11.11.12

ProSieben

Wie Stefan Raab den Polit-Talk revolutionieren will

Alles, was Stefan Raab anpackt, wird zum Erfolg. Aber kann ihm auch der Polit-Talk gelingen, den er von nun an sonntags moderieren wird? Ärger gab es jedenfalls schon vor der ersten Sendung.

Von Antje Hildebrandt
Foto: dapd

„Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ und läuft um 22.45 Uhr bei ProSieben
"Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen" und läuft um 22.45 Uhr bei ProSieben

Er hat es wieder getan. Gepokert. Zocken ist seine Leidenschaft. Vermutlich ist Stefan Raab der einzige Entertainer in Deutschland, dem es gelingt, daraus ein TV-Event zu stricken. Wie das geht, hat er im September gezeigt. Da lud er zum "Promi-Pokern" bei ProSieben ein.

Drei Stunden lang flogen die Karten, am Ende gewann: Raab. Und als wäre das nicht noch genug, lieferte er auch noch die Single zur Show, "den weltweit ersten Pokerschlager". Er heißt "All In/Alles auf Risiko". Es ist ein "Raabigramm", eine ironische Hommage an den Mann, der ihn am Pokertisch genervt hat, Schlagerkönig Michael Wendler. Sinnfreier Text, stumpfer Beat.

Man hat diese Melodie wieder im Ohr, wenn man die Schlagzeile liest, die eine Boulevardzeitung dem neuesten Coup des Entertainers gewidmet hat? "Platzt Raabs erste Show?" Er hat gepokert, schon wieder, diesmal mit schwindelerregend hohem Einsatz.

Das Televoting

Der Mann, dem der Ruf vorauseilt, er besitze die Formel, um Quatsch in Quoten zu verwandeln, dieser Mann also wagt sich jetzt auf ein ganz neues Terrain. Er will den Polit-Talk revolutionieren. "Die absolute Mehrheit" heißt sein neues Format. "Meinung muss sich wieder lohnen". Der Untertitel ist wörtlich gemeint. Es geht um viel Geld – 100.000 Euro soll der Kandidat kassieren, der nach drei Talkrunden die absolute Mehrheit der Stimmen bekommt. Die Zuschauer entscheiden per Televote. Kann keiner der Kandidaten restlos überzeugen, wandert die Summe in einen Jackpot.

Eine Aufwandsentschädigung? Eine Belohnung ? Oder ein Schmerzensgeld? Die Gäste der ersten Sendung standen noch nicht fest, da konnte man ihn schon hören, den Aufschrei der Empörung in der Politik. "Absoluter Unfug" sei das, ereiferte sich Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), ohnehin kein Fan des Polit-Talks.

"Wer Geld für Meinungen aussetzt, bestellt Meinungen für Geld." Zwischen den Zeilen ließ sich aber auch die Urangst der Parlamentarier heraushören. Stell dir vor, du traust dich zu SSDS, zu "Stefan sucht den Superpolitiker". Du strengst dich verdammt an, um den Spagat zwischen Parteiprogramm und Show zu schaffen. Doch keine Sau ruft für dich an.

Mal was anderes, raunten dagegen die, die sich bei den Maischbergerjauchwillplasbergillners schon häufiger den Hintern platt gesesssen haben. Er sei jedenfalls nicht abgeneigt, ließ Wolfgang Kubicki (FDP) im vorauseilenden Gehorsam verlauten, Deutschlands nördlichster Karnevalsprinz. Auch die gute alte ARD meldete sich zu Wort. Kritisch, das war nicht anders zu erwarten.

Die 100.000-Euro-Show ist schließlich eine Kampfansage an die gebührenfinanzierten Talks. "Die senden einen oft bis ins Koma", feixt Raab. Doch kann er es besser?

Fiese Fangfragen für die Omas von der Straße

Mit der ARD hat Raab noch eine Rechnung offen. Es ist noch nicht lange her, da zeigte er ihr, wie man eine Grand-Prix-Gewinnerin castet. Das ging gut, aber nur einmal, dann war Schluss mit der Lenamanie, und Raab war wieder raus aus der ARD. Keine schöne Trennung. Aber vielleicht ist sie eine Antwort auf die Frage, warum er jetzt mit so hohem Einsatz pokert.

Warum er sein Glück ausgerechnet auf einem Terrain versucht, das als abgegrast gilt. "Ich habe grundsätzlich Spaß daran, Ideen zu verwirklichen, die von mir keiner erwartet", sagt er, wenn man ihn nach seiner Motivation fragt.

Nötig hätte er es nicht. Mit 46 Jahren hat Stefan Raab erreicht, was ihm Anfang der 90er-Jahre kaum einer zugetraut hätte, als er mit einem Plastikschwert eine Papierwand aufschlitzte und das Licht der Fernsehwelt erblickte.

Willkommen bei Viva, dem Musiksender. Raab, das war der komische Vogel mit der Ukulele unterm Arm, der Promis mit selbst getexteten Schmähliedern auflauerte. Der arglose Omas in der Fußgängerzone mit fiesen Fangfragen erschreckte.

Das Privatleben ist tabu

Inzwischen ist er als Moderator, Showmaster und Produzent die wichtigste Stütze für seinen Sender ProSieben – und für das Privatfernsehen das, was Apple für die Computerwelt ist. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit fuffzich noch Fernsehen mache", hat er 1998 in einem der raren Interviews gesagt, in denen man auch ein bisschen was über den privaten Raab erfuhr. Zum Beispiel, dass er eigentlich schüchtern sei und keinen Wert auf Markenklamotten lege.

Der Sohn eines Metzgers verkaufte sich als der kölsche Jung, der er aus seiner Sicht geblieben ist – auch heute noch. Gerade hat er der Stadt, in der er heute noch lebt – mit Frau und zwei Kindern, mehr gibt er nicht preis –, ein Lied gewidmet. "Ävver et hätz bliev in Köln." Aber das Herz bleibt in Köln.

Abschied vom Fernsehen, davon ist heute keine Rede mehr. Selbst wenn er wollte, würde ihn ProSieben wohl kaum gehen lassen. Der Sender braucht ihn mehr als umgekehrt.

Inselhaftes Interesse an Politik

Raab ist zwar kein Sympathieträger wie Joko oder Klaas. Er steht in dem Ruf, er verstehe nur dann Spaß, wenn er auf Kosten Dritter gehe. Aber als Maskottchen des Senders darf er auch mal übers Ziel hinausschießen. Schließlich gilt er als das missing link zu den 14- bis 49-Jährigen. Hätte er sich sonst auf das Abenteuer Polit-Talk eingelassen?

Aber ob ProSieben im Wahlkampf ausgerechnet jene Zuschauer zum Urnengang mobilisieren kann, die es gar nicht mehr gewohnt sind, Beiträgen zuzuhören, die länger sind als die Schnipsel aus der wundersamen Welt des Fernsehens, die Stefan Raab bei "TV total" recycelt? Und ob er der richtige Mann ist, um ihr Interesse zu wecken?

Für Politik interessiere er sich nur "inselhaft", hat er erst im September eingeräumt, und das war tatsächlich kein Witz. Wenig später fiel er bei einem Foto-Quiz in seiner eigenen Show durch. Er erkannte zwar Buzz Lightyear, den Helden aus dem Zeichentrickfilm "Toy Story". Aber die blonde Frau, die seit geraumer Zeit als stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende durch die Medien geistert, Manuela Schwesig, konnte er nicht benennen.

Lückenfüller nach Altmaiers Absage

Die Politik hat es schwer im Privatfernsehen. Kein Bildungsauftrag. Und das Interesse der Jugendlichen? Vermutlich eher "inselhaft." Das hat bei der Bundestagswahl 2009 der sogenannte Erstwähler-Check von "TV Total" zutage gefördert. Da gab es 18-Jährige, die die Bundeskanzlerin in der SPD verorteten.

Es gab auch eine Elefantenrunde. Sie war ein Lichtblick in einem ansonsten humorfreien Wahlkampf. Da saßen sie stocksteif nebeneinander, Franz Müntefering und Christian Wulff, Jürgen Trittin und Karl-Theodor zu Guttenberg, Gregor Gysi und Guido Westerwelle. Und sie versuchten, sich gegenseitig an Lockerheit zu überbieten.

Doch zumindest rechnerisch konnte sich das Ergebnis sehen lassen. 30 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe, diesen Wert peilt ProSieben jetzt auch am Sonntagabend um 22.45 Uhr an, im Anschluss an den ARD-Talk von Günther Jauch.

Mit Wolfgang Kubicki also; die übrigen Stühle zu besetzen, scheint nicht ganz leicht gewesen zu sein. Erst beschwerte sich der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, er sei wieder ausgeladen worden. Dann sagte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) ab.

Doch nun sind die Lücken gefüllt, Unionsfraktionsvize Michael Fuchs kommt, und auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann und der stellvertretende Linken-Chef Jan van Akeren haben zugesagt. Keine zugkräftigen Namen. Sicherheitshalber hat Stefan Raab seinen Einsatz zurückgefahren. "Durch diese Sendung wird die Welt nicht schlechter werden", hat er gesagt. "Und das ist schon mal geil."

"Absolute Mehrheit - Meinung muss sich wieder lohnen" läuft am 11. November, ab 22.45 Uhr, live auf ProSieben.

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