den Abgrund. Dort herrscht bedrückende Leere.

"Tod in Texas" läuft in der Nacht vom Montag zum Dienstag, 13. November, um 0.10 Uhr im ZDF. Beim London Festival im vergangenen Jahr gewann er den Preis als bester Dokumentarfilm.

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